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Die Arte-Serie „River“ : Er spricht zuerst mit den Toten

  • -Aktualisiert am

Leidet nicht nur unter Halluzinationen: Kommissar John River (Stellan Skarsgård) gerät zunehmend unter Druck. Bild: BBC

Der Sechsteiler „River“ handelt von einem Kommissar, der sieht und hört, was andere nicht wahrnehmen. Der Schauspieler Stellan Skarsgård darf hier zeigen, weshalb er ein gefragter Charakterdarsteller ist.

          Mehr als neun Millionen Briten leiden unter Einsamkeit, heißt es in einer Studie der noch von Jo Cox, der 2016 ermordeten Labour-Politikerin, angeregten „Joe Cox Commission on Loneliness“. Die britische Premierministerin Theresa May, die sie ebenfalls las, hat nun eigens eine „Ministerin für Einsamkeit“ benannt, um Abhilfe zu schaffen.

          Für John River, einen gebürtigen Schweden, den es nach London verschlagen hat, kommt ein solches Ministerium zu spät. Aber er hätte für den politischen PR-Stunt ohnehin nur ein müdes Lächeln übrig. Er hat sich mit der Einsamkeit längst arrangiert. Es gibt Schallplatten, die man dagegen auflegen, mentale Schutzmauern, die man um sich errichten kann. Erleichtert wird sein Arrangement durch die Kollegin, mit der River am Arbeitsplatz zusammengespannt worden ist. Ein Liebespaar sind sie nicht. Aber sie stehen sich nahe, und wie sehr er sie braucht, wird dem Mittsechziger, einem ungelenken Mann mit Anzug und Mantel, zu Beginn des Mehrteilers „River“ bewusster denn je. Die Kollegin stirbt. Sie war der einzige Mensch, der River Halt gab.

          Keine falsche Sentimentalität

          Die sechs Folgen der Mini-Serie beobachten die Folgen dieses Verlusts. Falsche Sentimentalität kommt dabei nicht auf (richtige schon). Zum einen hat Abi Morgan, eine Dramatikerin und Autorin, die 2013 für die Serie „The Hour“ einen Emmy erhielt, ihre Psycho-Studie als Krimi getarnt; das erfüllt seinen Zweck. Zum anderen wird John River von Stellan Skarsgård gespielt, einem Charakterdarsteller mit ausgeprägter physischer Präsenz, Lebenserfahrung und einem Postfach voller Drehangebote.

          Ihn interessierte an Morgans Projekt der Mut zum „impressionistischen Storytelling“, sagte er vor zwei Jahren bei der Premiere von „River“ auf BBC und Netflix: „Normalerweise ist die Story das Skelett, und du packst darauf Fleisch. Hier gibt es fast kein Skelett, was bedeutet, dass das Fleisch verflixt fest sein muss, um es zusammenzuhalten.“ Er warf sich ins Zeug, als müsse er es sich selbst noch einmal beweisen. Manchmal mit großer Geste: Für „River“ kletterte Skarsgård in die Krone eines Baums, wenn der Plot es vorsah. Er sang Karaoke. Und sprang nachts in einen Pool. Sein Mienenspiel sagt dabei mehr über die zerrissene Seele Rivers als sämtliche Worte im Script. Ein schweigsamer, zu Geplauder weder willens noch fähiger Mann. Der vom Leben allerdings mehr versteht, als man zunächst so meint.

          Fernsehtrailer : „River“

          Dass wir River trotz seiner Schweigsamkeit reden hören, liegt an einer Marotte. Hier ließ sich die Drehbuchautorin von Anthony Minghellas Tragikomödie „Wie verrückt und aus tiefstem Herzen“. In dem Film von 1991 erscheint ein Toter (Alan Rickman) seiner trauernden Geliebten, um ihr das Abschiednehmen zu erleichtern.

          River ist von mehreren Toten umgeben: Er spricht laut mit Menschen, die nur er sehen kann und die außer ihm nur der Zuschauer sieht. Mit historischen Figuren wie dem schottischen Serienmörder Thomas Neill Cream (Eddie Marsan), über den er ein Buch liest. Einem Mädchen, deren Tod er aufklären muss, einem toten Dealer, den er leider selbst ins Unglück gehetzt hat.

          Und mit Jackie „Stevie“ Stevenson, natürlich, die wir erst als lebendige Tote erkennen, nachdem uns die Kamera ihren zertrümmerten Hinterkopf gezeigt hat. Stevie, entwaffnend gespielt von Nicola Walker, ist die Kollegin, mit der River auf Verbrecherjagd war. Ihre extrovertierte Art ging dem verschlossenen Mann im Anzug oft auf den Wecker: „I love to love“ trällerte Stevie, während er schon mit dem Begriff „Liebe“ ein echtes Problem hat. Aber er trauert um Stevie wie ein Hund, während er ihrem Mörder nachstellt – und zu verhindern versucht, dass nun das ganze Ausmaß seiner Psycho-Macke ans Tageslicht kommt.

          „River“ kreist nicht nur um die Frage, was Menschen für Menschen bedeuten, sondern auch darum, wie es sich mit der Gemeinschaft und dem Einzelnen verhält. Man muss nicht erst laut mit sich selbst reden, um als Außenseiter zu gelten. „In der Welt von heute“, wird River irgendwann stöhnen, „muss man lächeln und Smalltalk machen können und Bier trinken und fragen: Wie war dein Tag?“ Ihm würde es schon reichen, einfach ein guter Polizist sein zu dürfen. Seine Halluzinationen sind dem Job ja im Grunde recht dienlich.

          Sämtliche Filmfiguren von Polizisten wie Chrissie Read (Lesley Manville) oder Ira King (Adeel Akhtar) bis zur Freundin eines verunglückten Drogendealers, der ein erster Tatverdächtiger ist, erscheinen wie direkt aus dem Leben gegriffen. Die Serie wartet zudem mit Poetischem auf wie der Szene im Baum oder einem Besuch in „Shakespeare’s Globe Theater“; mit Skurillem wie einer Trauerfeier, bei der viel Alkohol fließt und eine Hinterbliebene am Sarg einen Hard-Rock-Titel anstimmt. Bis zur halbwegs stimmigen Auflösung des Mordfalls fließt der Plot ruhig dahin wie der Fluss des Lebens, den „River“ im Titel trägt.

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