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„Toten vom Bodensee“ im ZDF : Ein Fass mit doppeltem Boden

Bitte recht ratlos: Die Kommisare Zeiler (Nora Waldstätten) und Oberländer (Matthias Koeberlin, rechts) ermitteln. Bild: ZDF und Petro Domenigg

Dass es von dem ZDF-Krimi „Die Toten vom Bodensee“ jetzt schon die siebte Folge gibt, ist erstaunlich. Denn hier ist doch ziemlich viel Hopfen und Malz verloren, auch wenn es im neuesten Fall um Bier geht.

          Gruselig geht es los: Eine Frauenleiche im Hopfenfeld. Kahlrasierter Schädel, weißes Gewand. Sie wurde an den Kletterhilfen der Pflanzen mit Stacheldraht aufgehängt, und zwar „poschtmortem“, wie der Gerichtsmediziner sagt – wir befinden uns am Bodensee. Beklemmend geht es weiter: Zwei Eheleute, die den Einstieg in die Paartherapie vor Jahrzehnten versäumt haben. Er ein neurotischer Alleskontrollierer (Kaffeekonsum nur an ungeraden Tagen), sie seine eingeschüchterte Handlangerin. Die aus massiven Eichenmöbeln zusammenkompilierte Wohnhölle ein Vorgeschmack auf den Sarg. Lustig wird es auch noch: Die Kommissarin beim Bestatter, der sich vorsichtig nach den Umständen des Todes ihres Vaters erkundigt. „Mein Partner hat ihn erschossen“, zwitschert sie ihm entgegen. Er stammelt, sie durchbohrt ihn mit aseptischen Blicken.

          Vom Hopfenhorror zum Bestatterschwank eilen wir in einer Viertelstunde. Auf dem Weg nehmen wir noch kleine Lektionen über Freundespflichten mit, um anschließend dabei zuzuschauen, wie man sich in den Fallstricken schwiegerväterlicher Beratungsgespräche verheddern kann. Das ist das Spektrum, welches der siebte Teil der Reihe „Die Toten vom Bodensee“ auffächert. Er heißt „Die vierte Frau“, wurde von Hannu Salonen inszeniert und führt ein Soziopathenkabinett vor, das es in sich hat. Alles an diesem Film ist eine Spur zu überdreht, zu dramatisch, zu düster, zu verwickelt. Trotzdem lässt er sich streckenweise schmerzfrei anschauen.

          In seinen besten Momenten geht es nicht um den Mordfall, sondern um Nebensächliches, etwa die Erosion der Ehe von Kommissar Micha Oberländer (Matthias Koeberlin). Wenn er sich mit seiner Frau streitet, hält ein Quantum Realismus als sperriger Fremdkörper Einzug in eine Welt, in der die Figuren eher an zombiehafte Irre als an ZDF-Schlingel erinnern. Zu den überzeichneten Charakteren gehört auch Oberländers Kollegin Hannah Zeiler (Nora Waldstätten), die so etwas ist wie der Traum jedes Traumaforschers (siehe die bisherigen Folgen der Reihe). Als Kontrapunkt zu dieser Tristesse hat Timo Berndt, der für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, kleine Aphorismen zur Lebensweisheit in den Plot gestreut. Kostprobe: „Ordnung ist ein Zeichen für Achtung und Respekt.“

          Der Fall, um den sich der Film dreht, ist das Gegenteil von ordentlich: Die im Hopfenfeld festgeschnürte Frau scheint Opfer eines Serienkillers geworden zu sein. Allerdings finden Oberländer und Zeiler heraus, dass die Tat nicht mit dem bisherigen Vorgehen des Täters übereinstimmt. Dann wird auf dem See ein Schwimmer von einem Boot überfahren. Dumm gelaufen oder böse Absicht? Jedenfalls entdecken die Beamten im Wagen des Toten Utensilien, die darauf hindeuten, dass er der gesuchte Mörder ist. Da wir zu diesem Zeitpunkt aber noch keine dreißig Minuten hinter uns gebracht haben, kann es so simpel nicht sein.

          Worum es sonst noch geht: Bier und Bierköniginnen, Campingträume und Familiensinn, Urnenpreise und Heimwerkerei. Und um eine als vermisst gemeldete Frau, die in einem Silo eingesperrt ist, das sich langsam mit Wasser füllt. Vor allem wenn die Ermittlungen stocken, erinnert uns ihre ausweglose Lage daran, dass jede Minute zählt. Ein dramaturgisch einfacher Trick, der funktioniert, ohne die Nerven der Zuschauer über Gebühr zu beanspruchen. „Die vierte Frau“ ist ein Fernsehkrimi in qualitativer Mittellage: keineswegs gelungen, aber auch nicht so unzureichend, dass Hopfen und Malz ganz verloren wäre.

          Die Toten vom Bodensee – Die vierte Frau, heute, Montag 1. Oktober, um 20.15 Uhr im ZDF.

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