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TV-Serie „The Young Pope“ : Er ist Papst und Gegenpapst in einer Person

Weißer Rauch: Jude Law spielt den fiktiven Papst Pius XIII. alias Lenny Bellardo als einen, der sich vor allem selbst für erwählt hält. Bild: Sky/HBO

In der Serie „The Young Pope“ spielt Jude Law einen Pontifex, der nur an sich selbst glaubt. Er führt die Kirche an den Abgrund. Mit solchen Figuren kennt sich der italienische Regisseur Paolo Sorrentino aus.

          Wer ist dieser Pius XIII.? Ein Widerspruch in sich wie der eine und doch dreifaltige Gott, sagt der von Jude Law verkörperte, frisch gekürte Papst über sich selbst, und sein Antlitz strahlt kalt und makellos wie die weiße Soutane, als gehörte es einem gefallenen Engel. Ein Heiliger sei er, sagt Diane Keaton als die Nonne Schwester Mary, die jenen Lenny Bellardo in ihrem Waisenheim aufgezogen hat und seine Mutter sein könnte. Aber das müsse nicht bedeuten, dass er ein guter Mensch sei. Mary ist dem ersten Amerikaner auf dem Stuhl Petri in den Vatikan gefolgt, als seine persönliche Beraterin - oder als Schattenpäpstin, wie die Kurie munkelt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Einen leicht lenkbaren, medienwirksam jugendlichen Pontifex wollten die Kardinäle an der Spitze der Kirche sehen, nun müssen sie den Fischerring eines 47 Jahre alten Mannes küssen, dessen Aura nicht nur seine Landsleute an die des despotischen Präsidenten Frank Underwood aus der Netflix-Serie „House of Cards“ erinnern dürfte. Paolo Sorrentino aber, einer der renommiertesten italienischen Regisseure, der mit „The Young Pope“ nun seine erste Fernsehserie präsentiert, hat schon eine andere Bezugsperson für seinen Stellvertreter Christi auf Erden vor Augen: „Il Divo“, den Göttlichen.

          Ein Abgrund des Bösen

          So hieß der preisgekrönte Film, mit dem der Oscar-Preisträger Sorrentino 2009 hinter die sphinxhafte Maske des zigfach angeklagten, nie verurteilten früheren italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti schaute und mit Kinobildern, perfekt komponiert wie Tableaus von Renaissancemalern, einen Abgrund des Bösen aufriss, der Korruption und der mafiösen Verstrickungen. Immer wieder zeigte er den von Toni Servillo als mumienhaften Greis gezeichneten Andreotti wie den unbewegten Beweger im Zentrum eines satirisch überdrehten intriganten Wirbels. Nichts ließ den als devoten Kirchgänger auftretenden Politiker unheimlicher erscheinen.

          Schattenpäpstin: Schwester Mary (Diane Keaton) ist im Auftrag ihres Herrn unterwegs.
          Schattenpäpstin: Schwester Mary (Diane Keaton) ist im Auftrag ihres Herrn unterwegs. : Bild: Sky/HBO

          Sorrentinos junger Papst hat von diesem Vorbild gelernt und geht bei seinem Streben nach gottähnlicher Herrschaft noch weiter. Dass er zum Frühstück eine Cherry Coke Zero verlangt, praktisch nichts isst, die Köchin ebenso wie den Staatssekretär Kardinal Voiello - exzellent gespielt von Silvio Orlando - demütigt und sich selbst, und nur sich selbst, gestattet, im päpstlichen Palast zu rauchen, ist nur der Anfang. Dass er die Tiara Pauls VI., die dieser als Zeichen der weltlichen Macht abgelegt hatte, aus dem Museum in Washington zurückfordern will, ebenso. Eine Mischung aus Bestürzung, Trauer und namenloser Angst steht seinem Gegenüber erst ins Gesicht geschrieben, als Pius seinem zum Spion umgeschulten Beichtvater in einer sternenklaren Nacht auf der Petersbasilika bekennt, dass er nicht an Gott glaube. Einen Wimpernschlag bevor der korrumpierte Mönch in Tränen ausbricht, wischt Pius alles mit den Worten beiseite: Das war nur ein Scherz.

