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Sachbücher des Jahres

Schönheitsideale Marilyns Erbinnen: Miss-Wahlen in Rußland

Die Zeiten des folkloristischen Charmes sind unter Rußlands Frauen lange vorbei. Die Russin von heute ist blond, perfekt gekleidet, und ihr wird ein Herz aus Granit nachgesagt. Nirgends konnte man das besser sehen als bei der Wahl zum russischen Playmate des Jahres.

© Malyshev Mikhail Leonidovich Vergrößern Barbiepuppe aus Fleisch und Blut: Playmate Olga aus Moskau

Die schönsten Frauen der Welt sind Russinnen. Jeder Reisende, der mit der geschlechtsunspezifischen, bequemlichkeitsorientierten, kühl sachlichen oder grobschlächtig schwarzledernen Aufmachung von Europäerinnen oder Amerikanerinnen vertraut ist, den verschlägt es visuell auf eine Blumenwiese, wenn er nach Moskau kommt oder nach Petersburg, aber auch nach Jekaterinburg oder Nowosibirsk.

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In dem klimatisch vergleichsweise unwirtlichen Land wachsen Schönheiten, die ihren Reiz mit hohen Schuhen, duftigen Kleidern und viel Anmut in Szene setzen. Interesselose Beobachter belohnen sie mit einem Gefühl beschwingter Leichtigkeit wie nach einem Glas Sekt. Nicht wenige westliche Männer glaubten, in Rußland ein letztes Refugium echter Weiblichkeit gefunden zu haben. Und das, nachdem ihnen vor noch gar nicht langer Frist die Sowjetfrau als Inbegriff eines unerotischen Arbeitspferdewesens galt.

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Grazien mit Herz aus Granit

Vor fünfzehn Jahren, als der Sozialismus starb, bewunderte man dann an Russinnen die Fähigkeit, trotz karger Mittel elegant auszusehen. Sie fertigten in Heimarbeit Kostüme und Abendkleider, wobei sie seit der Perestroika-Zeit gern die Schnittmuster der Burda-Moden benutzten. In Fragen von Stil und Geschmack fühlten sie sich als Schülerinnen von Westeuropa. Der Charme der Russinnen, denen man seit dem neunzehnten Jahrhundert die Neigung nachsagte, Schminke zu dick aufzutragen, lag damals in einer Prise Provinzialität und Herzenswärme.

playmate 2 © Malyshev Mikhail Leonidovich Vergrößern Ein Haus, ein Handy, ein Auto: Knauser sind schnell unten durch

Heute schlägt in ihrer Brust nicht selten ein Herz aus Granit. Bezeichnenderweise sind es in Moskau oft atemberaubende Grazien, die sich an der Kasse eines Supermarktes mit Betonmiene vordrängen oder Mitmenschen unhöflich den Weg abschneiden. Verehrer der russischen Venus vermerken rasant steigende Kosten und ein immer härteres ökonomisches Kalkül. Vorbei sind die Zeiten, da ein romantischer Abend für einen Restaurantbesuch zu haben war. Eine schöne Russin mißt die Ernsthaftigkeit ihres Freundes, indem sie ihn wissen läßt, wo er sich als Sponsor engagieren könnte. Die Männer helfen dann bei der Anschaffung eines Autos oder einer Wohnung. Wer sich taub stellt, ist unten durch. Überflüssig anzumerken, daß eine Klassefrau niemals ihren Teil der Restaurantrechnung bezahlt.

Körperlicher Materialismus

Ein klassisches Erlebnis, das westlichen Männern in immer neuen Varianten zu widerfahren scheint, ist der Tanz ums neue Mobiltelefon. Einem amerikanischen Geschäftsmann erklärte seine hübsche neue Bekannte bei der ersten Verabredung, ihr sei das Handy gestohlen worden, und im Laden um die Ecke liege das passende Modell im Schaufenster. Ob der Hartherzigkeit des Amerikaners, der ihr partout kein neues Gerät kaufen wollte, brach das Mädchen in aufrichtige Tränen aus. Das Mobiltelefongeschenk, das den Schwarm eines deutschen Bekannten von mir am ersten Tag jubeln ließ, hatte zwei Tage später bereits einige Funktionen zu wenig und sollte von ihm umgetauscht werden. Da der Freund der Aufforderung nicht nachkam, war die Freundschaft zu Ende.

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