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Senderreform bei Kabel eins Mit Ecken, Kanten und Kilos das Publikum holen

10.02.2008 ·  Der Sender Kabel eins galt lange als Abspielstation für Film-Klassiker und Resteverwerter der Brüder Pro Sieben und Sat.1. Jetzt verpasst er sich ein jüngeres Profil. Ziel ist es, nicht den Anschluss an RTL 2 und Vox zu verlieren.

Von Peer Schader
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Als die Frauen des niedersächsischen Dörfchens Jühnde im vergangenen Sommer kollektiv in den Urlaub verschwanden, hat das die Männer ziemlich geschockt, weil sie plötzlich für den Haushalt zuständig waren und den ganzen Tag auf die Kinder aufpassen mussten. Kabel eins, das die Daheimgebliebenen mit der Kamera beobachten durfte, war auch geschockt, aber im positiven Sinne - weil die Quoten der Dokusoap „Männer allein daheim“ so toll waren. 11,5 Prozent Marktanteil erzielte die erste Folge bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren, fast das Doppelte von dem, was Kabel eins sonst schafft. Das war ungewöhnlich für einen Sender, der lange Zeit bloß als Abspielstation für Filmklassiker wahrgenommen wurde. Doch der Erfolg hat nicht lange gehalten: Mit den weiteren Folgen sank das Zuschauerinteresse, und als Kabel eins dann im Herbst gleich ein zweites Dorf der Frauen beraubte, wollte kaum noch einer zusehen.

„Im Nachhinein war es sicher falsch, eine zweite Staffel zu zeigen“, sagt Guido Bolten, seit zwei Jahren Geschäftsführer beim kleinsten Vollprogramm der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe. Vielleicht hat das Publikum das Interesse verloren. Oder es hat sich gefragt, was denn diese Dokusoap beim Spielfilmsender Kabel eins zu suchen hat. Jahrelang hat man den Zuschauern eingetrichtert, vor allem „die besten Filme aller Zeiten“ zu zeigen. Da darf man sich nicht wundern, wenn das tatsächlich hängenbleibt.

Macht Kabel eins die Emanzipation von Pro Sieben nach?

Doch die Zuschauer werden sich umgewöhnen müssen. Kabel eins steckt gerade mitten in der spannendsten Phase seit der Sendergründung vor sechzehn Jahren. Das vergangene Jahr war das beste seit 1992, auch wenn Kabel eins weiterhin der kleinste unter den Sendern der zweiten Generation ist. RTL 2 liegt knapp vorn, Vox ist davongezogen. Bolten will ein moderneres Programm mit mehr Erstausstrahlungen und kreativen Eigenproduktionen machen: „Wenn wir mittelfristig über sechs Prozent Marktanteil kommen wollen, ist es notwendig, dass der Sender sich verändert.“ Deshalb investiert der Konzern kräftig in neue Ideen.

Im März startet „Jedes Kilo zählt!“, eine weitere Dokusoap, bei der die Einwohner der Nordseeinsel Langeoog beim Abnehmen beobachtet werden. Erste Ausschnitte deuten darauf hin, dass das keine peinliche Abspeck-Show wird, sondern sympathisch-witziges „Dokutainment“, wie der Sender seine Soap nennt. Im Spätsommer wagt sich Kabel eins an die erste abendfüllende Show „King of Quiz“, bei der alle, die bei „Wer wird Millionär?“ gnadenlos durchrasseln würden, durch kluges Auswendiglernen um 100.000 Euro reicher werden können. Außerdem gibt es die Show „Gewinn mein Gehalt“, eine Art „Was bin ich?“, in der Kandidaten raten, was andere verdienen. Für all das darf Kabel eins mehr ausgeben: Das Budget wurde im zweistelligen Millionenbereich aufgestockt, heißt es in München. Alles sieht so aus, als mache Kabel eins gerade die Emanzipation durch, die Pro Sieben vor zehn Jahren geschafft hat.

