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Serie „Culpa“ bei 13th Street : Bei diesem Priester rücken alle mit der Wahrheit heraus

Er ist ganz Ohr: Stipe Erceq spielt den Priester in „Culpa - Niemand ist ohne Schuld“. Bild: Nadja Klier/13th Street

Schuld, Sühne und exzellentes Kammerspiel: Der Abosender 13th Street hat seine erste Serie produziert. In „Culpa – Niemand ist ohne Schuld“ brilliert Stipe Erceq als Priester, der Verbrechen verhindert.

          Kärglicher als die Zelle, in welcher der namenlose Priester haust, kann man sich ein Refugium kaum vorstellen. Ein Kreuz, eine Bibel, eine Pritsche, ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Spiegel, ein Heft, ein Stift, Zigaretten und – jede Menge Ameisen. Die lässt der Geistliche gewähren, bis sie ihm unter den Stehkragen krabbeln.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Im Beichtstuhl warten derweil Büßer auf ihn, denen nicht gerade Kleinigkeiten auf der Seele lasten. Es geht um Mord und Totschlag, um Sünde und Vergebung, auf welche die Delinquenten hoffen, ohne für ihre Taten einstehen zu müssen. Doch da sind sie bei diesem Priester an der falschen Adresse, der erst recht aus der Rolle fällt, wenn es gilt, ein Verbrechen zu verhindern. Bei ihm gibt es keinen preiswerten Ablass, keine zehn Ave Maria und fünf Vaterunser. Er wirft die Beichtenden auf sich zurück. „Nicht jede Sünde ist ein Verbrechen, aber jedes Verbrechen ist eine Sünde, es sei denn, ich kann es verhindern“, lautet sein Glaubensbekenntnis.

          Er betet für die Sünder, davonkommen lässt er sie nicht: Stipe Erceq als der Priester.

          Doch erst einmal muss der Priester seine Gesprächspartner zum Reden bringen. Sie wollen zwar etwas loswerden, aber so, dass es möglichst unverfänglich erscheint. Der Geistliche aber hat da noch ein paar Fragen, so viele, dass dem jungen BND-Beamten (Ludwig Trepte), der von einem geplanten Verbrechen weiß, von dem er nichts wissen darf, die Geduld ausgeht: „Ist das nicht Ihr Job, zuzuhören?“ Gegenfrage: „Glaubst du an Gott?“ – „Nein.“ – „Das ist prima.“ Er sei nur zufällig vorbeigekommen, sagt der Agent und will eigentlich gleich wieder gehen. „Der Zufall“, sagt der Priester, „ist ein Atheist, und der kommt selten in eine Kirche.“

          So geht das in jeder der vier Folgen der Miniserie des Abosenders 13th Street, der im Angebot von Sky zu empfangen ist und mit „Culpa – Niemand ist ohne Schuld“ seine erste Eigenproduktion vorlegt. Es spielt (fast) alles im Beichtstuhl, es geht allein um den Dialog, Kamera und Regie (Jano Ben Chaabane) bleiben auf den Gesichtern der Figuren, in denen sich alles abspielt. Keine Action, keine große Szenerie, budgetschonender Minimalismus in Reinkultur, der die Schauspieler in anderer Weise fordert, als man dies vom Fernsehen gewohnt ist. Das ist eine Gelegenheit, welche die hervorragende Besetzung mit Barbara Philipp, Alina Levshin, Detlev Bothe, Dirk Martens, Maxim Mehmet, Ludwig Trepte, Mehmet Kurtulus und – vor allem – Stipe Erceg in der Rolle des Priesters nutzt. Der Schauspieler, selbst gläubiger Katholik, sagte, dies sei für ihn eine Traumrolle, die er bis an sein Lebensende spielen könne. Je nachdem, wie „Culpa“ beim Publikum ankommt, wird sich indes erst einmal erweisen, ob Erceg den Priester, der Verbrechen verhindert und eingreift, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen, überhaupt mehr als viermal darstellen darf.

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          Zu wünschen wäre es ihm, denn es ist dank der genau gesetzten Dialoge schon sehenswert, wie er das Innerste seiner Klienten nach außen kehrt. So muss er in der ersten Folge zunächst herausbekommen, dass es sich bei Emma, die verletzt im Keller sitzt, nicht um einen Hund handelt, wie es ihm die Psychopathin Andrea (Barbara Philipp) weismachen will, sondern um eine Frau, wie er Andreas verstörtem Bruder Frank (Dirk Martens) entlockt.

          Wem dieser Priester die Beichte abnimmt, der rückt mit der Wahrheit heraus. Das erinnert in seiner Konzentriertheit an die Serie „In Treatment“, in der Gabriel Byrne die moderne Version des Beichtvaters spielte – den Therapeuten –, und ist einfach gut gemacht. Die Idee entstand bei NBC Universal Deutschland, das die Kanäle Universal, 13th Street, SyFy, E!, History und A&E betreut; produziert hat es die Berliner Firma Readymade Films mit Laura Bull und Karin Schrader als ausführenden Produzentinnen.

          Ihr düsteres Kammerspiel hätte eine Fortsetzung verdient, allein schon weil man wissen will, was es mit der Strichliste auf sich hat, die der Priester auf der Wand seiner Zelle führt. Für jedes gelöste oder verhinderte Verbrechen überspachtelt er einen Strich. Von denen sind aber noch eine Menge übrig. Nur die Ameisen, die werden weniger.

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