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Sendeausfall Das angekündigte Tor

26.06.2008 ·  Jetzt raubt uns die Technik auch noch die Ekstase. Die Sendeprobleme beim Halbfinale haben in deutschen Fernsehhaushalten und Fanmeilen ein neues Phänomen geboren: Die gedämpfte Freude über das angekündigte Tor.

Von Daniel Meuren
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Der Sendeausfall während der Übertragung des EM-Halbfinales zwischen Deutschland und der Türkei im ZDF bescherte dem Fan-Volk ein durchaus surreales, ganz neuartiges Erlebnis: Das angekündigte Tor. Nachdem das ZDF wegen des in Wien durch ein Unwetter verursachten Sendeausfalls notgedrungen auf das Fernsehsignal des Schweizer Fernsehens umschalten musste, schaffte Belá Rethys Stimme den Weg in die deutschen Fanmeilen und Fernsehhaushalte um gut drei Sekunden schneller als das dazugehörige Bild. Solche drei Sekunden können sehr lang sein. (Siehe: Stromausfall im TV-Zentrum: Nur SF und Al-Dschasira sendeten weiter).

Rethy wirkte deshalb von der siebzigsten Minute an zunächst einmal wie ein Mann mit prophetischen Gaben, der Abspiele deutscher Spieler schon im Voraus erahnen kann. Das machte uns vor den Fernsehapparaten zunächst stutzig, hatte man doch diese Kunst von dem Kommentator bislang nicht gekannt. Als Rethy dann aber Kloses Vollstreckerqualitäten beim Tor zum 2:1 vorhersah, ehe die dazugehörige Flanke den Fuß von Lahm verlassen hatte, wurden wir misstrauisch.

Wie ein Geschenk mit Vorankündigung

So misstrauisch, dass unsere Freude doch arg gedämpft war über den Treffer. Der Zuschauer will das Tor eben mit allen Sinnen live erleben, quasi das Gefühl haben, den Ball mit den eigenen Augen ins Netz hineingeschaut zu haben - statt es wie eine vom Propheten Rethy verkündete frohe Botschaft hinnehmen zu müssen, die anschließend visualisierte Realität wird.

Der Jubel in den deutschen Wohnzimmern über Kloses zwischenzeitlichen Führungstreffer ist folglich anders ausgefallen als üblich. Etwa so, wie man ein Tor im Radio bejubelt. Der Reporter kann das Tor dort noch so wortreich und elegant beschreiben - was dem Fernsehmann im Radioversuch, als das Bild aus Basel zwischendurch völlig verschwunden war, übrigens nur sehr stockend gelang; Fernsehen und Radio sind eben zwei unterschiedliche Disziplinen - das Gefühl der punktgenauen Ekstase wird er nicht provozieren können. Oder so, wie man sich über ein Geschenk freut, dessen Inhalt im Moment des Auspackens bereits verraten wurde.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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