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Veröffentlicht: 12.03.2017, 14:17 Uhr

Schweighöfer-Serie bei Amazon Die Leere nach dem Knall

Auf das neue Zeitalter der deutschen Fernsehserie wird man noch eine Weile warten müssen. Der Weg in die Weltspitze ist halt weit, zu sehen in der Amazon-Serie „You Are Wanted“ von und mit Matthias Schweighöfer.

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© Warner Alexandra Maria Lara und Matthias Schweighöfer in „You Are Wanted“

Das neue Zeitalter des deutschen Fernsehens fängt mit einem Knall an. In einer Siedlung irgendwo in Berlin, blauer Himmel, graue Hochhäuser. Ein Mann auf der Flucht sperrt sich in seiner Wohnung ein, es rüttelt an der Tür. Er schickt eine letzte Mail, dann setzt er seine Computer in Brand, fängt Feuer und springt aus dem Fenster.

Harald Staun Folgen:

Und dann kommt Matthias Schweighöfer.

90 Sekunden lang hält das Versprechen, auf dessen Einlösung das Publikum seit Monaten wartet. „You Are Wanted“ heißt es: die erste deutsche Serie des Streaming-Dienstes Amazon Prime Video. Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen Leben durcheinander gerät, weil er zur Marionette eines mächtigen Hackers wird - und dass die Erwartungen so enorm sind, liegt daran, dass sich der Versandhändler mit seinen Serien mittlerweile einen ähnlich guten Ruf wie der Konkurrent Netflix erarbeitet hat.

© Youtube/ Amazon Video DE Serientrailer: „You are wanted“

Das gibt's woanders ja schon umsonst

Spätestens seit das Programm der großen Streaming-Anbieter auch in Deutschland zu sehen ist, ist nicht nur das Publikum, sondern auch die ganze Branche von der Sehnsucht erfüllt, dass diese Plattformen ein bisschen Schwung in die deutsche Serienproduktion bringen.

45268538 © Amazon Vergrößern Kein Zweifel: Matthias Schweighöfer als Hacker-Opfer Lukas Franke

Zwar motivierte der Erfolg der neuen Wettbewerber schon seit einiger Zeit auch die braven deutschen Sender dazu, sich an ambitionierteren Serienprojekten zu versuchen. Oft endete das im Kompromiss. Von Amazon und Netflix erhoffen sich Zuschauer, Kritiker und Kreative den „real deal“. Schließlich war das, was man dort in den vergangenen Jahren zu sehen bekam, von den Zwängen des konsens- und massensüchtigen Programms der deutschen Sender völlig frei.

Was nicht etwa daran liegt, dass in den Kreativabteilungen dieser Firmen besonders idealistische Arthouse-Fans das Sagen hätten. Es herrscht nur ein ganz anderes Geschäftsmodell: Weder Netflix noch Amazon würden davon profitieren, ein Programm für eine möglichst große Mehrheit der Zuschauer zu machen. Das gibt’s woanders schließlich schon umsonst.

Ende des Konsenszwangs

Nur mit ungewöhnlichen und aufsehenerregenden Geschichten lassen sich neue Kunden oder Abonnenten gewinnen. Vielfalt, nicht Durchschnittlichkeit ist also das Kriterium, eine Erweiterung des Publikums und daher auch der Stoffe und Erzählweisen. Serien wie „Transparent“, „The OA“, „Stranger Things“ oder „Mr. Robot“ sind die logische Folge dieser Strategie.

Bei „You Are Wanted“ hat diese Logik offenbar versagt. Zwei Folgen hat Amazon zur Vorabsichtung zur Verfügung gestellt, was sicher nicht reicht, um ein abschließendes Urteil zu fällen – aber eben auch nicht, um einen Grund zu haben, weiterzuschauen.

45232545 © Warner Vergrößern Autoren sind Architekten - Richard Kropf, Hanno Hackfort und Bob Konrad.

Die Ambition, der Aufwand, das Budget, die den amerikanischen Vorbildern abgeschauten Gimmicks und Cliffhanger – all das ist dabei klar erkennbar; aber eben auch die Angst davor, den Zuschauer zu überfordern.

Das fängt bei Lukas Franke an, dem Helden der Geschichte, dem Hacker-Opfer, an dessen Unschuld und Gutherzigkeit Schweighöfer zumindest in den ersten beiden Folgen nie den Hauch eines Zweifels lässt; und hört bei Alexandra Maria Lara nicht auf, die als Lukas’ Ehefrau sämtliche Verunsicherungen der Ereignisse unter soaphafter Eifersucht begräbt.

Von den Ambivalenzen und Irritationen, die ja nicht nur der Luxus sind, den sich moderne Serien leisten können, sondern vor allem die Voraussetzung, um sich sechs Folgen oder sogar ein paar Staffeln lang auf die Geschichten und Figuren einzulassen, will „You Are Wanted“ wenig wissen.

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