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„Writers’ Room“ : Wir machen unsere Serien jetzt selbst

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Bettina Zimmermann und Kai Wiesinger am Set von „Der Lack ist ab“. Das Drehbuch für die Webserie ist in einem „Writers’ Room“ entstanden. Bild: obs

Gejammert wird seit Jahren: Amerika hat so tolle Serien, aber wir nicht. Das Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg war die Klage leid und ließ junge Autoren schreiben. Was dabei herauskam.

          Das Deutsch-Amerikanisches Institut (DAI) in Heidelberg hat eine Vision. Es will sich nicht in die Reihe derjenigen stellen, die über die deutsche Fernsehlandschaft nur jammern und sehnsüchtig nach Amerika schauen, wo Serien wie „Breaking Bad“ oder „The Wire“ entstanden sind. Deshalb hat das DAI einen „Writers’ Room“ ins Leben gerufen, eine Art des kollaborativen Schreibens, wie sie bei Drehbüchern für Serien in den Vereinigten Staaten Praxis ist.

          Die Autoren des diesjährigen „Writers’ Room“ kommen aus ganz verschiedenen Bereichen, vom Filmwissenschaftsstudent über die Anwaltsgehilfin bis hin zur professionellen Autorin. Unter der Leitung von Keith Cunningham, Drehbuchschreiber und Autor von „The Soul of Screenwriting“, und Alex David, der für diverse Produktionsfirmen in Hollywood gearbeitet hat, sind so acht Konzepte für deutsche Serien entstanden. Die Themen sind so unterschiedlich wie die Autoren: Mal hat ein Auftragskiller mit einer Identitätskrise zu kämpfen, und ist überfordert, weil er sich um seine Kinder kümmern muss, mal kämpft ein Universitätsprofessor mit dem Schicksal, weil er mit seiner Familie nach Nairobi zieht und mit den dortigen Verhältnissen nicht klarkommt.

          Maren Klug hat zusammen mit Beate Schulz eine Serie über eine Band geschrieben. Fünf Musiker, die alle ihren eigenen Kopf haben und ganz verschiedene Ziele verfolgen – die einen wollen kommerziellen Erfolg, den anderen geht es um die Reinheit der Musik. Maren Klug ist eigentlich Coachin, schreibt unter Pseudonym Krimis bei Random House und hat das erste Mal mit jemand anderem zusammen geschrieben. „Normalerweise muss ich immer auf Termin schreiben, das ist extrem anstrengend und oft auch einsam“, sagt sie. Beim „Writers’ Room“ musste sie erst einmal lernen, dass ihre Ideen und Texte permanent kritisiert wurden. Aber sie hat dieses Korrektiv schätzen gelernt. „Das ist viel intensiver als die zwei, drei Treffen mit einem Lektor.“ Trotzdem hat sie manchmal vermisst, Entscheidungen einfach selbst zu treffen, ohne andere zu fragen.

          Mit Preisen überhäuft: Bryan Cranston wurde für seine Rolle als Walter White in der Serie „Breaking Bad“ mit vier Emmys und einem Golden Globe ausgezeichnet.

          Ingrid Stolz, Suzanne Sabani und Britta Dünnes haben eine absurde Komödie über einen alten Weinbauern verfasst: Jean-Claude Finck stellt fest, dass die Winzergenossenschaft seine Interessen nicht mehr vertritt und er fortan seinen eigenen Wein machen will. Auf seinem eigenen Hof, zusammen mit dem italienischen Gutsverwalter und anderen Mietern aus verschiedenen Nationen. Die Geschichte um die „Auberge Cosmopolitaine“ und den eigensinnigen Winzer Jean-Claude soll in sechs Folgen à fünfzig Minuten erzählt werden. Das mag jetzt nach der perfekten Serie für das Programm der ARD klingen, also genau nicht nach Innovation. Doch selbst scheinbar Gängiges hätte es schwer. Neue, andersartige Serien haben vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum eine Chance. Zu starr sind die Strukturen, zu viel Einfluss haben einzelne Fernsehredakteure. Das ist aber nicht alles. Sabine Tettenborn von der Produktionsfirma Polyphon Pictures hat selbst schon für die ARD gearbeitet und den Stuttgarter „Tatort“ produziert. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, sagte sie, gebe es noch ganz andere Hürden: Die Serien sollten „Relevanz“ haben und die gesellschaftliche Realität abbilden.

          Die eigenen Visionen durchhalten

          Hinzu kommt bei der ARD mit ihren neun Landesrundfunkanstalten der Auftrag, regionale Besonderheiten zu repräsentieren. Die Fortsetzung des ewig Gleichen, so Sabine Tettenborn, habe also nicht nur etwas mit erstarrten Redakteuren zu tun, sondern auch mit der Aufgabe von ARD und ZDF. Und dann das Geld: Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen für das größte Auftragsvolumen. Also wird geschrieben und eingeschickt, was das Zeug hält – es kommt zu einem Überangebot, und zwangsläufig bleiben eher neuartige Serien oft auf der Strecke. Weil Sendeplätze teilweise auch jahrelang besetzt sind: Allen voran der „Tatort“ am Sonntagabend, die „Lindenstraße“ (wird seit 1985 vom WDR produziert) oder die „Sokos“ im ZDF.

          Wie es anders geht, und auch um den Autoren des „Writers’ Room“ Mut zu machen, erzählt Fred Schofield von seinen Anfängen. Schofield war einer der Pioniere, die in Deutschland eine Serie im „Writers’ Room“ entwickelt haben, damals war er noch an der Filmhochschule. Dort saßen die Nachwuchsschreiber drei Monate zusammen und dachten sich Figuren, Handlungsstränge und Dialoge aus. Dann war die erste Staffel von „Der Lack ist ab“ im Kasten. Eine Webserie, die in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Kai Wiesinger entstand, und deren erste Staffel 40.000 Euro kostete. Schofield zeigt, wie man es anders macht – das Schreiben das Produzieren und Senden. Er relativiert auch das ewige Lamento, die Amerikaner produzierten so viele gute Serien und die Deutschen kaum Brauchbares. „In Amerika ist erstens viel mehr Geld für solche Produktionen vorhanden. Und zweitens: Das, was bei uns in Europa ankommt, ist nur die Speerspitze. Jährlich werden dort Hunderte Serien geschrieben, Piloten gedreht, aber die allerwenigsten schaffen es auf den Bildschirm, geschweige denn in eine zweite Staffel.“

          Seit 1985 im deutschen Fernsehprogramm: Die von Hans W. Geißendörfer entwickelte Serie „Lindenstraße“ ist ein Dauerbrenner.

          Das bestätigt auch Frank Jastfelder, der die Serien-Produktion von Sky Deutschland betreut. Er will mit seinem Sender in die „erzählerische Champions-League“ aufsteigen, aktuell arbeitet die ARD zusammen mit Sky und Tom Tykwer an „Babylon Berlin“. Die Serie soll international erfolgreich sein. Schlüsselbegriffe wie „horizontales Erzählen“, komplexe Figuren und mehrere Handlungsstränge sind Standard. Was Jastfelder bei Serien sucht, sind Nischenstoffe. Etwas, das sich „krass“, explizit und spannend erzählen lässt und für Gesprächsstoff sorgt. Denn das ist macht das Potential einer Serie aus. Am Ende ist es aber Stefan Wood, der seit sechzehn Jahren bei Constantin Film arbeitet, der den jungen Autoren den schlichten Rat gibt: Man muss die eigenen Visionen durchhalten.

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