06.04.2007 · Erinnerungen an das Grauen gibt es jetzt auch in der Simulationswelt: „Second Life“ hat sein eigenes Holocaust-Museum. Doch die Exponate wollen sich nicht zu einer zusammenhängenden Geschichte verdichten.
Von Thomas ThielZeitgeschichte und „Erinnerung“ sind nicht unbedingt das wichtigste Anliegen einer Welt, die in ständigem Wachsen und visionärer Vorausschau begriffen ist. Die meistfrequentierten Orte der Simulationswelt „Second Life“ sind folglich Partys und Konzerte. Zuordnungen ergeben sich zumeist über Geschmack und Kleidung - wenn sie denn definierbar sind. In dem Bezirk Cuscus hat sich indessen eine jüdische Gemeinschaft gebildet, der an konzentrierteren Lebensformen gelegen ist.
Davon zeugt ein großangelegtes Ensemble von Gebäuden mit einem Jüdischen Historischen Museum, einem Begegnungszentrum und einer Synagoge. Die Gemeinde hat feste Riten entwickelt. An jedem Freitagabend treffen sich hier Avatare im Gotteshaus, um sich auf den Schabbat vorzubereiten. Ein Besuch des Geländes lässt vermuten, dass es nicht allzu viele sind, die daran teilnehmen. Wohin man sich wendet, es fällt einen die Leere an.
Unfreiwillige Kontraste
Das Gefühl des Verlassenseins ist nicht die schlechteste Voraussetzung für den Besuch des ersten Holocaust-Museums in „Second Life“, das man vor kurzem auf diesem Areal eröffnete. Seine schlichte graue Fassade lässt seine Bestimmung kaum erkennen. Hessisch anmutende Fachwerkhäuser und Burgen in der näheren Umgebung, schließlich eine tiefrot ins Meer versinkende Sonne tragen zur atmosphärischen Verdichtung des Ambientes wenig bei. Auch im Inneren des Gebäudes schaffen rosa und grün leuchtende Blumenarrangements in jeder Ecke des Ausstellungsraums einen wohl unfreiwilligen Kontrast zum Düsteren der Exponate.
Die von Carter Giacobini, dem Kurator des Jewish Historical Museum and Synagogue, konzipierte Bilderschau bietet einen Zugang zum Holocaust aus traditioneller Perspektive. Von den Animationsmöglichkeiten virtueller Museen macht sie keinen Gebrauch. Sie vertraut allein der Macht der Bilder aus Giacobinis Privatarchiv, um das Grauen der Vernichtungspolitik in die Gegenwart zu übertragen.
Opfer und Täter bleiben anonyme Geschöpfe
Auf beidseitig bebilderten Schautafeln bieten sich dem Besucher fast ausschließlich Fotografien, die in loser Chronologie die zentralen Orte und Praktiken des Terrors dokumentieren: Innen- und Außenansichten der Lager Dachau, Auschwitz und Mauthausen, Exekutionen durch Einsatzgruppen, brennende Synagogen und die Folgen medizinischer Experimente an KZ-Häftlingen. Bilder, die trotz ihrer Bekanntheit ihre Wirkung nicht verfehlen, sich jedoch in ihrer Anordnung nicht zu einer zusammenhängenden Geschichte verdichten. Zu sehr beschränkt sich die Ausstellung auf sparsam kommentierte Bildausschnitte des Terrors. Es fehlen andere Dokumente wie Briefe, Tagebuchnotizen oder Aktenaufzeichnungen, die das komplexe Gewebe deutlich werden lassen, aus dem das jüdische Leben herausgerissen wurde, und die administrative Logik des Systems, in das es hineingezogen wurde. Opfer und Täter bleiben anonyme Geschöpfe ohne eigene Lebensgeschichte.
Der Kurator entschied sich dafür, die Holocaust-Ausstellung nicht in das Gebäude des Jüdischen Historischen Museums zu integrieren. Angesichts der Tatsache, dass sich das historische Museum auf unkommentierte Porträts berühmter Juden von Albert Einstein bis Goldie Hawn beschränkt, ist zumindest diese Entscheidung zu begrüßen.
schwer nachzuvollziehen
Sebastian Arnoldt (sebumundo)
- 06.04.2007, 19:37 Uhr