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Second Life entvölkert sich Hula-Hula hilft auch nicht mehr

10.08.2007 ·  Nur wenige sind wirklich heimisch geworden in Second Life. Der Trend hat sich umgekehrt zur Rückbesinnung auf das reale Leben oder verlagert sich auf andere virtuelle Plattformen: Second Life ist zunehmend menschenleer.

Von Thomas Thiel
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Eine Fortschreibung platonischen Gedankenguts in die digitale Gegenwart könnte die Fortdauer zweier Welten im Gegenwartsbewusstsein behaupten: einer körperlichen und einer geistigen. Ähnlich dem antik-dualistischen Gedanken wäre die eine negativ und die andere positiv konnotiert, was in beiden Fällen - in der digitalen Kultur wie in der christlich-platonischen Tradition - in die Empfehlung mündete, sich von der ersten weg- und auf die zweite hinzubewegen. Der Unterschied läge dann darin, dass sich die zweite Welt nicht mehr Jenseits nennt, sondern Virtualität und dass nicht die Seele, sondern die Information ihr „Fetisch“ wäre.

Ihre bekannteste Repräsentanz hat die virtuelle Welt noch immer in der Internetplattform Second Life. Doch über sie hört man derzeit nicht viel Gutes. Die Bewohner dieses Zweitlebens im Internet vertreten oft den trotzigen Anspruch, sich vollständig von der „materiellen“ raumzeitlichen Welt emanzipiert zu haben. Nichts stört den erfahrenen Avatar mehr als die Referenz auf die Welt außerhalb. Wer hier als eingeweiht gelten möchte, sollte es tunlichst vermeiden, den Gesprächspartner nach seiner Identität in der wirklichen Welt zu befragen. Der Avatar, der seinem körperlichen Schatten ja gerade entrinnen will, möchte auf diesem Sprung nicht zurückgehalten werden.

Zunehmend menschenleer

Allerdings sind nur wenige wirklich heimisch geworden in Second Life. Der Trend hat sich umgekehrt zur Rückbesinnung auf das reale Leben oder verlagert sich auf andere virtuelle Plattformen. Second Life ist zunehmend menschenleer. Auf dem Portal Youtube befindet sich eine wunderschöne Parodie von Bourgery auf die sich entvölkernden Weiten von Second Life, die den schwierigen Resozialisierungsprozess seiner ehemaligen Bewohner beschreibt. Man sieht dort - was nur für erfahrene Benutzer lustig sein mag - Menschen, die ständig gegen Wände rennen, zum Gleitflug abheben, plötzlich herunterpurzeln, sich gegenüberstehen, aber nicht miteinander sprechen, sondern auf eine unsichtbare Tastatur tippen. Oder man sieht die merkwürdige, in ihrer Herkunft nicht ganz erschließbare Hula-Hula-Bewegung, wohl eine eigens von Second Life geprägte emphatisch-possierliche Rückenbeugung mit nach hinten ausgestreckten Armen; Bewegungsmuster also, die ganz den Fortbewegungs- und Kommunikationsgewohnheiten von Second Life entsprechen.

Die Parodie nährt immerhin den Verdacht, dass der Niedergang von Second Life kein dauerhafter Rückzug aus dem Projekt virtueller „Welten“ sein wird. Zu groß ist inzwischen eine digital sozialisierte Gemeinschaft, die allem Körperlichen mit aggressiver Herabwertung begegnet und in Internet-Communities oder Massen-Multiplayer-Online-Rollenspielen wie „World of Warcraft“ einen unverblümten Hass auf das von ihr so genannte „RL“ (reale Leben) äußert. Das Unbehagen an einer untaktilen Welt, das viele nach einer Stippvisite wieder zum Rückzug aus Second Life bewog, empfindet eine wachsende Zahl von Internetsozialisierten inzwischen gegenüber der berührbaren Welt. All diejenigen, die anonyme, per Mausklick dementierbare Beziehungen bevorzugen, werden sich daher bald auf ein drittes oder viertes Leben zubewegen.

Quelle: F.A.Z., 09.08.2007, Nr. 183 / Seite 38
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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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