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Amazon-Serie „Goliath“ : Mit diesem Verteidiger kann nichts schiefgehen

  • -Aktualisiert am

Ein neuer Fall: Billy Bob Thornton spielt den Anwalt William McBride. Bild: dpa

In der Amazon-Serie „Goliath“ brilliert Billy Bob Thornton als verhärmter Anwalt für aussichtslose Fälle. Er legt sich mit der Rüstungsindustrie an und mit der Mafia. Seine Gegner gehen über Leichen.

          Am Ende der historischen Route 66, der von Chicago nach Kalifornien führenden „Straße der Sehnsucht“, liegt der Santa Monica Pier mit seinem Vergnügungspark, teils in der Brandung des Pazifiks, teils über dem Strand. Er hat nicht nur vielen Kino- und Fernsehproduktionen, sondern auch der Videospiel-Branche als Kulisse gedient. Orte sind uns daher ähnlich vertraut wie bestimmte Serienformate, Anwalts-Serien beispielsweise. Und doch verlieren weder dieser Strand noch diese Serien je ihren Reiz.

          Einige hundert Meter entfernt, 1667 Ocean Avenue, lebt William McBride, einst Gründer der Kanzlei „Cooperman and McBride“, dann entgleister Säufer. Unlängst hatte er ein Mandat, bei dem er es mit alten Kollegen und der Rüstungsindustrie aufnahm. Das wissen wir aus der ersten Staffel der hochgelobten, unter anderem mit einem „Golden Globe“ für den Hauptdarsteller Billy Bob Thornton ausgezeichneten Amazon-Serie „Goliath“. An Geld mangelt es McBride nicht.

          Aber einen unprätentiösen Kerl wie McBride macht Geld allein nicht glücklich. Er haust in einem Appartement des „Ocean Lodge Hotel“, das so abgewrackt aussieht, wie sein Bewohner sich fühlt, in allen Ecken und Ritzen sind Flaschen deponiert, und das „Chez Jay“, eine als Restaurant verkleidete Alkohol-Tankstelle (die im wahren Leben „Santa Monica‘s most star-studded nocturnal hangout“ ist), liegt praktischerweise gleich nebenan.

          Das wird ein hartes Stück Arbeit: William McBride (Billy Bob Thornton, links) vertritt den jungen Julio (Diego Josef).

          Ein Mitarbeiter des Lokals, der sich um Billy McBride kümmert wie um einen Freund, bittet den Anwalt zu Beginn der neuen Staffel um Hilfe: Zwei seiner Söhne seien in krumme Dinge involviert gewesen und erschossen worden, erzählt er dem Stammgast. Für sie kann man nichts mehr tun. Allerdings für Sohn Nummer drei. Denn ausgerechnet der wohlgeratene, Cello-spielende Julio (Diego Josef), soll den Tod der Brüder gerächt haben. Er sitzt in Untersuchungshaft, ist in Tränen aufgelöst und wird des Doppelmords bezichtigt.

          McBride, ausgebrannt und abgehalftert, reizt das nicht wirklich. Aber er fühlt sich dem Nachbarn verpflichtet, der dann auch noch auf offener Straße ermordet wird. Ein nächtliches Gespräch mit Marisol Silva, einer flotten Bürgermeisterkandidatin mit mexikanischen Wurzeln (Ana de la Reguera kennt man aus „Narcos“ und „Twin Peaks“), hat auf ihn ebenfalls Eindruck gemacht. Silva hat der Bandenkriminalität den Kampf angesagt und ein genuines Interesse an Julio, weil der brave Junge auf ihren Wahlplakaten als Beispiel für gelungene Stadtteilarbeit präsentiert wird.

          So nimmt der Fall Fahrt auf – gemächlich, denn die Exposition zieht sich trotz einiger schmucker Zeitraffer-Aufnahmen und eines Bösewichts, dessen Spezialität Amputationen sind, extrem. Manche Serien sind Tanker, die erstmal in Bewegung gebracht werden müssen. Dieser hier hat einen Tretbootantrieb.

          Aber just, als man die Serie aufgeben will, entwickelt die Geschichte Thrill. Dann wirkt auch das Personal um den gebrochenen Helden plötzlich nicht mehr wie aus dem Anwaltsfernsehen von gestern geschnitten, sondern wie eine Truppe, die man unbedingt noch eine Weile begleiten mag: die übergewichtige Sekretärin Marva (Julie Brister), das frühere Escort-Mädchen Brittany (Tania Raymonde), die von einem FBI-Mann umgarnte Juristin Patty (Nina Arianda), die gerne aushilft, solange es nicht in einem Albtraum ausartet. Alles charmante Charaktere.

          Selbst der Immobilien-Unternehmer Tom Wyatt (Mark Duplass), Teil des Wahlkampfteams von Marisol Silva und eine der gespenstischeren Figuren der Staffel, besitzt auf seine Art Charme. Allerdings einen sehr gefährlichen. Wyatt hat Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle, krankhafte Entspannungsrituale, für die er dringend mal einen Psychiater aufsuchen sollte – sowie ungute Verbindungen zu erwähntem Bösewicht Gabriel Ortega (Manuel Garcia-Rulfo), einem Kartell-Boss. Die Horrorszene, die Wyatt bei seiner ersten Begegnungen mit ihm erlebt, ist an Widerlichkeit schwerlich zu übertreffen.

          Doch so ist es gewollt: „Goliath“ ist ein harter Anwalts-Krimi, eine Serie für den späten Abend oder den frühen Morgen – im Zweifel beides zugleich. Staffel eins, entwickelt und geschrieben von David E. Kelley („L.A. Law“, „Ally McBeal“, „Boston Legal“) und Jonathan Shapiro, zählte laut Amazon zeitweilig zu den am meisten „am Stück“ konsumierten Serien auf dem amerikanischen Markt. Wesentlich anders dürfte das bei Staffel zwei schon des fulminanten Billy Bob Thornton wegen nicht sein. Denn wie clever oder nicht die Fortsetzung auch geschrieben sein mag – Amazon gab vorab fünf Folgen von acht Folgen frei – , das ist mit einem wie ihm, der bei der Konkurrenz Netflix als Killer in „Fargo“ zu sehen war, beinahe gleichgültig.

          Die zweite Staffel von Goliath ist jetzt bei Amazon.

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