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ARD-Serie „Um Himmels Willen“ : Matriarchat mit Kopftuch

  • -Aktualisiert am

Bürgermeister Wolfgang Wöller (Fritz Wepper) mit seinen Mädels: Seit 2002 ist „Um Himmels Willen“ dienstags ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen. Bild: dpa

Warum um Himmels willen ist „Um Himmels Willen“ so beliebt? Vielleicht liegt es weniger am Kitsch und der Sehnsucht nach einer heilen Welt. Sondern daran, wie die Serie heiligen Schein dekonstruiert.

          Was heißt denn hier Ewigkeit? Für eine rührselige Fernsehserie mögen fünfzehn Jahre ein biblisches Alter sein, zumal wenn sie seit mehr als einhundertachtzig Folgen auf der Stelle tritt. Aber für die beiden Instanzen, die einander hier gegenüberstehen, währt die Auseinandersetzung schon Jahrtausende. „Um Himmels Willen“, auch in Staffel fünfzehn noch mit Rechtschreibfehler im Titel, diese Weißwurstversion von „Don Camillo und Peppone“, lebt allerdings nur auf den ersten Blick vom Tauziehen der beiden Supermächte – teuflische Gier gegen schlitzohrige Gottgefälligkeit – um die Seelen im kalten Tal neomoderner Profantristesse.

          In Wahrheit darf man wohl eher an „Verbotene Liebe“ denken. Denn den romantischen Kern der Serie bildet das wechselseitige Umgarnen des Bürgermeisters Wöller – Fritz Weppers Teufelspakt als Schauspieler: für immer da, aber für immer festgelegt auf die Rolle des korrupten Dorfkönigs – und der jeweils angesagten Top-Nonne, seit 2007 also Janina Hartwig als Schwester Hanna. Am Ende der aktuellen Folge fliegt beiden nicht zufällig der Brautstrauß zu: Szenen einer Meta-Ehe.

          Bussi, Bussi: Bürgermeister Wöller mit seiner Lieblingsnonne Schwester Hanna (Janina Hartwig).
          Bussi, Bussi: Bürgermeister Wöller mit seiner Lieblingsnonne Schwester Hanna (Janina Hartwig). : Bild: dpa

          Es geht fast so gemütlich zu wie im Kalten Krieg, denn der Dauerkonflikt eskaliert nie. Immer wieder hat der Bürgermeister Pläne für den Um-, Aus- oder Rückbau des Klosters. Diesmal sollen just unterhalb des Konvents entdeckte Höhlenmalereien touristisch ausgeschlachtet werden. Immer wieder funkt aus München die Mutter Oberin (seit vergangener Staffel Nina Hoger) dazwischen. Und doch steht der altehrwürdige Kasten Staffel für Staffel da wie ein feste Burg. Soziale Herausforderungen streifen das schmucke Örtchen – in Wahrheit Landshut – durchaus, doch es sind Probleme in kleinster, ungefährlicher Dosis.

          Weder geraten hier Flüchtlingsmassen außer Kontrolle (Asylsuchende wurden vorbildlich untergebracht), noch findet hinter Klostermauern Kindesmissbrauch statt. Es geht bei den drolligen Ordensschwestern vielmehr darum, nicht krankenversicherten Kindern das Geld für eine Operation zu besorgen oder – in der Auftaktfolge zur neuen Staffel – eine beschwipst auf hoher See eingegangene Ehe, die einer Liebesheirat im Wege steht, annullieren zu lassen. Eine ganz heile Welt ist also auch Kaltenthal nicht, aber eine heilbare und vor allem heilswürdige.

          Es sagt wohl einiges über eine Fernsehnation aus, wenn eine dramaturgisch und schauspielerisch nah am Bauerntheater gebaute Kitschkomödie mit hundertprozentiger Problemlösungsquote ein Millionenpublikum anzieht, auch wenn der Zuspruch zuletzt leicht abfiel. Zeitweise war die MDR-Produktion – bis Staffel 13 geschrieben von Michael Baier, seither vom „Tatort“-erprobten Jürgen Werner – sogar Deutschlands beliebteste Fernsehserie. Wir sehnen uns gar nicht nach Qualität, wir wollen bloß unseren Seelenfrieden.

          Ein Geschenk der Götter, von links: Schwester Hildegard, Novizin Claudia, Novizin Lele, Schwester Hanna, Oberin Theodora, Schwester Felicitas und Schwester Agnes
          Ein Geschenk der Götter, von links: Schwester Hildegard, Novizin Claudia, Novizin Lele, Schwester Hanna, Oberin Theodora, Schwester Felicitas und Schwester Agnes : Bild: dpa

          Vielleicht aber ist es zu einfach, hier nur Eskapismus am Werk zu sehen, das Klammern der Kohorte Sechzig plus an eine Welt, in der deutsche Tugenden und christliche Nächstenliebe noch etwas wert sind und die Kirche im Dorf bleibt, während um uns her alles ins Rutschen zu geraten scheint. Denn wenn man genau hinsieht, erkennt man in „Um Himmels Willen“ vor allem Auflehnung gegen Recht und Ordnung, einen geradezu häretischen Karneval. Nicht nur Justitia wird ein ums andere Mal ausgetrickst (keineswegs immer vom Provinzabsolutisten Wöller), sondern auch und gerade die Orthodoxie. Auf so viel Fünfegeradeseinlassen müsste selbst ein Papst der Herzen vermutlich mit Exkommunikation antworten.

          Die passende Serie für die Merkel-Jahre

          In so gut wie jeder Folge – nicht nur, wenn homosexuelle Priester oder Zölibatsverstöße ein Thema sind – werden die religiösen Regeln gebogen, bis sie eigentlich brechen müssten. Das geht über alles Reformatorische weit hinaus. Der Glaube an Logik, Vernunft und Pragmatismus sind hier weit größer als alle Frömmigkeit, weshalb die naiv-gläubige Betschwester Agnes (Emanuela von Frankenberg) auch diesmal als Witzfigur dient: „Irgendjemand muss Agnes wieder zur Vernunft bringen.“ Wenn es eine tiefere Botschaft jenseits der Wir-lieben-uns-doch-alle-Ebene gibt, dann die von der Antithese von (Männer-)Religion und moderner Gesellschaft, ein Angriff aufs Profunde.

          Vielleicht stößt da gerade die Aufklärung in die letzten bayerischen Winkel vor, hat das große Ausputzen begonnen, die Dekonstruktion des heiligen Scheins und die Annullierung des Alphamännchens. Es ist wohl kein Zufall, dass die Begeisterung für dieses rausgeputzte Matriarchat in die Merkel-Jahre fällt. Es wird spannend sein, zu sehen, wie sich die lustigen Weiber von Kaltenthal halten, während der Landesmutter ja gerade eisiger Wind ins Gesicht bläst.

          Die 15. Staffel von Um Himmels Willen beginnt um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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