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TV-Serie „The Deuce“ : Von Kopf bis Fuß auf Dollars eingestellt

Einer schenkt ein, der andere teilt aus: James Franco spielt die Zwillingsbrüder Vince und Frankie – Barmänner mit Ambitionen. Bild: HBO/Sky

Der „The Wire“-Autor David Simon legt sein nächstes Serienepos vor: „The Deuce“ erzählt von den Anfängen der Pornoindustrie in New York. Sie zeigt, was es heißt, im turbokapitalistischen Sexgewerbe zu arbeiten.

          Das ist New York City“, sagt James Franco als Vince Martino, nimmt noch einen Zug aus der Zigarette und schenkt nach in seiner rauchgeschwängerten, von Soulbeats durchbebten Bar, in der Zuhälter und Huren sich am Tresen drängen – der erste Drink geht aufs Haus –, Transvestiten und Schwule von Selbstverwirklichung träumen und Cops Studentinnen abschleppen. Schutzgelderpresser geben sich die Klinke in die Hand und fliegen hochkant raus, weil schon ein italienischer Clan die Hand auf dem Laden hat, und Vinces Zwillingsbruder Frankie, ein Windhund vor dem Herrn, häuft am Pokertisch wieder Spielschulden an, während draußen rund um den Times Square die Mädels vom Straßenstrich ungerührt weiter ihre Runden drehen, als wieder einer mit Messer im Bauch auf dem in allen Neonfarben leuchtenden Asphalt liegt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Man muss die Leute überraschen“, sagt Vince, der Bar-Manager, es müsse für jeden etwas geboten werden. Und das tut „The Deuce“, die neue HBO-Serie des „The Wire“-Schöpfers David Simon, weiß Gott. Sein Werk katapultiert uns aus dem Drogensumpf von Baltimore mitten in die New Yorker Rotlichtszene der frühen Siebziger, die kurz davor steht, im großen Stil einen neuen Geschäftszweig aufzuziehen: Pornofilme und sogenannte Erwachsenenkinos (in denen es noch vor Ratten nur so wimmelt).

          Das Sexbusiness als System

          In epischer Breite rollt die Serie, die Simon als ausführender Produzent mit George P. Pelecanos ersonnen hat, alles auf, was der Mikrokosmos hergibt – auch an Schauwerten: Liebe und Leid, ziemlich explizite Sexszenen (so oft waren wohl noch nie Männer unten ohne im amerikanischen Fernsehen zu sehen) und Gewalt, eine perfekte Ausstattung, Beleuchtung, Bildregie und Stars in tragenden Rollen, dazu eine Vielzahl weiterer, exzellent besetzter Figuren, von denen nahezu jede sperrig genug ist, um Schablonen zu sprengen. Das alles zusammen sorgt für ein Gefühl von Authentizität, die Welt dieser Figuren ist dreckig genug, um lebendig zu wirken. Und wie.

          Was „The Deuce“ zu mehr macht als eine auf acht Episoden ausgedehnte Karussellfahrt über den Jahrmarkt erotisch aufgeladener Sensationen, ist die Fähigkeit, das Sexbusiness als System zu zeichnen. Jede einzelne Figur mit ihrem individuellen Schicksal wird wie an unsichtbaren Fäden von Größerem geleitet: der Macht des Geldes vor allem – hier herrscht Kapitalismus in Reinstkultur –, aber auch gesellschaftlicher Strömungen wie der Anti-Vietnam-Stimmung, Rassenkonflikten und der Frauenemanzipation. Am Ende siegt immer das Kapital. Darüber muss man nicht reden, das ist einfach so, das taugt auch nicht für mit Existentialismus bildungshubernde Belehr-Diskurse über die Herabwürdigung der Frau zur Ware, zum Objekt. Abby (Margarita Levieva), die Studentin mit der Carole-King-Frisur, lernt das schnell, als sie bei Vince anheuert. Und zieht, wie alle Kellnerinnen, Netzstrumpfhosen und Body an. Gibt mehr Trinkgeld, Sex sells.

          Warten auf Kundschaft: James Franco und Maggie Gyllenhaal (rechts) in „The Deuce“.
          Warten auf Kundschaft: James Franco und Maggie Gyllenhaal (rechts) in „The Deuce“. : Bild: HBO/Sky

          Methodisch wie in „The Wire“, wo Simon Stück für Stück den Drogenhandel, die Polizeiarbeit und die Rolle der Medien auseinandergenommen hat, geht es in „The Deuce“ nicht zu. Hier sucht jeder Charakter durch einen Wirbel von Eindrücken und schnell geschnittenen Szenen seinen Weg, der immer wieder in die Bar der Martino-Brüder führt. Sie geben der Serie ihren Titel: „The Deuce“ bezeichnet die Zwei im Glücksspiel – und den Leibhaftigen.

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