Home
http://www.faz.net/-gsb-75sea
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Sachbücher des Jahres

Serie „Nachtschicht“ im ZDF Draußen vor der Bunkertür

Die Serie „Nachtschicht“ ist ein Phänomen. Sie läuft nur einmal im Jahr, mehr ist für den Regisseur Lars Becker und sein Team nicht zu schaffen. Aber was sie schaffen, ist bestes Fernsehen.

© Hannes Hubach/Network Movie Vergrößern Alle für einen, eine Schicht für alle: Christoph Letkowski, Minh-Khai Phan-Ti, Barbara Auer und Armin Rohde (von links)

In dieser Hamburger Märznacht ist es kalt wie im tiefsten Winter. Arktisch. Länger als fünf Minuten hält es draußen bei dieser steifen Brise mit Schneeregen keiner freiwillig aus. Armin Rohde aber muss immer wieder vor die Tür, Minh-Khai Phan-Thi auch. Für den Kameramann Hannes Hubach und Benjamin Schubert vom Ton gibt es gar kein Entrinnen vor der Kälte. Und der Regisseur schont sich sowieso nicht.

Michael Hanfeld Folgen:  

Dem Film sieht man es später nicht an, dass die Szenen, deren Handlungsort im Script und in der Dispo „Sozialbunker“ heißt, unter Tiefkühlbedingungen gedreht wurden. Dass sie in der Nacht spielen, Drehbeginn sieben Uhr am Abend, versteht sich von selbst. Denn das hier ist eine der kunstvollsten Serien des deutschen Fernsehens, die nur einmal im Jahr kommt: Lars Becker, der Autor und Regisseur, dreht mit der Firma Network Movie für das ZDF seine elfte „Nachtschicht“.

Ein Kommissar auf Zechtour

Und diese Dreharbeiten sind etwas ganz Besonderes. Nicht nur wegen der Zeit, sondern wegen der Intensität, mit der man hier zu Werke geht, wegen der persönlichen Atmosphäre, für die Lars Becker wie ein pater familias sorgt. Hier ist keiner Funktionsträger, jeder wird um seiner selbst willen gebraucht. Und deswegen wollen alle dabei sein, allein die Besetzungsliste der Nebenrollen liest sich über die Jahre wie ein „Who’s who?“ der hiesigen Schauspielszene. In dieser „Nachtschicht“ verteilt es sich auf Sophie Rois, Ben Becker, den aufstrebenden Fahri Yardim, Narges Rashidi, Alexander Held und Alexander Scheer, die für die Geschichte eines missglückenden Bankraubs die entscheidende Rolle spielen.

22815782 © Hannes Hubach/Network Movie Vergrößern Ein Blick ins Drehbuch: Lars Becker (Mitte, rechts Fahri Yardim) weiß, worum es ihm bei der „Nachtschicht“ geht.

“Man fürchtet sich davor und freut sich dann doch das ganze Jahr drauf“, sagt Armin Rohde, der von Beginn an dabei ist und den Kommissar Erich Bo Erichsen gibt, einen Ermittler, der nicht gerade mit der Dienstvorschrift unterm Kopfkissen schläft. Eher schon geht er mit seinen Kumpels, wie dieses Mal, auf eine Zechtour, an deren Ende er mit besoffenem Kopf die Waffe zieht und es einen Toten gibt.

Kleine Leute mit miesen Jobs

Die Krimis von Lars Becker setzen sich in Bild und Dialogen mit einer ganz gewissen, coolen Tonalität ab. „Hard boiled“ könnte man das nennen, lakonisch und lässig, etwas Vergleichbares gibt es im deutschen Fernsehen kaum. Es ist ein eigener Kosmos, ein Kanon, an dem Becker seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet. Die Gelegenheit dazu gab ihm der damalige ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke und gibt ihm dessen Nachfolger Reinhold Elschot, der schon als Gründer und Produzent der ZDF-Tochter Network Movie Beckers Partner war. Der legendäre Hans Janke hatte ein Faible für Individualisten mit eigener Handschrift, für kantige Typen wie Becker.

Der nennt, wenn man ihn nach Vorbildern fragt, den französischen Film der siebziger Jahre, insbesondere den Regisseur Jean-Pierre Melville, und Autoren - Elmore Leonard, Carl Hiaasen -, Leute, deren Stil man realistisch nennen könnte, die nicht belehren, aber eine Haltung haben. Die existentialistische Figuren im Sinne von Camus mögen, die weitermachen, egal wie, und Schwierigkeiten haben zu sagen, warum. Aber die wissen, was sie tun müssen, um auch vor sich selbst zu bestehen. Um Haltung geht es Becker, um ein vielfältiges Abbild der Gesellschaft, in dem lauter Figuren auftauchen, die sonst durchs Raster einer auf Mehrheiten zielenden Fernsehunterhaltung fallen. Die sogenannten „kleinen Leute“ sind seine Helden, die miese Jobs haben, sich irgendwie durchschlagen und an sozialen Brennpunkten leben. Unterhalten will Becker auch, aber eben mit Haltung. Und mit einem ziemlich trockenen, bissigen Humor.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik Die Lichtenbergs Kleine Geschenke sind aller Laster Anfang

Der eine ist Politiker, der andere Taxifahrer. Im Scheitern sind die Brüder Lichtenberg unschlagbar. Das ZDF zeigt Axel Prahl in einer Verwechslungskomödie im Geiste Shakespeares. Mehr Von Michael Hanfeld

08.12.2014, 17:25 Uhr | Feuilleton
Liebestaumel im Konjunktiv

Nach der Scheidungskomödie eine Liebesgeschichte: Lisa Azuelo setzt in Ein Augenblick der Liebe Sophie Marceau als erfolgreiche Autorin und alleinerziehende Mutter in Szene. Mehr

07.08.2014, 18:32 Uhr | Feuilleton
0:0 in Lissabon Leverkusen verspielt die Spitzenlage

Kein Licht im Estadio da Luz: Bayer Leverkusen zeigt eine schwache Leistung in Lissabon und muss den AS Monaco in der Tabelle noch vorüber ziehen lassen. Mehr

09.12.2014, 22:55 Uhr | Sport
Trennung

Thomas Huber liest Trennung von Erich Fried Mehr

10.10.2014, 16:08 Uhr | Feuilleton
Verleihung in Riga Polnisches Drama Ida gewinnt europäischen Filmpreis

Großer Preis für einen kleinen Film: Das polnische Drama Ida gewinnt fünf Preise bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises in Riga. Der deutsche Beitrag Master of the Universe wird bester Dokumentarfilm. Mehr

13.12.2014, 22:12 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.01.2013, 18:47 Uhr

German, please

Von Michael Hanfeld

Wird die Deutsche Welle bald ausschließlich auf Englisch senden? Alle schütteln den Kopf. Peter Limbourg gibt genügend Grund für viele Fragen - aber auch für eine Antwort: Die Deutsche Welle spricht die Sprache des Geldes. Mehr