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Netflix-Serie „The Sinner“ : Ein Musterbeispiel von Gewalt

  • -Aktualisiert am

Sie ist sich selbst ein Rätsel: Jessica Biel spielt Cora Tannetti. Bild: Peter Kramer/USA Network

Als junges Mädchen war Jessica Biel in der Serie „Eine himmlische Familie“ die Tochter aus harmonischem Hause. Jetzt sehen wir sie in „The Sinner“, wie sie in wenigen Sekunden die Idylle zerstört.

          Immer wieder diese Tapete. Cora Tannetti (Jessica Biel) sieht sie in ihren Träumen, unter der Dusche, in ruhigen Momenten. Wie ein Blitz schlägt das Bild des Barockmusters unvermittelt in ihr Bewusstsein, doch einordnen kann sie das Muster nicht.

          Das Motiv zitiert einen Meilenstein der frühen feministischen Literatur der Vereinigten Staaten. In der Kurzgeschichte „Die gelbe Tapete“ (1892) erzählt Charlotte Perkins Gilman die Geschichte einer jungen Mutter, die langsam in den Wahnsinn abdriftet, als sie während der von ihrem Mann verordneten Bettruhe in einem vergitterten Raum wochenlang an die Wand starren muss.

          Auch Cora Tannetti ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Ihr Ehemann Mason (Christopher Abbott) ist liebevoll und fürsorglich, ein positiver Mensch. Die Schwiegereltern wohnen gleich nebenan und passen gern auf das Kind auf, wenn Cora und Mason keine Zeit haben. Das Geschäft läuft. Doch in Cora gärt es. Immer wieder schweifen ihre Gedanken ab. Sie steigt in einen See und schwimmt und schwimmt. Bis sie nicht mehr kann, dann verschwindet sie im Wasser. Die Familie ruft nach ihr, sie taucht wieder auf, doch der Ausbruch folgt, und er ist wahrlich grausam. Am Ufer des Sees herrscht ausgelassene Stimmung, Familien und Freunde genießen den sonnigen Wochenendtag. Cora schneidet eine Birne für ihren Sohn, während vor ihnen ein junges Paar turtelt. Plötzlich steht Cora auf, und Sekunden später ist der Strand blutüberströmt.

          Sommer, Sonne, See: Noch scheint die Welt in Ordnung. Doch gleich wird Cora (Jessica Biel, Mitte) ihre junge Familie ins Chaos stürzen.
          Sommer, Sonne, See: Noch scheint die Welt in Ordnung. Doch gleich wird Cora (Jessica Biel, Mitte) ihre junge Familie ins Chaos stürzen. : Bild: Brownie Harris/USA Network

          Nicht nur der Zuschauer, sondern auch unzählige Augenzeugen haben mitangesehen, was passiert ist. Doch niemand weiß, warum. Aus dem Whodunnit wird also ein Whydunnit. Das wird von den Machern als ganz und gar innovatives Konzept verkauft, dabei arbeitet „The Sinner“ mit einem gängigen Muster, was der Serie freilich keinen Abbruch tut. Cora gesteht ihre Schuld sofort ein und wünscht keinerlei Verteidigung. Dem passionierten und privat gebeutelten Ermittler Harry Ambrose (Bill Pullman) lässt die Sache aber keine Ruhe. Während Cora für die Öffentlichkeit als wahnsinnige Mörderbraut gilt, weigert sich Ambrose, die Tat als puren Ausbruch sinnloser Gewalt einzustufen. Er stößt tatsächlich schnell auf Ungereimtheiten in Coras Aussagen. Doch lügt sie, oder weiß sie tatsächlich nicht, was sie zu diesem Mord getrieben hat? Als Zeugin in eigener Sache ist Cora nicht gerade verlässlich.

          Die Schauspielerin Jessica Biel hatte ihren Durchbruch als Teenager in der Serie „Eine himmlische Familie“, die in elf Staffeln mit 243 Folgen von 1996 bis 2007 lief. Dort spielte sie die älteste Tochter einer neunköpfigen Vorzeige-Pastorenfamilie, in der man sich stets mit einem herzlichen „Ich liebe dich“ voneinander verabschiedete. In „The Sinner“, bei dem sie auch als ausführende Produzentin fungierte, spielt Jessica Biel nun das Gegenteil. In Rückblenden offenbaren sich dem Zuschauer Bruchstücke aus Coras Vergangenheit, die dem titelgebenden Motiv der Sünde eine weitere Bedeutungsebene verleihen. Der Kreislauf von Sünde, Beichte und Selbstkasteiung ist das Muster, das sich durch Coras Leben zieht, bevor sie in der mysteriösen Tapete ein neues findet.

          Coras Fall scheint klar, nur der Ermittler Harry Ambrose hat seine Zweifel: Jessica Biel und Bill Pullmann in „The Sinner“.
          Coras Fall scheint klar, nur der Ermittler Harry Ambrose hat seine Zweifel: Jessica Biel und Bill Pullmann in „The Sinner“. : Bild: Peter Kramer/USA Network

          Ihre streng religiöse Mutter setzte auf schwarze Pädagogik und bläute Cora ein, jedes Stück Schokolade könne den Tod ihrer Schwester nach sich ziehen, jeder unzüchtige Gedanke könne ihr eigener Untergang sein. Der Ermittler Ambrose hat mit seinen Sünden zu kämpfen, wenn er sich von einer Prostituierten demütigen lässt. Zugleich versucht er, seine Ehe zu retten. Abgesehen davon bleibt die Figur im Vergleich zu Biels Rolle eher blass und erfüllt vor allem ihre Funktion als vertrauenswürdige Vaterfigur für Cora. Das könnte sich im Lauf der Serie allerdings ändern.

          Die auf acht Folgen angelegte erste Staffel ist als geschlossene Erzählung angelegt und basiert auf dem 2008 erschienenen Roman „Die Sünderin“ der deutschen Krimiautorin Petra Hammesfahr. Am Ende kennen wir Coras Geschichte und wissen, was es mit dem Tapetenbild auf sich hat.

          Serientrailer : „The Sinner“

          Da die Serie in den Vereinigten Staaten, wo sie im August beim Sender USA Network startete, großen Erfolg hatte, suchen die Produzenten nun nach Wegen, „The Sinner“ weiterzuspinnen. „Ambrose’ Geschichte steht noch ganz am Anfang“, sagte der Chefproduzent Derek Simonds im Gespräch mit dem „Hollywood Reporter“ und verwies darauf, dass man weitere abgeschlossene Fälle in limitierter Serienform produzieren könne, mit Bill Pullmans Figur als verbindendem Element.

          Ein solches Format hat mit dem Erfolg der Streaming-Anbieter in den letzten Jahren wieder an Beliebtheit gewonnen. 2014 aktualisierte die Hollywood Foreign Press dementsprechend die Kriterien für die Golden Globes: Die „Miniseries“ wurden zu „Limited Series“. Sie dürfen seither mehrere Staffeln umfassen, solange diese in sich selbst abgeschlossen sind. Sollte „The Sinner“ in dieser Form weitergeführt werden, könnte sich die Serie in die Riege von „Fargo“, „True Detective“ und „American Horror Story“ einreihen.

          The Sinner ist bei Netflix im Programm.

          Quelle: F.A.Z.

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