Home
http://www.faz.net/-huc-7m2c3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Arte-Serie „Secret State“ Der Premier zieht in den Krieg

Ein texanischer Ölkonzern bedroht die britische Demokratie, und der Premierminister muss sie retten: Arte zeigt die vierteilige Serie „Secret State“, die eine Romanvorlage aus den Achtzigern in die Gegenwart übersetzt hat.

© Arte Vergrößern Ratlos, aber aufrecht: Premierminister Dawkins (Gabriel Byrne) am Ort des Industrieunfalls, der zur Staatskrise führt

Was für einen märchenhaften britischen Premierminister Gabriel Byrne da spielt! Einen, der sich nicht nach der Macht drängte, sondern sie mit einer Mischung aus militärischer Askese und Ich-bin-doch-gar-kein-Anführer-Attitüde schultert, weil er muss. Sein Vorgänger ist bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, es könnte Al Qaida gewesen sein. „Das Land braucht dich“, hört der vormalige Vize Tom Dawkins die Politchargen sagen, dann pudern sie ihm schon die schweren Züge, und er tritt vor die Kameras - wo er lauter Dinge sagt, die am Netz der Korruption zwischen einem amerikanischen Ölmulti und britischen Banken, Geheimdiensten und Regierungsmitgliedern zerren - ohne dass Dawkins klar wäre, was für schlafende Hunde er in „Secret State“ weckt.

Ursula Scheer Folgen:  

Denn das Flugzeug, in dem sein Amtsvorgänger starb, gehörte demselben texanischen Ölkonzern, dessen nordenglische Fabrik gerade eine Explosion zerfetzte: Petrofex. Ganze Straßenzüge liegen in Schutt und Asche. Als Dawkins den Unglücksort besucht, der einem Kriegsgebiet gleicht, findet er den Handschuh eines Kindes. Die Hand steckt noch darin. Da ahnt man schon, dass dieser Premier ein müder Krieger ist - er hat in Bosnien gedient -, der wieder in die Schlacht zieht.

Schurken der Achtziger, Probleme der Gegenwart

Nun gegen diese Firma, die höhnt, große Ölkonzerne könnten ganz Großbritannien kaufen, wenn es ihnen passe. Petrofex verweigert Entschädigungszahlungen und behindert die Untersuchungen der Unglücksursache. Dann stirbt der Pathologe, der Gift in den Leichen der Opfer gefunden hat. Und weil Petrofex mit der Royal Caledonian Bank verbunden ist und die wiederum zu großen Teilen dem britischen Staat gehört, verwandelt sich Dawkins’ Feldzug binnen einer knappen Stunde - so lange dauert jeder der vier Teile dieser Miniserie - in einen Vielfrontenkrieg. Am Ende des zweiten Teils steht er am Rande eines Kriegs mit Iran.

Secret State (1) Gemeinsam mit der Journalistin Ellis Kane (Gina McKee) will Tom Dawkins (Gabriel Byrne) die Ursache der Katastrophe von Scarrow aufklären © Arte Bilderstrecke 

Ölmultis als Demokratiekiller? Redet da noch einer von? 1982 war es ein großes Thema. Aus diesem Jahr stammt die Romanvorlage von Chris Mullin, die die britische Fernsehserie von 2012 (Drehbuch: Robert Jones) inspirierte. Das erklärt nicht nur einen Cameo-Auftritt des Romanautors als Vikar, sondern wohl auch das seltsam Verwurstete an diesem Fernsehplot, in dem die langen Schatten des Nordirland-Konflikts und die Auseinandersetzungen mit dem Ölkonzern eine eigentümliche Symbiose eingehen mit Gegenwärtigem wie der Bankenkrise, Klimaschutzabkommen, den Folgen des Afghanistan- und des Irak-Kriegs, Drohneneinsätzen und wildgewordenen Geheimdiensten.

