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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Serie „Nachtschicht“ im ZDF Draußen vor der Bunkertür

 ·  Die Serie „Nachtschicht“ ist ein Phänomen. Sie läuft nur einmal im Jahr, mehr ist für den Regisseur Lars Becker und sein Team nicht zu schaffen. Aber was sie schaffen, ist bestes Fernsehen.

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© Hannes Hubach/Network Movie Alle für einen, eine Schicht für alle: Christoph Letkowski, Minh-Khai Phan-Ti, Barbara Auer und Armin Rohde (von links)

In dieser Hamburger Märznacht ist es kalt wie im tiefsten Winter. Arktisch. Länger als fünf Minuten hält es draußen bei dieser steifen Brise mit Schneeregen keiner freiwillig aus. Armin Rohde aber muss immer wieder vor die Tür, Minh-Khai Phan-Thi auch. Für den Kameramann Hannes Hubach und Benjamin Schubert vom Ton gibt es gar kein Entrinnen vor der Kälte. Und der Regisseur schont sich sowieso nicht.

Dem Film sieht man es später nicht an, dass die Szenen, deren Handlungsort im Script und in der Dispo „Sozialbunker“ heißt, unter Tiefkühlbedingungen gedreht wurden. Dass sie in der Nacht spielen, Drehbeginn sieben Uhr am Abend, versteht sich von selbst. Denn das hier ist eine der kunstvollsten Serien des deutschen Fernsehens, die nur einmal im Jahr kommt: Lars Becker, der Autor und Regisseur, dreht mit der Firma Network Movie für das ZDF seine elfte „Nachtschicht“.

Ein Kommissar auf Zechtour

Und diese Dreharbeiten sind etwas ganz Besonderes. Nicht nur wegen der Zeit, sondern wegen der Intensität, mit der man hier zu Werke geht, wegen der persönlichen Atmosphäre, für die Lars Becker wie ein pater familias sorgt. Hier ist keiner Funktionsträger, jeder wird um seiner selbst willen gebraucht. Und deswegen wollen alle dabei sein, allein die Besetzungsliste der Nebenrollen liest sich über die Jahre wie ein „Who’s who?“ der hiesigen Schauspielszene. In dieser „Nachtschicht“ verteilt es sich auf Sophie Rois, Ben Becker, den aufstrebenden Fahri Yardim, Narges Rashidi, Alexander Held und Alexander Scheer, die für die Geschichte eines missglückenden Bankraubs die entscheidende Rolle spielen.

“Man fürchtet sich davor und freut sich dann doch das ganze Jahr drauf“, sagt Armin Rohde, der von Beginn an dabei ist und den Kommissar Erich Bo Erichsen gibt, einen Ermittler, der nicht gerade mit der Dienstvorschrift unterm Kopfkissen schläft. Eher schon geht er mit seinen Kumpels, wie dieses Mal, auf eine Zechtour, an deren Ende er mit besoffenem Kopf die Waffe zieht und es einen Toten gibt.

Kleine Leute mit miesen Jobs

Die Krimis von Lars Becker setzen sich in Bild und Dialogen mit einer ganz gewissen, coolen Tonalität ab. „Hard boiled“ könnte man das nennen, lakonisch und lässig, etwas Vergleichbares gibt es im deutschen Fernsehen kaum. Es ist ein eigener Kosmos, ein Kanon, an dem Becker seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet. Die Gelegenheit dazu gab ihm der damalige ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke und gibt ihm dessen Nachfolger Reinhold Elschot, der schon als Gründer und Produzent der ZDF-Tochter Network Movie Beckers Partner war. Der legendäre Hans Janke hatte ein Faible für Individualisten mit eigener Handschrift, für kantige Typen wie Becker.

