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Serie „Nachtschicht“ im ZDF : Draußen vor der Bunkertür

Alle für einen, eine Schicht für alle: Christoph Letkowski, Minh-Khai Phan-Ti, Barbara Auer und Armin Rohde (von links) Bild: Hannes Hubach/Network Movie

Die Serie „Nachtschicht“ ist ein Phänomen. Sie läuft nur einmal im Jahr, mehr ist für den Regisseur Lars Becker und sein Team nicht zu schaffen. Aber was sie schaffen, ist bestes Fernsehen.

          In dieser Hamburger Märznacht ist es kalt wie im tiefsten Winter. Arktisch. Länger als fünf Minuten hält es draußen bei dieser steifen Brise mit Schneeregen keiner freiwillig aus. Armin Rohde aber muss immer wieder vor die Tür, Minh-Khai Phan-Thi auch. Für den Kameramann Hannes Hubach und Benjamin Schubert vom Ton gibt es gar kein Entrinnen vor der Kälte. Und der Regisseur schont sich sowieso nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dem Film sieht man es später nicht an, dass die Szenen, deren Handlungsort im Script und in der Dispo „Sozialbunker“ heißt, unter Tiefkühlbedingungen gedreht wurden. Dass sie in der Nacht spielen, Drehbeginn sieben Uhr am Abend, versteht sich von selbst. Denn das hier ist eine der kunstvollsten Serien des deutschen Fernsehens, die nur einmal im Jahr kommt: Lars Becker, der Autor und Regisseur, dreht mit der Firma Network Movie für das ZDF seine elfte „Nachtschicht“.

          Ein Kommissar auf Zechtour

          Und diese Dreharbeiten sind etwas ganz Besonderes. Nicht nur wegen der Zeit, sondern wegen der Intensität, mit der man hier zu Werke geht, wegen der persönlichen Atmosphäre, für die Lars Becker wie ein pater familias sorgt. Hier ist keiner Funktionsträger, jeder wird um seiner selbst willen gebraucht. Und deswegen wollen alle dabei sein, allein die Besetzungsliste der Nebenrollen liest sich über die Jahre wie ein „Who’s who?“ der hiesigen Schauspielszene. In dieser „Nachtschicht“ verteilt es sich auf Sophie Rois, Ben Becker, den aufstrebenden Fahri Yardim, Narges Rashidi, Alexander Held und Alexander Scheer, die für die Geschichte eines missglückenden Bankraubs die entscheidende Rolle spielen.

          Ein Blick ins Drehbuch: Lars Becker (Mitte, rechts Fahri Yardim) weiß, worum es ihm bei der „Nachtschicht“ geht.
          Ein Blick ins Drehbuch: Lars Becker (Mitte, rechts Fahri Yardim) weiß, worum es ihm bei der „Nachtschicht“ geht. : Bild: Hannes Hubach/Network Movie

          “Man fürchtet sich davor und freut sich dann doch das ganze Jahr drauf“, sagt Armin Rohde, der von Beginn an dabei ist und den Kommissar Erich Bo Erichsen gibt, einen Ermittler, der nicht gerade mit der Dienstvorschrift unterm Kopfkissen schläft. Eher schon geht er mit seinen Kumpels, wie dieses Mal, auf eine Zechtour, an deren Ende er mit besoffenem Kopf die Waffe zieht und es einen Toten gibt.

          Kleine Leute mit miesen Jobs

          Die Krimis von Lars Becker setzen sich in Bild und Dialogen mit einer ganz gewissen, coolen Tonalität ab. „Hard boiled“ könnte man das nennen, lakonisch und lässig, etwas Vergleichbares gibt es im deutschen Fernsehen kaum. Es ist ein eigener Kosmos, ein Kanon, an dem Becker seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet. Die Gelegenheit dazu gab ihm der damalige ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke und gibt ihm dessen Nachfolger Reinhold Elschot, der schon als Gründer und Produzent der ZDF-Tochter Network Movie Beckers Partner war. Der legendäre Hans Janke hatte ein Faible für Individualisten mit eigener Handschrift, für kantige Typen wie Becker.

          Der nennt, wenn man ihn nach Vorbildern fragt, den französischen Film der siebziger Jahre, insbesondere den Regisseur Jean-Pierre Melville, und Autoren - Elmore Leonard, Carl Hiaasen -, Leute, deren Stil man realistisch nennen könnte, die nicht belehren, aber eine Haltung haben. Die existentialistische Figuren im Sinne von Camus mögen, die weitermachen, egal wie, und Schwierigkeiten haben zu sagen, warum. Aber die wissen, was sie tun müssen, um auch vor sich selbst zu bestehen. Um Haltung geht es Becker, um ein vielfältiges Abbild der Gesellschaft, in dem lauter Figuren auftauchen, die sonst durchs Raster einer auf Mehrheiten zielenden Fernsehunterhaltung fallen. Die sogenannten „kleinen Leute“ sind seine Helden, die miese Jobs haben, sich irgendwie durchschlagen und an sozialen Brennpunkten leben. Unterhalten will Becker auch, aber eben mit Haltung. Und mit einem ziemlich trockenen, bissigen Humor.

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