Nicht mehr nur noch das, was übrig bleibt

Auf Film- und Serienklassiker will Bolten auch zukünftig nicht verzichten, aber neben den James-Bond-Streifen mit Sean Connery laufen jetzt eben öfter mal neuere Filme, die von Pro Sieben oder Sat.1 weitergereicht werden. Große Hoffnung setzt Kabel eins in die amerikanischen Serien. Mit denen hat das Umdenken schließlich angefangen. Als vor vier Jahren Erstausstrahlungen der amerikanischen Reihe „Without a trace“ gezeigt wurden, stiegen die Zuschauerzahlen deutlich. Die Serie lief so gut, dass sie vor einem Jahr an Sat.1 abgegeben werden musste. Seit Anfang des Jahres hat Kabel eins sie wieder, weil der Erfolg bei Sat.1 ausblieb, und nun soll „Without a trace“ dem Konkurrenten Vox mit „CSI: New York“ trotzen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Bolten verspricht jedoch: „Wir halten an der Montagsprogrammierung fest - das muss sich entwickeln. Es braucht sicher einen langen Atem, um diesen zweiten Serienabend aufzubauen.“ Der erste funktioniert schon ganz gut: Freitags haben „Ghost Whisperer“ und „Medium“ treue Fans gefunden. Und neue Serien wie „Justice“, das Geiseldrama „The Nine“ und „Damages“ mit Glenn Close gehen längst nicht mehr automatisch an Pro Sieben oder Sat.1, sondern laufen 2008 bei Kabel eins. Bolten sagt: „Die Zeiten, in denen Kabel eins das bekommen hat, was übrigblieb, sind lange und definitiv vorbei.“

Fast Food als Alternative zum „Perfekten Dinner“

Was dem Sender nach wie vor fehlt, ist ein klareres Profil jenseits der Spielfilm- und Serienkompetenz. Mit den Infotainment-Sendungen „Abenteuer Leben“, „Abenteuer Alltag“ sowie „K1 Magazin“ und „K1 Doku“ ist das zwar schon ganz gut gelungen, auch wenn die Formate auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden sind. Doch mit immer neuen Auskopplungen seines Auswanderer-Erfolgs „Mein neues Leben“, auf das nun „Mein neuer Job“ folgt, und „Abenteuer Alltag - Tränen am Terminal“ läuft der Sender Gefahr, sich zu sehr in Kopien zu verlieren.

In der Unterhaltung hapert es noch gewaltig: Der Versuch, mit Comedy zu punkten, ging vor einem Jahr gewaltig schief. Dazu versagten „Der Glücksvollzieher“ sowie die „Quiztour“ kläglich. Nur Thomas Hackenberg darf mit seiner unterhaltsamen Spontanshow „Quiztaxi“ weiter seine Runden durchs Vorabendprogramm drehen, ab Ende März immer eine Dreiviertelstunde ab 19.30 Uhr. Davor zeigt der Sender dann in gleicher Länge das „Fast Food Duell“, das am Sonntagabend eher mittelmäßige Quoten holte, aber Kabel eins nun in der täglichen Version endlich ein stabiles Vorabendprogramm bescheren soll. Bolten weiß, dass er Vox mit dem „Perfekten Dinner“ kaum vom Thron stoßen kann, hofft allerdings, den Zuschauern eine Alternative bieten zu können.

Um den neuen Inhalten auch im Senderdesign gerecht zu werden, verpasst sich Kabel eins am heutigen Montag ein komplett neues Design: Die Senderfarbe Orange bleibt, doch die Kabel-eins-Schrift wird kantiger, und die Eins im Logo steht statt in einem Kreis im Rechteck. Der alte Senderclaim „Good times“ ist entsorgt worden, stattdessen heißt es jetzt: „Echt Kabel eins.“ Und der Geschäftsführer sagt: „Der Sender darf selbstbewusster auftreten.“ Ob dazu auch gehört, RTL zu kopieren? Zumindest was die Konzepte angeht, erinnern die beiden neu geplanten Sendungen „Der Hoteltester“ und „Hagen hilft!“, in denen Hotels auf Vordermann gebracht und Familienbetriebe saniert werden sollen, doch sehr an „Rach, der Restauranttester“ und „Raus aus den Schulden“ von RTL. Aber an den Erfolg mit Klassikern ist Kabel eins ja ohnehin gewöhnt.

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