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ZDF-Dreiteiler „Maximilian“ : Im Nebel der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Eine Ehe-, aber kein Liebespaar: Maximilian (Jannis Niewöhner) und Maria von Burgund (Christa Théret). Bild: ZDF und Thomas W. Kiennast

Teure Kulissenschieberei zwischen Wien und Gent: Der Historienfilm „Maximilian“ macht aus dynastischer Machtpolitik eine Seifenoper. Muss deutsches Fernsehen ein solcher Schinken sein?

          Welch eine Zeit! Was weit im Süden als Wiedergeburt begann, hat inzwischen die gesamte alte Welt erfasst. Religionen wanken, Weltreiche entstehen, die kaiserliche Zentralmacht bröckelt. Das Recht und die Kunst erblühen, Wissen verdrängt den Aberglauben. Die Umbrüche sind gewaltig. Es verwundert nicht, dass um 1500 auch die alte Adelsideologie wieder idealisiert wird. Kaiser Maximilian I., sich selbst zum „letzten Ritter“ stilisierend, hat daran einigen Anteil. Die lukrative Heiratsverbindung dieses anfänglich wenig vermögenden Habsburgers mit der Herzogin Maria von Burgund, der von allen Seiten, vor allem aber vom französischen König bedrängten Erbin eines märchenhaft reichen Landes – zum Herzogtum des im Januar 1477 gefallenen Karls des Kühnen gehörten die burgundischen Niederlande mit den Handelsstädten Gent, Brügge und Antwerpen –, bietet sich als Schlüssellochblick geradezu an, weil sich hier ein ganzes Zeitalter zu verdichten scheint: Altes und Modernes in dynastischer Verschränkung, der Beginn der Neuordnung Europas.

          Es ist erschütternd, wie wenig von all dem Eingang findet in die gefühlige Kostümklamotte „Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe“. Schon der Vorspann des Dreiteilers im Auftrag von ORF und ZDF lässt die Misere erahnen, denn die schwülstig historisierende, romantisch verbrämte Ritterkitschoffensive voller Flammen, Vogelschwärme und dramatischer Musik, die mit einem handschriftlichen „Maximilian“ endet, erinnert mehr an eine Sektreklame als an den Versuch, sich mit Neugier und Witz der Vergangenheit zuzuwenden. Dass letzteres funktionieren kann, sogar ohne Obrigkeitsverherrlichung, hat vor zwei Jahren die BBC mit „Wolf Hall“ gezeigt.

          Trailer : „Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe“

          Eine so genaue und geistreiche Versenkung in die eigene Geschichte scheinen unsere Sender für unzumutbar zu halten. Daher wurde die Historie bis zur Unkenntlichkeit verbogen zu einem läppisch-täppischen Liebesmelodram, bei dem man offenbar vor allem auf die Kulisse stolz ist: „55 Burgen, Schlösser, Kreuzgänge und mittelalterliche Straßenzüge, 3.000 Komparsen, 680 Pferde, 1.050 Kostüme und 450 Rüstungen“. Billig war das mit mehr als fünfzehn Millionen Euro nicht. Als Legitimation für den Romantikfokus dient Maximilians Verklärung seiner ersten Ehe als Liebesbeziehung. Dass aber kaum je eine Verbindung länger, detaillierter und dynastischer geplant worden ist als die zwischen dem Kaisersohn und Maria, steht außer Frage. Hätte sich Martin Ambrosch bei seinem Drehbuch mehr an der Geschichtsschreibung als an einem rührseligen Bestseller von Peter Prange orientiert, wäre uns auch der Schmu eines jungen Mannes zwischen zwei Frauen erspart geblieben. Eingangs nämlich sehen wir Maximilian, von Jannis Niewöhner äußerst starr gespielt, mit einer niederen Hofdame tändeln. Diese „Sissi“-Märchenhaftigkeit ohne Fundament ist das Kernproblem des Films: Seine Opulenz ist ganz im Emotionalen verankert. Maria von Burgund (Christa Théret) wurde dafür sogar protofeministisch überhöht: Ihre Liebe, heißt das, ist frei und selbstbestimmt.

          Die Regie übersteigert alle Kontraste

          Die Rahmenereignisse stimmen wenigstens cum grano salis. Der französische König Ludwig XI. (Jean-Hugues Anglade), der nach dem Tod Karls des Kühnen auf Einziehung des Lehens besteht – kein männlicher Erbe! –, verstärkt seine Angriffe auf das Burgunderreich und wirbt bei den Kaufleuten um Akzeptanz, verspricht etwa den Fortbestand des „Großen Privilegs“, das die Stände Flanderns der geschwächten Maria im Februar 1477 abgerungen haben. Maria setzt auf die Verbindung mit Maximilian, um der französischen Umklammerung zu entgehen. Bei der Reise von Wien nach Gent, wo die Hochzeit nach vorausgegangener Stellvertretereheschließung „per procurationem“ im August 1477 vollzogen wird, traten in der Tat Verzögerungen ein: Der zahlungsunfähige Kaisersohn blieb in Köln hängen (im Film leidet er noch an Pest-Fieber). Im Langgedicht „Teuerdank“, das Maximilian über seine Brautfahrt anfertigen ließ, stellen die aufhaltenden Widerfahrnisse Anfechtungen durch den Teufel dar: eine hochallegorische Angelegenheit. Gar nichts hingegen ist allegorisch an der allzu glatt erfundenen Gefährten-Figur Wolf von Polheim (Stefan Pohl), der durch die verbotene, fatale Beziehung zu einer Hofdame Marias (Miriam Fussenegger) die tumbe Liebeshandlung noch einmal verdoppelt.

