04.04.2007 · Die zweite Staffel von Heidi Klums Model-Show holt gute Quoten. 16.000 Kandidatinnen, die sich im Vorfeld beworben hatten, träumten davon, zur Goldmarie zu werden. Bislang aber fiel nur Pech vom Himmel.
Von Julia VossIn diesen Tagen ist es der Grimmsche Märchenwald, der in Fernsehen, Illustrierte und Zeitungen hineinwuchert - eine noch immer schauerliche Anderswelt, in der Goldmarie vor Millionen Fernsehzuschauern symbolisch das schreiende Brot aus dem Ofen zieht, tonnenweise Dreck auf Pechmarie herunterkrachen und Frau Holle, die Alte mit den langen Zähnen, vor der sich auch die Goldmarie zuerst fürchtet, von Co-Produzentin und Moderatorin Heidi Klum gegeben wird.
Die Zuschauerzahlen der zweiten Staffel von „Germany's Next Topmodel“ schnellten in die Höhe, wodurch der Sender Pro Sieben nach eigenen Angaben in der Zielgruppe der Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen in Tagesmarktführung ging. Eingefunden in der Reihe zu Frau Holles Himmelspforte, um Gold auf sich herunterregnen zu lassen, hatten sich schon zuvor zwei, die einem zum Thema zuerst nicht eingefallen wären: die Landrätin Gabriele Pauli und der ehemalige österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser.
Pech statt Gold
Frau Pauli mit Latexhandschuhen und aufgemalter Augenmaske in „Park Avenue“ in einem bayrischen Bungalow abgelichtet (siehe: Gabriele Pauli begräbt ihre Karriere in der „Park Avenue“), Ex-Minister Grasser mit nichts als einem Sakko über dem nacktem Oberkörper in einer Hotelsuite in „Vanity Fair“ - dazu Accessoires: ein Seidentuch in der Brusttasche, ein Glas Champagner in der Hand. Groß war bei beiden - Pauli wie Grasser - das Erstaunen, als mit den Reaktionen statt Gold nur Pech vom Himmel fiel. Pauli wandte sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat; Grasser kündigte an, klagen zu wollen.
Warum, bleibt als Frage, haben sie es denn gemacht? Wovon träumen 16.000 Kandidatinnen, die sich im Vorfeld von Heidi Klums Model-Show beworben haben? Wovon jeden Donnerstag mehr als drei Millionen Zuschauer?
Scham und Melancholie
Das Märchen vom Fotomodel ist untrennbar mit der Fotografie verbunden und mit Wünschen, die Susan Sontag vielleicht am schönsten an denen von uns verdeutlichte, die nicht fotografiert werden wollen: „Viele Menschen“, schrieb die amerikanische Schriftstellerin und Essayistin, „haben Angst davor, fotografiert zu werden, und zwar nicht, weil sie - wie Angehörige primitiver Stämme - fürchten, dass ihnen Gewalt angetan wird, sondern weil sie fürchten, sie könnten der Kamera missfallen.“ Hässliche Fotos hinterlassen ein Gefühl des Zurückgewiesenseins, eine Mischung aus Scham und Melancholie, die jeder Urlaubsreisende kennt, wenn sich die mitgebrachten Bilder als unvorteilhaft erweisen.
Umgekehrt heißt das, dass nicht die Welt, sondern die Fotografie Maßstab des Schönen geworden ist. „Sich für attraktiv zu halten“, so Sontag, „heißt nichts anderes als glauben, dass man auf einem Foto gut aussieht.“
Zur Ikone dieses Glaubens sind Supermodels geworden, die zugleich die Mär vom mühelosen Schnappschuss nährten. „Für weniger als 10.000 Dollar stehe ich morgens gar nicht auf“, sagte Linda Evangelista zu ihren besten Zeiten, und so entstand die Vorstellung von einer Berufsgruppe, die morgens aus dem Bett ins Fotostudio fällt und in einer Woche das durchschnittliche Jahresgehalt eines besseren Angestellten erwirtschaftet. Wie Frührentner kassierten Supermodels damit arbeitsfrei den Wert einer bereits erbrachten Leistung - der eigenen Schönheit.
Goldmaries Leistungsprinzip
In Zeiten sich ständig verbilligender Arbeit mag die Phantasie von müheloser Arbeit einen Quotenhit produzieren. Die Macher von „Germany's Next Topmodel“ haben jedoch vorsichtshalber Goldmaries Leistungsprinzip eingeführt. Die am häufigsten von Moderatoren wie Teilnehmerinnen eingebrachte Beobachtung lautet deshalb, dass Modeln „harte Arbeit“ sei. Wie Goldmarie im Märchen Brot aus dem Ofen holen muss, Äpfel pflücken und Betten ausschütteln, bevor Frau Holle Gold regnen lässt, legen auch die Kandidatinnen eine Serie von Prüfungen ab: Kolleginnen trösten, Glatze tragen oder Trampolin springen.
Nur schön zu sein, suggeriert die Show, reicht nicht in Frau Klums Imperium. Der Goldregen, der am Ende über der Siegerin niedergehen wird, ist ein Lohn für die Ewigkeit. Die Models dürfen endlich die Welt der bewegten arbeitsreichen Bilder des Fernsehens, die mit jeder Sekunde schon wieder Vergangenheit geworden sind, hinter sich lassen, und in den stillgestellten Posen der Hochglanzmagazine zur Ikone zu werden. Denn noch immer ist es die Fotografie, die uns das Versprechen von Dauer gibt, die Vorstellung, die einst entdeckte Schönheit, könnte auch nach ihrem Verblassen im wirklichen Leben weiter existieren.
Bisher sahen die Zuschauer allerdings nur Pech aus dem Himmelstor regnen. Auf Pauli, auf Grasser und jeden Donnerstag auf eine Kandidatin, die ausscheiden muss. Das Himmelstor zur Hochglanzwelt blieb schon für alle Teilnehmerinnen der amerikanischen Vorbildserie verschlossen, und auch die Siegerin aus Heidi Klums erster Staffel hat ein Jahr später nicht mehr erreicht als den Status eines Models, das keinesfalls „top“ ist. Die Erfüllung des im Staffeltitel angekündigten Versprechens ist unmöglich: Den Beruf „Ikone“ kann man sich nicht wünschen. Für die Öffentlichkeit bleibt das Pechmariespektakel.
Dies könnte die böse Wendung des Fernsehmärchens sein: Frau Holle hatte gelogen.