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Internetportal „Nachtkritik“ : Liest der Laie mit?

  • -Aktualisiert am

Die einen schlafen nach der Vorstellung, die anderen müssen schreiben: Frankfurter Schauspiel und Oper bei Nacht Bild: Kien Hoang Le

Seit zehn Jahren gibt es das theatralische Internetportal „Nachtkritik“. Die Internetseite steht in einem krassen Gegensatz zur traditionellen Theater-Berichterstattung.

          Wenn heute eine junge Theaterregisseurin oder ein junger Theaterschauspieler die Leistung am Premierenabend bewertet wissen will, braucht sie, braucht er nicht mehr bis zum späten Abend des folgenden Tages zu warten. Aufregender Nervenkitzel und gespanntes Ausharren vor dem einzigen Kiosk, an dem schon am Vorabend die druckfrischen Zeitungen und mit ihnen die Theaterkritik eintreffen – das war einmal.

          Seit zehn Jahren gibt es das theatralische Internetportal „Nachtkritik“, das sich das schnelle Urteil zum Markenzeichen gemacht hat. Schon am Morgen nach der Premiere, von neun Uhr an, finden hier verkaterte Theatermacher und entrüstete Zuschauer die Kritik des Abends. Verfasst worden ist sie noch in der Nacht, von eifrigen Eilboten, die sich die dunklen Stunden um die Ohren schlagen, um ihren Text als Erste an den Leser zu bringen. „Sie schlafen, wir schreiben“, lautete der heroische Werbeslogan, unter dem vier Theaterkritiker und ein Künstler 2007 eine Internetseite ins Leben riefen, die im krassen Gegensatz zur traditionellen Theater-Berichterstattung stehen sollte: schnell, dialogisch und kostenfrei.

          „Marktfähig“ sind die Honorare noch nicht

          Finanziert wurde der Betrieb zunächst aus eigener Tasche, dann mit einem Privatdarlehen und durch Sponsoring. Mittlerweile haben die Theater den diskursiven, weil reichweitenstarken Stellenwert von „Nachtkritik“ erkannt und schalten exzessiv Werbung. Trotzdem wird auch hier – wie überall im Netzjournalismus – über alternative Finanzierungsmodelle, etwa ein freiwilliges Bezahlsystem, Abonnements und Spendenkampagnen, nachgedacht. Denn um die „marktfähigen Honorare“ zahlen zu können, von denen Christian Rakow, der sich die Chefredaktion mit Anne Peter teilt, in einem Jubiläums-Interview schwärmt, muss noch einiges passieren. Bisher zahlt das Portal hundert Euro pro Text – ziemlich mickrig für eine schlaflose Nacht.

          Allerdings steht in den Zeitungen die Theaterberichterstattung seit längerem nicht mehr überall auf sicherem Grund. Die Kunstform des Theaters muss um den Platz kämpfen, Lokalzeitungen können sich nicht mehr immer einen reisenden Theaterkritiker leisten. So bleibt manches, was an Theatern in der Provinz oder der freien Szene stattfindet, unbeachtet. Diese Lücke schließt „Nachtkritik“. Hier werden nicht nur Abende an der Wiener Burg, sondern auch Premieren am Nordharzer Städtebundtheater besprochen. Etwa fünfzig Termine werden pro Monat wahrgenommen. Damit kann nahezu jeder Theaterschaffende sicher sein, dass sein Spiel nicht unbeobachtet bleibt.

          Das „deutschsprachige Leitmedium in Sachen Theater“?

          Wütende Zuschauer können die Kritiken über die Kommentarfunktion (und unter falschem Namen) wiederum kritisieren oder auch einfach nur Beschimpfungen loswerden. Die „Einbahnstraße Kritik“ für den Gegenverkehr freigeben, nennt das die Portal-Gründerin Esther Slevogt. Durch die diskursive Öffnung sei dem „hegemonialen Expertentalk“ ein Ende bereitet worden. Ob aber die unverblümte Meinungsäußerung an sich schon einen „diskursiven Gewinn“ darstellt oder da, wo überall schon alle alles bereden, die verlässlich wiedererkennbare Kritiker-Stimme nicht doch eine eigene Gültigkeit behält, darf man wohl fragen. Ganz ohne Belang scheint den Nachtkritikern die Berichterstattung der Feuilletons jedenfalls nicht zu sein, sonst würden sie diese nicht täglich in einer anregenden Kritikenrundschau zusammenfassen.

          Wenn die Gründerin Esther Slevogt ihr Portal im Überschwang der Erfolgsgefühle selbst zum „deutschsprachigen Leitmedium in Sachen Theater“ ernennt, nimmt sie den Mund freilich allzu voll. Was jedoch stimmt, ist, dass „Nachtkritik“ den Abbau regionaler Theater-Berichterstattung kompensiert und es in den vergangenen Jahren geschafft hat, die sogenannten Debatten des Betriebs auf ihre Seite zu ziehen. Ob das im Endeffekt wirklich zu besonderer „Zuschauernähe“ oder nicht viel eher auch zu einer gehörigen Portion Insidergekreisel führt? In jedem Fall fordert „Nachtkritik“ den ausgeschlafenen Theaterkritiker stets aufs Neue heraus: Er sollte sich schon anstrengen und muss sich absetzen durch ein begründungsintensives, anschauliches und vor allem auch milieuübergreifendes Schreiben.

          Denn die großartige Chance, einen Leser durch Text und Thema zu locken, der sonst mit dem Theater gar nichts am Hut hat, die bekommt man nur im – durch seine verschiedenen Facetten überraschenden – Feuilleton einer Zeitung. Das den Laien abschreckende „Expertentum“ findet nämlich mittlerweile nicht mehr hier, sondern dort statt: in den immer offenen, nie entschiedenen Diskussionsforen der Userinnen und User von „Nachtkritik“.

          Quelle: F.A.Z.

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