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Amazon-Serie „The Last Tycoon“ : Was sich NS-Deutschland von Hollywood wünschte

  • -Aktualisiert am

Sind sich über den Kurs des Hollywood-Studios nicht einig: Monroe Stahr (Matthew Bomer, links) und Pat Brady (Kelsey Grammer). Bild: AP

Die Vorschläge des deutschen Zensurgesandten werden durchgewinkt: Die Amazon-Serie „The Last Tycoon“ will großes Kino und auch noch zeitkritisch sein. Das klappt leider nicht ganz.

          Vor Jahren zeigte das Jüdische Museum in New York die Ausstellung „Entertaining America – Jews, Movies and Broadcasting“. Eingeladen wurde ins Wohnzimmer der fiktiven Goldbergs – und in ihr Familienleben der zwanziger bis fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Man hörte mit ihnen Radio, schaute Fernsehen; am Anfang aber war das Kino, die große Leinwand mit ihren Illusionen aus Hollywood, auch „Tinseltown“ genannt. In glitzernd beleuchteten Schreinen präsentierte das Museum Artefakte der Goldenen Ära der Unterhaltung während der Großen Depression der dreißiger Jahre und Memorabilien jüdischer Stars von den Marx Brothers bis zu Marilyn Monroe, die für ihre Ehe mit Arthur Miller zum jüdischen Glauben konvertierte.

          In der Amazon-Prime-Serie „Der letzte Tycoon“ sitzt im Büro des Studiobosses Pat Brady (Kelsey Grammer) der von NS-Deutschland gesandte Zensurbote Dr. Georg Gyssling (Michael Siberry) mit albinohafter Blässe und Schlangenblick und versichert, es gebe keinen größeren Filmfan unter der Sonne als den „Führer“. Das deutsche Volk aber dürfe nicht beleidigt werden. Aus den Goldbergs im neuen Script sei doch leicht eine Familie Smith zu machen. „In Brooklyn?“ fragt Studioleiter Monroe Stahr (Matt Bomer), der selbst Jude ist, entgeistert.

          Brady aber stimmt zu. Alles offen Jüdische in den Filmen soll gestrichen werden. Die großen Studios akzeptieren. Als nächstes kommt die Forderung, alle in Deutschland-Büros beschäftigten jüdischen Mitarbeiter zu entlassen. Was auch geschieht. „Keine Kunst ohne Kommerz“, sagt Brady. Deutschland ist der zweitgrößte Auslandsmarkt. „Golden Boy“ Stahr muss selbst sein Herzensprojekt „The Minna Davis Story“ begraben. Es ist die Geschichte seiner verstorbenen Frau, eines armen Mädchens aus Irland, das im New Yorker Stadtteil „Hell’s Kitchen“ von Verwandten ausgebeutet, für den Film entdeckt und zum Star wird und ihren Förderer heiratet. Ihn, Monroe Stahr, den großen Zampano, den Unterstützer ambitionierter Filme, den Beschützer ausgebeuteter Autoren. Janusköpfig, Genius und Zerstörer in einer Person, Vielgeliebter, Vielbeneideter, mit einem Herzfehler, der ihn irgendwann sicher umbringen wird. Eine gemischtrassige Ehe im Film, sagt der Gesandte Gyssling, sei unmöglich. Brady untersagt seinem Angestellten und Ziehsohn jede Zimperlichkeit.

          „The Last Tycoon“, von Elia Kazan nach Harold Pinters Drehbuch mit Robert de Niro in der Hauptrolle des bewunderten Monroe Stahr schon einmal verfilmt, ist der letzte, Fragment gebliebene Roman von F. Scott Fitzgerald. Die parabelhafte Geschichte vom Aufstieg und Fall des Studiomoguls ist erkennbar dem Leben des legendären MGM-Produzenten Irving Thalberg nachgezeichnet. Das unvollendete Buch ist eine auch politisch klarsichtige Hommage an das Hollywood der Dreißiger, das Zeugnis märchenhaften Glanzes ist, in dessen direkter Nachbarschaft sich ein Armutsviertel mit Gestrandeten aus Oklahoma ausdehnt.

          Haben etwas füreinander übrig: Kathleen Moore (Dominique McElligott) und Monroe Stahr (Mathew Bomer)
          Haben etwas füreinander übrig: Kathleen Moore (Dominique McElligott) und Monroe Stahr (Mathew Bomer) : Bild: AP

          Die Serie bemüht sich um die Authentizität der Illusionsfabrik nicht nur im Bild, sondern auch bei den Kompositionen für großes Orchester (Musik Mychael Danna). Es geht um Macht und Neid, Triumph und Niederlage, Misstrauen und berückende Auftritte. Selfmademen betrachten Frauen als sexuell verfügbares schmückendes Beiwerk und Projektionsfläche.

          Die Script-Autoren sind „literarische Tagelöhner“. Die Figur des Autors George Boxley ist ein Selbstporträt des Romanautors, angereichert mit Zügen Aldous Huxleys. Fritz Lang verzweifelt als Hollywood-Regisseur, ebenso wie andere Exilierte. Studiobosse behindern die Gründung von Gewerkschaften. Bradys Tochter Celia (Lily Collins) will sich hinter dem Rücken ihres Übervaters mit Hilfe Stahrs, den sie liebt, als Produzentin etablieren. Der hat ein heimliches Verhältnis mit ihrer Mutter Rose (Rosemarie DeWitt) und lernt die junge Irin Kathleen Moore (Dominique McElligott) kennen und lieben.

          Filmtrailer : „The Last Tycoon"

          Um Schein und Sein, glamouröse Oberfläche und verbrecherische Abgründe, die Käuflichkeit der Moral, Loyalität (zum Kino) und Besessenheit für gute Geschichten geht es in der aufwendig produzierten Amazon-Serie zuallererst. Der Regisseur und Drehbuchautor Billy Ray setzt auf nostalgische Schauwerte und große Gefühle. In neun einstündigen Folgen prunken die Hollywood-Kulissen. Und Kulisse ohne Tiefe ist hier alles: Die Armen aus Oklahoma gruppieren sich dekorativ um ihr Feuer; der NS-Scherge ist die böse Figur schlechthin. In der Überzeichnung, dem tragischen Heldentum und den großen Gesten bekommt „Der letzte Tycoon“ etwas Stummfilmhaftes. Monroe Stahr muss nach Lage der Dinge ein böses Ende nehmen. Das Amazon nicht lange abwarten wollte: Der Konzern hat „The Last Tycooon“ nach der ersten Staffel abgesetzt. Aus dem echten Hollywood aber kamen schließlich, um die Handlung der Serie aufzunehmen, in geschichtsmächtiger Volte, die Fernsehserie „Holocaust“ und Spielbergs „Schindlers Liste“.

          The Last Tycoon, von sofort an bei Amazon Prime.

          Quelle: F.A.Z.

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