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Asli Erdogan : Wenn ich träume, bin ich im Gerichtssaal

Das Sprechen über Malerei, Musik und Literatur sei in der Türkei fast völlig verstummt, sagt Asli Erdogan. Es gehe nur noch um den Präsidenten und dessen Politik. Bild: dpa

Die Schriftstellerin Asli Erdogan befindet sich nach monatelanger Haft auf freiem Fuß, doch der Prozess gegen sie läuft in der Türkei weiter – einem Land, in dem die Wahrheit nur noch geflüstert wird. Eine Begegnung in Frankfurt.

          Niemandsland“, dieses Wort wirkt hier mitten im Rummel der Frankfurter Buchmesse in Halle 3.0 bizarr. Geäußert hat es die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan. Danach gefragt, wie es ihr rund zehn Monate nach ihrer Entlassung aus der Haft geht, sagt sie, sie befinde sich eben dort, „in einer Art Niemandsland“: „Ich bin weder ich selbst, noch bin ich jemand anderes.“ Das sagt sie gelassen, ohne Pathos, fast etwas resigniert. Und gleichzeitig strahlt sie bei allem, was sie sagt, eine überlegene Ruhe aus. Sie müsse akzeptieren, dass dieser Zustand nun ein Teil des Übergangs sei, von einem Leben unter Anklage im Gefängnis, hinein in ein Leben – oder das, was nun daraus geworden, das, was übrig ist – außerhalb.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Nacht vom 16. auf den 17. August 2016 wird Asli Erdogan von einem Großaufgebot bewaffneter Sicherheitskräfte in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen. Als Grund der Verhaftung wird ihre Mitgliedschaft im Beirat der mittlerweile geschlossenen kurdischen Zeitung „Özgur Gündem“ vorgeschoben. Der türkische Staat beschuldigt Asli Erdogan, sie zerstöre die „Einheit und Integrität des Staates“ durch „Volksverhetzung“ und „Propaganda“. 132 Tage wird die Schriftstellerin sie im Bakirköy-Frauengefängnis festgehalten. Am 29. Dezember kommt sie nach einer Gerichtsverhandlung frei. Doch diese Freiheit ist trügerisch und vorläufig, der Prozess geht weiter.

          Die Türkei: hier wird die Wahrheit höchstens noch geflüstert

          In der Gerichtsverhandlung am 29. Dezember verteidigte sich Asli Erdogan selbst. „Ich habe mich eher zurückgehalten und ihnen lediglich zu erklären versucht, dass es wichtig ist, diesem Land den Spiegel vorzuhalten. Auch wenn dies bedeutet, dass man darin einem Teil der unschönen Vergangenheit ins Auge sehen muss.“ Daraufhin habe der Richter für einen kurzen Moment geschwiegen. „Das wollen sie nicht hören.“ Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: indem Recep Tayyip Erdogan „Menschen wie uns“ verhafte und zum Schweigen bringe, sagt die Schriftstellerin, mache er das ganze Land sprachlos. Die Türkei wird zu einem Staat, in dem die Wahrheit höchstens noch geflüstert wird. Asli Erdogan hat nie geschwiegen. Sie „macht von ihrem Menschenrecht der Meinungsfreiheit Gebrauch. Sie ist eine Beobachterin, sie beschreibt eindringlich und emotional berührend“, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Ende September in seiner Laudatio, als Asli Erdogan der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen wurde (F.A.Z. vom 23.September).

          „Ich befinde mich“, sagt Asli Erdogan, „in einem kafkaesken Daseinszustand. Das Verfahren gegen mich ist nicht abgeschlossen und ich weiß nicht, ob ich wieder ins Gefängnis muss und vor allem für wie lange?“ Man lässt sie im Unklaren. Mit der Freiheit, sagt Asli Erdogan, sei es wie mit der Gesundheit: Man bemerkt sie erst, wenn sie einem abhandenkommt. Ihr Blick ist fest, sie ist unnachgiebig, doch sie wirkt erschöpft. „Ich schlafe kaum. Und wehe, ich träume, dann bin ich sofort wieder im Gerichtssaal. Ich bin dort jede Nacht.“ Und wenn der Schlaf sich gar nicht einstellt? „Dann rauche ich, und zwar Kette.“ Sie unterstreich den Satz mit einer lakonischen Handbewegung, indem sie den ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger zum Mund führt. Ansonsten hilft der große musikalische Tröster: „Das erste, was ich selbstbestimmt tat, als ich aus dem Gefängnis kam, war Bach zu hören.“

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