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Online-Aufbruch in der Schweiz : Journalisten gründen „Republik“

Magazingründer: Constantin Seibt bei der Pressekonferenz, auf der er das „Project R“ vorstellte. Bild: dpa

Sie wollten 3000 Abonnenten und 750.000 Schweizer Franken einwerben, doch im Nu sind sie beim Vielfachen: Zwei Journalisten überzeugen mit dem Versprechen auf ein neuartiges Magazin.

          Die Spendenaktion „Project R“ begann um sieben Uhr morgens. Auf 36 Tage ist sie angelegt – ursprünglich mit dem Ziel, 3000 Abonnenten zu finden und 750.000 Schweizer Franken für die Gründung eines Online-Magazins einzuspielen. Es war am späten Nachmittag erreicht. Ein Liveticker, der weiter in Betrieb ist, meldet neue Höchststände. Der Newsletter berichtet, wenn eine weitere Redaktionsstelle geschaffen werden kann. Oder das Budget für eine Reportage steht. Dass sich die Initiatoren des „Projekts R“ an ihrem Erfolg etwas berauschen, wird man ihnen nicht verargen. Vollmundig verkündeten sie schon ihren ersten Weltrekord – „für journalistisches Crowdfunding“.

          Zuvor hatten sie die Gründung einer „Republik“ ausgerufen: So wird die digitale Zeitung heißen. Sie soll die Freiheit und Qualität der Medien – ergo: die Demokratie schlechthin – verteidigen. Den Gegner, gegen den sie antritt, hat sie mit einem Namen bedacht: „Frankensteins Monster“.

          Auf diesen Nenner bringt das „Project R“ seine keineswegs phantastische, polemische, aber durchaus realistische Beschreibung der Schweizer Medienlandschaft von Ringier über NZZ bis zum Konzern Tamedia. Dessen publizistisches Flaggschiff „Tages-Anzeiger“ beschreibt das „Project R“ als „Patchwork“ aus der Gratiszeitung „20 Minuten“, welche die „schnellen News“ liefert, des Berner „Bund“ (am Sitz von Regierung und Parlament) und der „Süddeutschen Zeitung“: München „liefert zu immer größeren Teilen“ für Ausland, Wirtschaft, Kultur, „zu kleinen Teilen“ kommt der Inhalt von der „Basler Zeitung“. Die „hinteren Bücher“ wurden mit der Sonntagszeitung aus dem gleichen Haus zusammengelegt. „Und gedruckt wird mit der NZZ.“

          Arbeiten für und dann gegen „das Monster“

          Beim „Monster“ „Tages-Anzeiger“ war der begnadete Journalist Constantin Seibt in den vergangenen zehn Jahren angestellt. Als Kind las er Abenteuerromane, jetzt sucht er das Abenteuer seines Lebens und Schreibens in der Wirklichkeit. So steht es auf der Webseite der „Republik“: „Sein Spezialgebiet wurde die Grauzone zwischen Wirtschaft und Politik.“ Seibt hat den Zürcher Journalistenpreis bekommen und ein Buch über das „Handwerk des Schreibens“ publiziert: „Deadline“. Der zweite prominente Kopf der „Republik“ ist Christof Moser, ein für seine hartnäckigen Recherchen bekannter Medienjournalist, der für zahlreiche Zeitungen arbeitete, zuletzt für die „Schweiz am Sonntag“.

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          Seibt und Moser vertreten die „Republik“ in der Öffentlichkeit und arbeiten am redaktionellen Programm des Magazins, das täglich drei Geschichten veröffentlichen wird. Der Start soll im kommenden Jahr erfolgen und bis dahin eine Redaktion aus mindestens zehn Journalisten zusammengestellt werden. Das Crowdfunding war mehr als eine Sammelaktion: ein Markttest, der mit den Investoren abgesprochen worden war und die Geldgeber ebenso erfreuen darf wie die Initiatoren. Inzwischen ist die Zahl der Abonnenten auf 10868 angestiegen, die eingeworbene Finanzsumme liegt bei mehr als 2,7 Millionen Schweizer Franken. Den bisherigen „Weltrekord“ hielt, wie Christof Moser ausführt, seit 2014 der holländische „De Correspondent“. Moser bezeichnet den „unglaublichen Erfolg“ im Gespräch mit dem Portal „persönlich“ als „starkes Mandat dafür, das Mediensystem auch wirklich entscheidend zu verändern“.

          Man kann das Abo aber auch in der Hoffnung auf eine gute Zeitung, für die das Team Moser & Seibt bürgt, und ein bisschen aus Protest gegen die Gratismentalität im Netz im voraus bezahlen. Wie auch immer: Gefragt sind jetzt etwas leisere Töne und journalistische Höhenflüge, damit die „Republik“ nicht nur im „Guinnessbuch der Rekorde“ landet.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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          Quelle: F.A.Z.

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