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Veröffentlicht: 15.12.2016, 19:12 Uhr

Arte-Serie „Cannabis“ Er weiß, es könnte hässlich werden

In der Serie „Cannabis“ zeigt Arte die gewalttätige Geschichte rivalisierender Drogenhändler. Schon die ersten Minuten der ersten Folge fallen rustikaler aus als Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“.

von Adrian Schulz
© Jean-Claude Lother Morphée (Christophe Paou) wartet vergeblich auf die Ladung aus Marbella: Szene aus der Serie „Cannabis“.

Der Pakt mit dem Teufel, hier ist er ein Pakt mit El Feo, der Hässlichkeit. „Das Dope von El Feo soll das beste sein“, heißt es, also der Pakt. Der Hässliche ist ein vernarbter Drogenbaron (Pedro Casablanc), dessen Seele so dunkel ist wie sein in Pomade getränktes Haupthaar. Er kauft seine Folterwerkzeuge beim Antiquitätenhändler, hört Opern, mordet und blutet so stilvoll, als sei er Teil eines Gemäldes. Wenn dem Drogenboss etwas nicht passt, zieht er seinen Opfern nicht nur die Ohren lang. Die Serie „Cannabis“ fällt bereits in den ersten Minuten der ersten Folge noch rustikaler aus als Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ oder van Gogh.

Die Arte-Serie bietet in sechs Folgen Dichte und Spannung gleichermaßen. Allein der Titel führt in die Irre - denn Cannabis und dessen Wirkung kommen kaum vor, von den schönen Hanffeld-Bildern im Vorspann einmal abgesehen. Kiffen und Ballern, das passt nicht zusammen. Die Droge ist Handelsware und der Katalysator, den es braucht, damit jeder gegen jeden in wechselnden Allianzen pompöse Angst- und Schreckensorgien inszenieren kann.

Eigentlich will er nur noch braver Bürger werden

Die Handlung setzt ein, als der französische Lokalboss Morphée (Christophe Paou) - auch er, Morpheus mit der Schlafmohnkapsel, hat einen sprechenden Namen - die bezahlte Menge von zwei Tonnen El-Feo-Cannabis aus Marokko im Wert von zwei Millionen Euro nicht am vereinbarten Ort vorfindet. Ein Handlanger El Feos, Farid, der zugleich der Onkel von Morphées rechter Hand Shams (Yasin Houicha) ist, hat es verschwinden lassen. Nun soll Shams die Ware zurückholen.

© Arte Fernsehtrailer: „Cannabis“

„Cannabis“ ist der richtige Stoff für serielles Erzählen. Dabei geht es aber nicht nur um böse, sondern auch um gute Menschen, die vom Drogenhandel abhängig werden. Der Held Shams aus der tristen Pariser Banlieue-Siedlung „La Roseraie“ führt sein Drogengeschäft mit Charisma und Extrataschengeldern für perspektivlose Helfer und Lageristen zu blühendem Erfolg, hat aber nun aber neben seinem Boss Morphée auch noch Killer im Nacken. Eigentlich will er nur noch braver Bürger werden. Der Boss aber terrorisiert sein ganzes Umfeld, weil Shams ihn mehrfach verrät und aufgrund der erlittenen Drangsal wieder verraten wird. Dass Morphée seinerseits insgeheim mit einem Polizisten schläft, macht die Sache nicht weniger kompliziert.

War da nicht noch was auf der Straße von Gibraltar?

Zu guter Letzt ist da noch die Bürgermeisterin, die endlich die Dealer aus dem zum „Drogensupermarkt“ gewordenen Viertel vertreiben will. Dafür schreckt sie auch vor Erpressung und Bespitzelung nicht zurück, wird aber dadurch selbst zum Opfer - die Polizei ist nämlich machtlos. In Spanien trifft derweil die Ehefrau des nun abgetauchten Farid, Anna (Kate Moran), zunächst voller Schrecken auf die Geliebten und die Geschäftspartner ihres Mannes. Mit Letzteren ist nicht zu spaßen - und für die verschwundene Lieferung schuldet Anna ihnen nun angeblich Geld. Doch allmählich durchbricht sie notgedrungen die Aufteilung der Frauen in Huren und Heilige, wird den männlichen Alphatieren ebenbürtig und manipuliert und dealt fortan genauso wie die Männer.

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Die Handlung, will sagen der Handel, ist der Regisseurin und Schauspielerin Lucie Borleteau deutlich wichtiger als die Form. Die in drei verschiedenen Ländern spielende Geschichte des Strebens nach Glück kommt mit konventionellen Bildern daher. Doch das macht das Drehbuch (Hid Hlioua, Clara Bourreau, Virginie Brac) wieder wett. Nur die als Nebenstrang verlaufende Bruder-Mord-und-Eifersuchts-Geschichte von Shams Onkel Farid und seinem Vater wirkt etwas dick aufgetragen und ist diffus-überladen.

Auch die Verknüpfung der Geschichten der Schauplätze in Frankreich und Spanien ist überkonstruiert. Die Geschichten erst einmal parallel nebeneinanderher laufen zu lassen wäre vielleicht besser gewesen. Und ob eine Serie, die so eng mit der Straße von Gibraltar verknüpft ist, in Zeiten der Flüchtlingskrise ebenjene ignorieren sollte, ist ebenfalls fragwürdig. Oft lässt die lustvolle Darstellung des Bösen keinen Platz für die eigentlichen Dramen.

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