Der nennt, wenn man ihn nach Vorbildern fragt, den französischen Film der siebziger Jahre, insbesondere den Regisseur Jean-Pierre Melville, und Autoren - Elmore Leonard, Carl Hiaasen -, Leute, deren Stil man realistisch nennen könnte, die nicht belehren, aber eine Haltung haben. Die existentialistische Figuren im Sinne von Camus mögen, die weitermachen, egal wie, und Schwierigkeiten haben zu sagen, warum. Aber die wissen, was sie tun müssen, um auch vor sich selbst zu bestehen. Um Haltung geht es Becker, um ein vielfältiges Abbild der Gesellschaft, in dem lauter Figuren auftauchen, die sonst durchs Raster einer auf Mehrheiten zielenden Fernsehunterhaltung fallen. Die sogenannten „kleinen Leute“ sind seine Helden, die miese Jobs haben, sich irgendwie durchschlagen und an sozialen Brennpunkten leben. Unterhalten will Becker auch, aber eben mit Haltung. Und mit einem ziemlich trockenen, bissigen Humor.

Jede Nuance zählt

Den bekommen die Kommissare ab, und mit dem setzen sie sich zur Wehr. Rohdes Erichsen zum Beispiel, kein Mann perfekter Umgangsformen, läuft, wenn es gegen seine Kolleginnen, vornehmlich gegen Minh-Khai Phan-This Mimi Hu geht, jedes Mal zu großer Form auf. „Deutscher“ als die Kollegin könne man nicht sein, fuhr er einem ausländerfeindlichen Kunden in der Wache in einer früheren „Nachtschicht“ über den Mund.

Jetzt, in der dreiunddreißigsten Szene des Films, erlaubt sich Fahri Yardims Möchtegerngroßganove Yüksel Özbek einen Gag auf Kosten der Polizistin. „Da ist eine Frau Hu“, ruft seine Frau Dalida (Narges Rashidi) in die Wohnung. „Frau Wer?“ gibt Özbek zurück und findet das sehr witzig. Den jungen Kollegen im Kriminaldauerdienst, Yannick Kruse (Christoph Letkowski), nimmt noch keiner für voll. „Der ist neu, was?“, amüsiert sich Özbek über dessen Fragen. Kruse macht tatsächlich so einiges falsch. Und das kommt ihn noch teuer zu stehen.

Sophie Rois muss ihren Text - wie später auch die Kommissare - derweil noch ein paar Mal mehr als bei Lars Becker üblich wiederholen, als sie vor der Tür der Özbeks im „Sozialbunker“ in Hamburg-Jenfeld steht. Im Flur geht zur falschen Zeit immer das Licht aus. Und dem Regisseur kommt es auf jede Nuance an. Und sei es nur bei einem „Hallo, Dalida. Bei uns fehlen zwei Anzüge und ein Paar Schuhe. Irgendeine Ahnung, wie das sein kann?“ Dalida, muss man wissen, Özbeks Frau, war Schuhverkäuferin und hat gerade als Haushälterin bei Familie Petry angefangen, und Doreen Petrys Mann Roland (Ben Becker) leitet die Bankfiliale, die von Özbek und dem psychopathischen Marvin Weber (Alexander Scheer) überfallen wird. Den Plan dazu haben sie freilich nicht selbst ausgeheckt. Warum im Hause Petry zwei Anzüge und ein Paar Schuhe fehlen, kann man sich bald denken.

Der Regisseur bittet zum Tanz

Bei Lars Becker müssen die Schauspieler in jeder Szene in den Infight, jede Betonung soll sitzen, die knappen Dialoge verändert der Regisseur noch beim Dreh. Sie müssen passen zur Person und Situation. Da zählt jeder Halbsatz. „Kann ich mal in Ihren Kleiderschrank gucken? Dann wissen wir beide Bescheid“, sagt Sophie Rois als Doreen Petry. „Wir haben gar keinen Kleiderschrank“, könnte die zu Unrecht verdächtigte Dalida erwidern. Doch dazu kommt sie nicht, Frau Petry ist schon in ihre bescheidene Bleibe einmarschiert. Ihrem Mann wird sie später eine hinreißende Szene beim Italiener machen. Da weiß sie, wo dessen Klamotten sind und warum sie wegkamen.

Für derlei Pärchenbildung - Sophie Rois mit Narges Rashidi, später mit Ben Becker, der dann mit dem von Armin Rohde gespielten Saufkumpel und Verfolger Erichsen, der mit und gegen seine von Minh-Khai Phan-Thi und Barbara Auer dargestellten Kolleginnen; Erichsen und Kruse: Lars Becker will, „dass es gemeinsam passt“, und bittet sie alle zum Tanz.