          War es nicht. Sorrentino hätte das Papsttum in dieser Koproduktion von HBO und Canal+ nach Borgia-Manier demontieren können, aber so einfach macht er es sich nicht. Bei ihm schleicht sich das vatikanische Grauen aus der leeren Mitte in jede Szene: Denn Lenny Belardo alias Pius XIII., dessen nackten Idealkörper wir sehen, wenn der Papst sich morgens vor dem Spiegel ankleidet, ist ein Gefäß des Nichts - nichts ist bedrohlicher, weil es das ganze Reich der Zeichen um ihn herum implodieren lässt.

          Ganz in Weiß: Doch die Farbe der Unschuld scheint bei diesem Papst (Jude Law) fehl am Platz.
          Ganz in Weiß: Doch die Farbe der Unschuld scheint bei diesem Papst (Jude Law) fehl am Platz. : Bild: Sky/HBO

          Nichts ist über seine Eltern bekannt. Nichts über seine sexuelle Orientierung. Nichts über seine Neigungen. Pius, dessen Name, weil er eine Kontinuität mit dem umstrittenen Papst Pius XII. suggeriert, Misstrauen weckt, verweigert sich Zuschreibungen wie konservativ und progressiv. Dass es kein Akt der Demut ist, wenn einer ein Nichts sein will, offenbart jede seiner Handlungen. Als er seiner Pressechefin das neue PR-Konzept des Vatikans darlegt, spricht sie von medialem Selbstmord. Der junge Papst will sein Antlitz nirgends publiziert sehen. Kein Bild soll von ihm ihn die Welt kommen, nur seinen dunklen Umriss sollen die Gläubigen sehen. Machten nicht Salinger, Kubrick und Banksy vor, dass derjenige Faszination ausübt, der sich entzieht? Die Szene wirkt umso bösartiger und komischer, als Sorrentino seinen Star Jude Law von der Kamera umschwärmen lässt und überhaupt diese Serie, die übrigens nicht im Vatikan gedreht werden durfte, eine Augenweide ist.

          Kaum eine Einstellung, die Figuren nicht von Gängen, Fenstern, Türen rahmen lässt; wir sehen immer nur rätselhafte Ausschnitte. Licht und Dunkel, sich bauschende Gewänder und Vorhänge, Gesichter aus großer Nähe, in denen sich nicht lesen lässt, und dann zu einem Choral in Zeitlupe Fußball spielende Nonnen. Pius’ Welt ist gleichermaßen glanzvoll wie klaustrophobisch, magisch wie realistisch und bevölkert von Gestalten, die aus fiebrigen Träumen stammen könnten - wie der asthmatische Klerikermethusalem oder der Kardinal, der Schwester Mary „Ma“ nennen darf. Mit Traumsequenzen führt uns der Regisseur zusätzlich in die Irre. Pius, den Regen bannend und eine Predigt der totalen sexuellen Befreiung auf dem Petersplatz haltend. Pius, sich aus einem Berg toter Säuglinge befreiend. Sein Ziel? Unbekannt. Seine Ausstrahlung? Blendend und furchterregend. Ein aus Australien geliefertes wildes Riesenkänguru zähmt er mit seinen Worten.

          Fernsehtrailer : „The Young Pope“

          „The Young Pope“ ist meisterhaft inszeniert, besetzt und gespielt. Allein, es braucht Geduld, sehr viel Geduld, bis sich etwas wie eine Story aus dem intellektuellen Vexierspiel herausschält und die Motive der Figuren Kontur gewinnen. Dann erst entfaltet sich der satirische Witz der Serie. Einer aber kann sich das alles in aller Ruhe anschauen. Pius XIII., in dessen Rolle Jude Law glänzt, wird seine Geheimnisse nicht so schnell preisgeben.

          The Young Pope beginnt an diesem Freitag, 21. Oktober, um 21 Uhr bei Sky Atlantic HD.

          Quelle: F.A.Z.

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