15.05.2007 · Während seiner Recherche über die Scientology-Bewegung geriet der britische BBC-Journalist John Sweeney mächtig in Rage. Scientology hielt Sweeneys Wutausbruch auf einem Gegendokumentarfilm fest und wirft dem BBC jetzt Verstöße gegen die eigenen Richtlinien vor.
Von Gina Thomas, LondonDer Reporter John Sweeney rät Enthüllungsjournalisten, das größte Krokodil im Teich zu finden, ihm mit einem spitzen Stock ins Auge zu stechen und abzuwarten, was geschieht. Nach dieser Devise ist der für seine Fernsehuntersuchungen über Menschenrechtsverstöße in Tschetschenien, im Kosovo und in Algerien ausgezeichnete BBC-Mann auch bei seiner sechs Monate langen Recherche über die Scientology-Bewegung verfahren. Diesmal hat das Krododil jedoch zugeschnappt. Die Scientology-Bewegung, die ihren Anhängern Rettung vor den Seelen der Außerirdischen verheißt, die Körper und Geist des Menschen verseuchen, soll 100.000 DVDs eines eigenen Gegendokumentarfilms gepresst haben, der Sweeney und dessen Methoden angreift.
Der Film ist zur Verteilung unter Abgeordneten, Kirchenführern und anderen einflussreichen Personen der britischen Öffentlichkeit bestimmt. Ferner hat der Schauspieler John Travolta, der mit Tom Cruise zu den bekanntesten Anhängern der von dem amerikanischen Science-fiction-Autor Ron L. Hubbard gegründeten und in Deutschland seit 1997 vom Verfassungsschutz beobachteten Bewegung gehört, einen Beschwerdebrief an die BBC geschrieben. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt habe vernünftige Richtlinien, erläuterte ein Sprecher der Scientology-Organisation. Sweeney und seine Mannschaft hätten 154 Mal gegen diese Richtlinen verstoßen.
Sweeneys Entgleisung
Als Munition dient der Bewegung eine Entgleisung des BBC-Reporters. Er geriet bei den Dreharbeiten derart in Rage, als er aus dem Zusammenhang heraus zitiert wurde, dass er ein Mitglied der Scientology-Organisation dreißig Sekunden lang aus voller Kehle anbrüllte. Die Szene kann aus zwei Perspektiven im Videoangebot von YouTube besichtigt werden. In der von der Scientology-Bewegung gefilmten Fassung fixiert die Kamera das Gesicht des tobenden John Sweeney, in der BBC-Version steht sein Gegenüber im Blickpunkt. Die BBC hat zudem Material aus der am Montag ausgestrahlten „Panorama“-Sendung zugänglich gemacht, wo ein Mitglied der Scientology-Organisation Sweeney wütend den Rücken kehrt und davonläuft, nachdem der Reporter unterstellt hatte, dass die Scientology-Organisation bloß eine „finstere Sekte“ sei.
Um sich gegen Sweeneys „vorgefasste Meinungen“ zu wappnen, hatte die notorisch empfindliche Scientology-Bewegung beschlossen, die Dreharbeiten des öffentlich-rechtlichen Senders ihrerseits zu dokumentieren. Sechs Tage lange sei er beschattet und angestachelt worden, behauptet Sweeney. In einer Ausstellung über die Psychiatrie mit grausamen Bildern, welche die von der Scientology-Bewegung bekämpfte Branche verteufelten, ist Sweeney der Faden gerissen. Ihm war sofort bewusst, dass er sich ins Unrecht gesetzt und auch seinen Arbeitgeber blamiert hatte. Sein Benehmen lasse ihn erschaudern, gesteht er. Für aufstrebende Fernsehjournalisten sei es ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte.
Mit Diktatoren ist es einfacher
Die BBC hat Sweeney denn auch nach einer internen Untersuchung für seine mangelnde Contenance getadelt. Alle anderen Vorwürfe hat der Sender jedoch zurückgewiesen. Sweeney behauptet, als Enthüllungsjournalist viel erlebt zu haben. Nach den Erfahrungen mit der Scientology-Bewegung sehne er sich nach Zimbabwe zurück: Sich vor Mugabes Schlägern im Kofferraum verstecken zu müssen sei wesentlich einfacher.