Dabei dürfen sie Pirouetten drehen, aber nie übertreiben. „Mach weniger“, lautet also Armin Rohdes Rat für seine jüngeren Kollegen. Weniger wirkt mehr. Stars mit Allüren braucht Lars Becker nicht und die gibt es bei ihm auch nicht. „Wer Talent hat“, sagt er, „soll es machen. Es gibt nur eine Frage: Kann der das, oder kann der das nicht?“

Noch mal. Und Noch mal bitte.

22 Uhr. Mittagspause. Das Team schlurft über den Platz am Jenfeld Center zum Catering-Bus, Lars Becker quetscht sich zwischen die anderen. Die Lebenswelten, von denen er schreibt, hat er sich nicht angelesen. Studiert hat er in der Filmklasse der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Um sein Studium zu finanzieren, führte er mit ein paar anderen auf St. Pauli eine Bar. Migration, Ethnizismus, das Rotlicht- und das Rockermilieu - das kennt der 1954 in Hannover geborene und in Wilhelmshaven aufgewachsene Becker schon seit damals.

Mitte der achtziger Jahre ging er für zwei Jahre nach New York und belegte Kurse an der Tisch School of the Arts. Es folgten Aushilfsjobs beim Fernsehen, der Dokumentarfilm „Afrika um die Ecke“, die Fernsehkrimis „Kalte Sonne“ und „Amigo“, 1992 das Kinodebüt „Schattenboxer“, 1995 „Bunte Hunde“ (mit Peter Lohmeyer und Til Schweiger), 2000 „Kanak Attack“ nach dem Roman „Abschaum“ von Feridun Zaimoglu. Krimis und Kömödien, die man ernst nehmen kann, gibt es von Becker seither und eben - die „Nachtschicht“.

Im Treppenaufgang machen sich Fahri Yardim, Christoph Letkowski und Alexander Scheer für die nächste Szene mit Spaßkämpfen warm. Scheer wird Letkowski in der nächsten Szene vor sich her zerren und ihm die Kanone an die Schläfe halten. Er macht das so realistisch, dass dem Kollegen bald der Schädel brummt. Die fröhliche Minh-Khai Phan-Thi muss auch wieder raus in die Kälte, raus aus dem Dienstwagen, Pistole ziehen, Erichsen anpflaumen. Noch mal. Und noch mal bitte.

Irgendwann geht jeder k.o.

“So um halb drei fängt das Blödeln an“, hat Armin Rohde gesagt. Und genau so kommt es. Einer nach dem anderen geht langsam stehend k.o., die Strapaze wiederholt sich schließlich in jeder Nacht, drei Wochen lang. Die Mitternachtssuppenpause war erst um halb zwei. Rohde friert wie ein Schneider. Auf dem Flugplatz sei es noch schlimmer gewesen, sagen er und Minh-Khai Phan-Thi. Auf dem Flugplatz kommt es zum Showdown zwischen den Kommissaren und den flüchtenden Bankräubern. In der letzten Szene läuft Armin Rohde Ben Becker hinterher. Die beiden werden langsamer und langsamer und langsamer. „Das nervt. Jetzt bleib doch endlich mal stehen!“ Eine unter sportlichen Gesichtspunkten unfreiwillig komische Verfolgungsjagd geht zu Ende.

Beim Dreh am „Sozialbunker“ geht in dieser Nacht indes keiner mehr vor die Tür, der nicht unbedingt muss. Und der Regisseur hat immer noch Elan. „Eine machen wir noch“, sagt Lars Becker. Irgendwann ist es tatsächlich vorbei. „Drehschluss!“ Vier Uhr. Morgen ist die nächste Nachtschicht. Es kann nicht genug davon geben. Und beim nächsten Mal sind sie alle wieder dabei.

Nachtschicht - Geld regiert die Welt läuft am Sonntag, 20. Januar, um 21.45 Uhr bei ZDFneo und am Montag, 21. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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