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Senta Berger allüberall : Großschauspielerin im Flüchtlingslager

In heikler Mission: Assistent Langner (Rudolf Krause, links), Dr. Eva Maria Prohacek (Senta Berger), der italienische Helfer Marcello (Emilio de Marchi) und der zweilichtige Kapitän (Leonardo Nigro) Bild: ZDF

Seit fast zehn Jahren spielt Senta Berger die interne Ermittlerin Dr. Prohacek. Der neue Fall der Reihe „Unter Verdacht“ heißt „Die elegante Lösung“ und führt ans Mittelmeer.

          In Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ fällt dem schöngeistigen Finanzmagnaten Arnheim die Rolle des „Großschriftstellers“ zu. Ziel seiner zahlreichen Schriften, heißt es ironisch, sei die „Vereinigung von Kohlepreis und Seele“.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Sinne Musils könnte man Senta Berger die Großschauspielerin des deutschen Fernsehens nennen. Ihre letzte Feger-Rolle als Baby-Schimmerlos-Gefährtin Mona in „Kir Royal“ liegt inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück, als Taxifahrerin in den Miniserien „Die schnelle Gerdi“ (1989) sowie „Die schnelle Gerdi und die Hauptstadt“ (2004) war sie noch einmal ansatzweise selbstironisch und komisch.

          Omnipräsenz beim Fernsehspiel-Festival

          Als Großschauspielerin aber ist sie inzwischen vor allem dem Repräsentativen verpflichtet, weshalb sie in den vielen und vielfach auch sofort preisgekrönten Charakterrollen der vergangenen zwei Jahrzehnte zuallererst für die gutmenschliche Vereinigung von Zivilcourage, Anstand und Gefühl stand und steht.

          So auch beim diesjährigen Fernsehfilm-Festival, das in der übernächsten Woche in Baden-Baden stattfindet. Gleich viermal wird Senta Berger dort eine Hauptrolle spielen. Zum Auftakt als Polizistenwitwe in der öffentlichen Film-Premiere „In den besten Jahren“, im Wettbewerb um das beste Regiedebüt dann als Großbürgerin im Goldenen Hochzeitsjahr in Sophie Heldmanns „Satte Farben vor Schwarz“. Entgegennehmen wird sie den renommierten Hans-Abich-Preis für ihr Jahrzehnte währendes Fernsehwirken - im Wettbewerb um den besten Fernsehfilm des Jahres 2011 betritt Senta Berger schließlich aufs Neue als interne Ermittlerin Dr. Eva Maria Prohacek die Szene.

          Seine Rolle ist dieses Mal aufgewertet: Dr. Claus Reiter (Gerd Anthoff, rechts) führt den Karrieristen Stiegler (Harald Schrott, Mitte) nach allen Regeln der Kunst vor. André Langner (Rudolf Krause) assistiert. Bilderstrecke
          Seine Rolle ist dieses Mal aufgewertet: Dr. Claus Reiter (Gerd Anthoff, rechts) führt den Karrieristen Stiegler (Harald Schrott, Mitte) nach allen Regeln der Kunst vor. André Langner (Rudolf Krause) assistiert. :

          Fast zehn Jahre lang spielt sie diese Rolle nun, die neue Folge der Reihe „Unter Verdacht“ heißt „Die elegante Lösung“ und ist, wenn wir richtig rechnen, ihr inzwischen siebzehnter Fall. Regie führt dieses Mal Aelrun Goette, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Frau Goette, 1966 in Berlin geboren, ist ihrerseits alles andere als eine Großregisseurin des deutschen Fernsehens - ihr Metier sind nicht die repräsentativen, sondern die existentiell verstörenden und die gesellschaftskritisch alarmierenden Stoffe.

          „Unter dem Eis“, ihr Spielfilm-Debüt von 2007, erzählt vom Einbruch des Grauens in eine wohlgefügte Familie am Stadtrand, „Keine Angst“ (2010) handelt schonungslos hart vom Kinderelend in einem Kölner Sozialgetto.

          Sehr konsequent schickt Aelrun Goette die Kriminalrätin Prohacek auch gleich zu Beginn aus dem Schickimicki-München an einen Brennpunkt gegenwärtiger Sozialtragödien im Süden Europas. Für die afrikanischen Flüchtlinge, die auf ihren Seelenverkäufern irgendwie an die Küsten Griechenlands, Spaniens oder Italiens gelangen, ist Europa, Finanzkrise hin oder her, das Paradies, wenngleich eines, das sie als Illegale gar nicht haben will. „Die elegante Lösung“ dafür heißt: Abschieben. In der Realität ist auch dafür Frontex zuständig, die Agentur für Europas Außengrenzen. Im Film heißt sie „EuroBordac“ und ist eine Polizeibehörde, in der auch deutsche Beamte Dienst tun.

          Einer von ihnen ist beim Einsatz im Mittelmeer ums Leben gekommen - und weil dieser Thorsten Brenner zugleich der Sohn des pensionierten Münchner Polizeipräsidenten (versteinert: Jürgen Schornagel)) ist, ermittelt Frau Prohacek nun auf See und in einem der Lager.

          Die Stunde des Gerd Anthoff

          Nein, schlecht ist dieser neue Fall keineswegs. Wenn Aelrun Goette szenisch zwischen italienischem Flüchtlingsgetto und Münchner Edelrestaurant hin und her schwenkt, wenn Senta Berger in wechselnden Hosenanzügen ihrer Ratlosigkeit und der Hitze trotzt, und wenn ihr bewährt unbeholfen wirkender Assistent André Langner (Rudolf Krause) eine entscheidende Entdeckung macht, dann hat die neue Folge durchaus ästhetische Qualität und thematische Prägnanz.

          Dass die Verbindung zwischen der Großschauspielerin und der Außenseiterregisseurin gleichwohl nicht ganz aufgeht, liegt gewiss an den Binnengesetzen der Prohacek-Reihe. Sie verlangen Aelrun Goette nicht wenige Zugeständnisse ans Konventionelle ab. So dürfen die Flüchtlinge nicht gar zu elend und die Kriminalrätin nicht gar zu unnachgiebig sein. In dieser Hinsicht also ist „Die elegante Lösung“ ein Kompromiss.

          Eine Rolle freilich, die ansonsten immer etwas zu kurz kommt, profitiert in dieser Folge ungemein: Dr. Claus Reiter, Prohaceks meist zwielichtiger Vorgesetzter in der Münchner Zentrale. Wie dessen Darsteller Gerd Anthoff dieses Mal einem Kontrahenten vom Bayerischen Innenministerium nach allen Regeln der Kunst, mit fabelhaft aufgesetzter Jovialität also und wahrhaft abgefeimtem Spürsinn, auf die Schliche kommt, ist ein Film im Film. Und der ist makellos.

          Unter Verdacht: Die elegante Lösung läuft heute, am Freitag, um 20.15 Uhr bei Arte und wird am 13. November um 20.15 Uhr bei 3sat wiederholt.

          Quelle: F.A.Z.

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