          Adolf von Egmond (Fritz Karl) stellt Maria (Christa Théret) nach.
          Adolf von Egmond (Fritz Karl) stellt Maria (Christa Théret) nach. : Bild: ZDF und Thomas W. Kiennast

          Die Regie von Andreas Prochaska übersteigert alle Kontraste. Kaiser Friedrich III., Maximilians Vater, von Tobias Moretti reichlich abgekämpft verkörpert, scheint ein vereinsamter Herrscher über ein blaugraues Land zu sein, in dem die Sonne niemals scheint und das Zeremoniell kaum Bedeutung hat: Diese Witzfigur von Kaiser in der funzelbeleuchteten Dunkelburg im Dauernebel nimmt dem Stoff Glanz und Größe, verrückt ihn ins billig Fantasyhafte. Ein deutsches „Game of Thrones“ ist der Film damit noch lange nicht. Es wäre auch vielmehr darum gegangen, diesem offenbar angepeilten Modell etwas entgegenzusetzen. Bis zur Langweiligkeit überspitzt wurden die Gegenspieler Maximilians: Philippe De Commynes (Nicolas Wanczycki), der berühmte Überläufer zu Ludwig, ist hier kein schlitzohriger Rhetoriker, wofür seine „Memoiren“ sprechen, sondern diabolischer Intrigant. Er ist der maliziöse Mentor des Genter Pelzkragen-Wutbürgers Jan Coppenhole, den Sebastian Blomberg als aufgeblasenen Revoluzzer karikiert.

          Auch Martin Wuttke als Ulrich Fugger mit locker sitzender Brieftasche, Fritz Karl als schmierig um Maria buhlender Herzog Adolf von Egmont oder Erwin Steinhauer als gehörnter Ehemann wirken so übertheatralisch und kostümverliebt, dass man sich bei „Sketch History“ wähnt, auch wenn hier leider kein Kinski-Lookalike „Du dumme Sau, du“ brüllt. Die einzig gelungene Nebenfigur ist der erzcoole kaiserliche Haudegen Georg, den Harald Windisch ohne Wimpernzucken gibt. Trotz des antihistorischen Individualismus-Updates der Charaktere sagt uns dieser Film wenig, was doppelt ruinös ist. Nur einmal versucht man einen augenzwinkernden Kommentar zur Jetztzeit: Maria, die geflohene „Fremde“ (aus der Picardie) aufnimmt, pocht auf Nächstenliebe und widersetzt sich dem Unmut des Volkes mit den Worten: „Wir schaffen das!“ Das stimmt sogar, schließlich widersteht Maximilian letztlich den Franzosen. Nur reicht der Film so weit gar nicht. Es wird nur die für Burgund siegreiche Schlacht von Guinegate (1479) angedeutet, bevor Maria 1482 quellengemäß verunglückt. Damit ist die Liebesgeschichte erzählt. Das Machtspiel freilich beginnt erst.

          Ein Kaiser von der traurigen Gestalt: Tobias Moretti als Friedrich III.
          Ein Kaiser von der traurigen Gestalt: Tobias Moretti als Friedrich III. : Bild: ZDF und Thomas W. Kiennast

          Die Lichtführung der Kamera von Thomas W. Kiennast immerhin beeindruckt, auch wenn es allzu viele unmotivierte Kerzenlicht-Nacktszenen gibt. Dass sich die Eheleute kaum verständigen konnten, ist leider verlorengegangen, obwohl man sogar zweisprachig gedreht hat (Christa Théret sprach Französisch). Jetzt aber – Fluch der Synchronisation – reden hier natürlich auch alle Franzosen Deutsch, ist jeder Zauber dahin. Trotzdem haben die Dialoge das Originalitätsniveau von Glückskekssprüchen: „Ist die Liebe nicht besser als der Krieg?“ „Wer sich hoch hinauswagt, läuft Gefahr, sehr tief zu fallen.“ „Männer sind wie Hunde. Wenn man sie füttert und manchmal nett zu ihnen ist, dann wedeln sie mit dem Schwanz.“ Das ist Retro-Emanzipation als Beleidigung. Die stolzen Habsburger haben Gewitzteres verdient. Burgund erst recht.

          Die drei Teile von Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe laufen Sonntag (22 Uhr), Montag (22.15 Uhr) und Dienstag (22 Uhr) im ZDF.

          Quelle: F.A.Z.

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