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Amazon-Serie „Beat“ : Es passieren unfassbare Dinge, und die Musik spielt dazu

Beat (Jannis Niewöhner) überredet Emilia (Karoline Herfurth) zu einer Nacht im Club. Bild: dpa

Alles eine Frage des Techno: Die Serie „Beat“ taucht in Berlins Clubszene ein. Ihre Spannweite reicht von der miesen kleinen Welt der Darkrooms bis zu Waffenhandel und Organraub an Flüchtlingen.

          Drinnen im Club bleibt die Welt draußen stehen. Stahltür auf, hinein in die Höhle, wo bunte Lichter pulsieren, Stahltür zu. Ob draußen Tag oder Nacht ist, ein Arbeitstag oder Wochenende, ob Psychopathen an der Straßenecke lauern oder Menschen für andere sterben, spielt drinnen keine Rolle. Für Robert Schlag (Jannis Niewöhner), genannt Beat, gleicht der Club der perfekten Geborgenheit im Bauch der Mutter. Immer wenn ihm die Realität zu gleißend, zu verstörend, zu nüchtern ist, flieht er zurück ins Dunkel. Das geht so lange gut, bis die ersten Toten von der Decke hängen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Diesen ewig aufgeputschten, bis zum Hals tätowierten Promoter der Technoszene haben sich die Ermittler der „European Security Intelligence Agency“ (Esi) ausgesucht, um an die Hintermänner eines kriminellen Netzwerks zu gelangen. Die Geheimnisse, die Robert Schlag in seinem Club mitbekomme, seien „für jeden Geheimdienst von unschätzbarem Wert“, erklärt der Leiter der Einheit, was genauso skurril klingt wie die Ansage, man müsse den Fall lösen, bevor ein anderer Dienst „die Beute“ wegschnappe. Es gibt noch einen anderen Grund dafür, dass die Einheit es auf Beat abgesehen hat, aber der offenbart sich erst nach ungezählten Koks-Lines und Nächten voller ineinander verschlungener Körper.

          Mannigfaltige Abhängigkeiten

          Von der miesen kleinen Welt der Darkrooms, in der nur der Moment zählt, bis zur organisierten Kriminalität mit Waffenhandel und Organraub an Flüchtlingen reicht die Spannweite der Amazon-Serie „Beat“. „Es passieren unfassbare Dinge – und die Musik spielt dazu“, sagt Robert Schlags unheimlicher Verfolger Jasper, den Kostja Ullmann mit maliziösem Lächeln spielt. Sie kennen einander aus ihrer Kindheit im Waisenhaus. Beat hat seine Eltern mit sechs Jahren unter mysteriösen Umständen verloren. Die beiden lassen sich auf zweifelhafte Deals ein, mit dem Unterschied, dass Beat seinen besten Freund schützen will und Jasper seinen sadistischen Neigungen folgt. Wenn er Kinderlieder auf dem Plattenspieler hört und die Opfer der Organmafia auf Wohnzimmersesseln plaziert, will er Botschaften versenden, aber bis die entschlüsselt sind, ist es schon zu spät.

          Der Psychopath, der mehr als alle anderen weiß: Jasper (Kostja Ullmann)

          Wie bei Amazon nicht unüblich, greifen die Produzenten von Warner, Hellinger/Doll und Pantaleon Films bei ihrer Geschichte auf Versatzstücke amerikanischer Serien zurück. Die Grundidee stammt vom Regisseur Marco Kreuzpaintner, das Buch schrieb Norbert Eberlein. In ihrer Story gibt es den drogenabhängigen Helden, Waffen schmuggelnde und ungehemmt feiernde Russen, schöne Agentinnen voller Empathie für ihre Informanten, herzkranke Kinder und mannigfaltige Abhängigkeiten. „Beat“ erfüllt mehr als genug Voraussetzungen für eine grandiose Thrillerserie, ist aber auch eine Klischeeorgie. Als die Russen-Party eskaliert, weil der Sohn des Bosses an einer Überdosis stirbt, nimmt eine der geladenen Frauen bedächtig eine Pistole in den Mund. Im nächsten Augenblick tropft ihr Blut von der Wand. Karoline Herfurth ähnelt als Agentin Emilia der CIA-Kollegin Carrie Mathison in „Homeland“. Gerade als sich zwischen ihr und Beat eine Beziehung angebahnt hat, muss sie ihn auf Distanz setzen und ihm, den die Esi als V-Mann braucht, einbleuen, wie wertlos er sei und wie wenig man ihn vermissen werde.

          Sobald sich die Serie auf Dialogrituale und dramaturgische Konventionen verlässt, wird es betulich oder unglaubwürdig. Es ist Jannis Niewöhner und den anderen jungen Schauspielern und Protagonisten der Berliner Technoszene zu verdanken, dass ihr Milieu gelassen und mit Selbstironie dargestellt wird. Einmal empfängt Beat einen DJ mit schmalzigen Locken, der vor seinem Auftritt im Club darüber lamentiert, dass früher alles geiler war. Als man Beat nach den ersten Morden zum Verhör auf die Polizeiwache holt, raunt ihm einer der Beamten zu: „Meine Kumpels und ich stehen voll auf deine Partys.“ Auf die Frage, welche Musik er denn gerne höre, antwortet der Polizist: „Eigentlich alles.“ Darauf entgegnet Beat höflich, das sei wohl das Schlimmste, was man dazu sagen könne. Dass die „European Secret Intelligence Agency“, die kein Berliner Beamter kennt, mit großem Tamtam hauptsächlich damit beschäftigt ist, die Polizei von ihrer Arbeit abzuhalten und ihren Informanten aus der Patsche zu helfen, ist immerhin ein kleiner Seitenhieb auf die Agentenfilm-Tradition.

          Neben plakativer Spannung enthält „Beat“ aber auch eine Dimension des Unheimlichen. Diese speist sich aus der Vielschichtigkeit der Charaktere, die für beklemmende, nie ganz stillbare Neugierde sorgt, die eine gute Serie braucht. Man will vor allem wissen, wie es mit dem von Jannis Niewöhner nuancenreich gespielten, innerlich zerrissenen Beat weitergeht. Der aalglatte Unternehmer Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der sich in den Club von Beats bestem Freund Paul (Hanno Koffler) eingekauft hat, kann ein umgänglicher Geschäftspartner sein, wenn es seinen Zielen dient. In abgeschirmten Momenten aber blickt er voller Abscheu auf die Tanzenden hinunter und denkt darüber nach, welches Menschenschicksal ihm als Nächstes für seine Zwecke dienen könnte. Der in einem Viehhof mit der Organentnahme beauftragte Arzt (Karl Markovics) plant von langer Hand, einen Hilferuf nach außen zu senden und einen Jungen zu retten. Sein Ausbruchsversuch scheitert an seinen inneren Dämonen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Ob drinnen oder draußen, spielt keine Rolle mehr.

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