Auch so manche Figur scheint es geradewegs aus den Achtzigern herübergeschleudert zu haben: Da ist der alte Kumpel des Premiers, Anthony Fosset (wunderbar verknautscht: Douglas Hodge), ein dem Suff verfallener früherer Geheimdienst-Mann, der noch am Tresen die richtigen Fragen stellt, und natürlich die toughe Journalistin im wetterfesten Mantel (Gina McKee), die knallhart den Petrofex-Skandal recherchiert und dann doch weich zu werden droht, als der Regierungschef politisch mal wieder seinen Mann gestanden hat. Sein Fraktionschef erinnert ihn ja auch stetig daran, es brauche hier jemanden „mit Eiern“.

Mehr zum Thema

Doch der von Ed Fraiman inszenierte Politthriller steckt das ebenso weg wie die platten Intrigen am Kabinettstisch, weil Gabriel Byrne, ohne den kaum eine Einstellung auskommt, das ganze Register seiner unmachohaften Müdigkeitsmienen ziehen darf. Und weil hier keine Heldengeschichte erzählt wird. Meistens jedenfalls. Sondern der Versuch lauteren Handelns in einer politischen Blackbox, die so gediegen düster ist, wie sie nur in Großbritannien sein kann, mit all dem polierten Holz und den tiefroten Teppichen.

Der Feind sitzt mit am Tisch oder hat sich ins Handy eingenistet, vielleicht ist er aber auch ein Freund, wer weiß das schon. Von der dritten Folge an entwickelt die Serie dann wirklich Sog, weil man die Binnenwelt dieses alternativen Großbritanniens langsam als in sich stimmig akzeptiert, das Hütchenspiel beschleunigt sich, es gibt Tote, der Premier steht noch, dann tritt er wieder vor die Kameras und sagt, das Wahlrecht sei die stärkste aller Währungen. Es ist wie im Märchen.

Secret State läuft an diesem Donnerstag von 20.15 Uhr an auf Arte, alle vier Folgen nacheinander.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Die Pannen der Personenschützer Secret Service-Chefin Julia Pierson tritt zurück

Ein bewaffneter Mann fährt mit dem Präsidenten Aufzug. Ein Kriegsveteran springt einfach über den Zaun vor dem Weißen Haus. Die Pannenserie der Personenschützer von Barack Obama riss nicht ab. Nun zog die Direktorin des Secret Service, Julia Pierson, die Konsequenzen und trat zurück. Mehr Von Andreas Ross, Washington

01.10.2014, 17:28 Uhr | Politik
Viele arme Schotten haben genug von Großbritannien

Am Rand der schottischen Metropole Glasgow liegt Drumchapel, eine der ärmsten Gegenden in ganz Großbritannien mit hoher Arbeitslosigkeit. Viele Menschen hier geben der britischen Regierung die Schuld an der Misere. Beim Referendum wollen sie dafür stimmen, dass Schottland unabhängig wird – doch einige fürchten, dann noch schlechter einen Job zu finden. Mehr

16.09.2014, 22:25 Uhr | Aktuell
Skandal um Secret Service Auf den Fluren des Weißen Hauses

Ein neuer Skandal bringt den Secret Service in Verruf. Aber dieses Mal geht es nicht um Sex- oder Trinkgelage – es geht um Versagen und einen Eindringling. Mehr Von Andreas Ross, Washington

30.09.2014, 16:56 Uhr | Aktuell
Nationalisten räumen Niederlage ein

Nach dem Referendum in Schottland haben die Nationalisten ihre Wahlniederlage anerkannt. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich erleichtert: Mehr

19.09.2014, 09:32 Uhr | Politik
Liveblog Cameron verspricht auch Engländern mehr Macht

Nach dem Nein der Schotten zur Abspaltung von Großbritannien hat Premierminister David Cameron nicht nur dem nördlichen Teil des Vereinigten Königreichs mehr Autonomie versprochen - auch in England müsse es eigene Gesetze geben. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveblog. Mehr

19.09.2014, 00:09 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.02.2014, 18:36 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1