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Dienstag, 14. Februar 2012
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Schönheitsideale Marilyns Erbinnen: Miss-Wahlen in Rußland

19.07.2006 ·  Die Zeiten des folkloristischen Charmes sind unter Rußlands Frauen lange vorbei. Die Russin von heute ist blond, perfekt gekleidet, und ihr wird ein Herz aus Granit nachgesagt. Nirgends konnte man das besser sehen als bei der Wahl zum russischen Playmate des Jahres.

Von Kerstin Holm
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Die schönsten Frauen der Welt sind Russinnen. Jeder Reisende, der mit der geschlechtsunspezifischen, bequemlichkeitsorientierten, kühl sachlichen oder grobschlächtig schwarzledernen Aufmachung von Europäerinnen oder Amerikanerinnen vertraut ist, den verschlägt es visuell auf eine Blumenwiese, wenn er nach Moskau kommt oder nach Petersburg, aber auch nach Jekaterinburg oder Nowosibirsk.

In dem klimatisch vergleichsweise unwirtlichen Land wachsen Schönheiten, die ihren Reiz mit hohen Schuhen, duftigen Kleidern und viel Anmut in Szene setzen. Interesselose Beobachter belohnen sie mit einem Gefühl beschwingter Leichtigkeit wie nach einem Glas Sekt. Nicht wenige westliche Männer glaubten, in Rußland ein letztes Refugium echter Weiblichkeit gefunden zu haben. Und das, nachdem ihnen vor noch gar nicht langer Frist die Sowjetfrau als Inbegriff eines unerotischen Arbeitspferdewesens galt.

Grazien mit Herz aus Granit

Vor fünfzehn Jahren, als der Sozialismus starb, bewunderte man dann an Russinnen die Fähigkeit, trotz karger Mittel elegant auszusehen. Sie fertigten in Heimarbeit Kostüme und Abendkleider, wobei sie seit der Perestroika-Zeit gern die Schnittmuster der Burda-Moden benutzten. In Fragen von Stil und Geschmack fühlten sie sich als Schülerinnen von Westeuropa. Der Charme der Russinnen, denen man seit dem neunzehnten Jahrhundert die Neigung nachsagte, Schminke zu dick aufzutragen, lag damals in einer Prise Provinzialität und Herzenswärme.

Heute schlägt in ihrer Brust nicht selten ein Herz aus Granit. Bezeichnenderweise sind es in Moskau oft atemberaubende Grazien, die sich an der Kasse eines Supermarktes mit Betonmiene vordrängen oder Mitmenschen unhöflich den Weg abschneiden. Verehrer der russischen Venus vermerken rasant steigende Kosten und ein immer härteres ökonomisches Kalkül. Vorbei sind die Zeiten, da ein romantischer Abend für einen Restaurantbesuch zu haben war. Eine schöne Russin mißt die Ernsthaftigkeit ihres Freundes, indem sie ihn wissen läßt, wo er sich als Sponsor engagieren könnte. Die Männer helfen dann bei der Anschaffung eines Autos oder einer Wohnung. Wer sich taub stellt, ist unten durch. Überflüssig anzumerken, daß eine Klassefrau niemals ihren Teil der Restaurantrechnung bezahlt.

Körperlicher Materialismus

Ein klassisches Erlebnis, das westlichen Männern in immer neuen Varianten zu widerfahren scheint, ist der Tanz ums neue Mobiltelefon. Einem amerikanischen Geschäftsmann erklärte seine hübsche neue Bekannte bei der ersten Verabredung, ihr sei das Handy gestohlen worden, und im Laden um die Ecke liege das passende Modell im Schaufenster. Ob der Hartherzigkeit des Amerikaners, der ihr partout kein neues Gerät kaufen wollte, brach das Mädchen in aufrichtige Tränen aus. Das Mobiltelefongeschenk, das den Schwarm eines deutschen Bekannten von mir am ersten Tag jubeln ließ, hatte zwei Tage später bereits einige Funktionen zu wenig und sollte von ihm umgetauscht werden. Da der Freund der Aufforderung nicht nachkam, war die Freundschaft zu Ende.

Rußland verleiht nicht nur Sozialismus und Kapitalismus spezifische Härten, sondern auch dem Kampf der Geschlechter. Dem Geschäftsmann gestand ein anderes Herzblatt entwaffnend: „Natürlich bin ich materialistisch. Aber du willst doch meinen Körper, das ist auch materialistisch. Wo ist der Unterschied?“ Viele Russen konsumierten Frauen gern und verachteten sie zugleich, sagt die Modedesignerin Jekaterina, und sie hätten recht damit.

Der russische Mann als Problem

Russische Frauen taxierten Männer vor allem nach dem Kriterium, ob er ihrem Nestbau nützlich sein kann, kritisiert Jekaterina das Wirtschaftsdenken ihrer Geschlechtsgenossinnen. Zugleich räumt sie ein, auch der russische Mann sei ein Problem. Rußlandbesuchern fällt oft auf, daß russische Hochzeitspaare, die sich im Stadtzentrum fotografieren lassen, in der Regel aus einer attraktiven Braut bestehen und einem schlaksigen Bräutigam mit kindlich unbestimmten Zügen. Ein teigig unmarkantes Antlitz, die Kehrseite jener angenehmen natürlichen Gaben, die schon Adolphe Custine 1848 anmerkte, findet man vor allem bei Beamten und Fernsehstars. Einen anderen, eher raubtierhaft rassigen Männertyp oft bei Tänzern und Geheimdienstlern.

Russen haben vergleichsweise wenig Hemmungen, ihr Äußeres zu vernachlässigen. In einer Gesellschaft mit einem Überangebot an schönen Frauen komme sich ein Mann beinahe vor wie ein Gottesgeschenk, erklärt die Modejournalredakteurin Jelena. Der russische Charme liege in romantischen Verrücktheiten, weiß sie. Wenn ein Mann um eine Frau werbe, lade er sie nach Paris ein und überhäufe sie mit Blumen. Doch die feste Partnerin werde dadurch zum „Hinterland“, über das der Mann volle Kontrolle beanspruche. Deshalb kommen Freundschaften mit Landsleuten für die weitgereiste Modejournalistin nicht mehr in Frage.

„Plaboy“ Rußland: sehr vaterländisch

Die russische Ausgabe des Mänermagazins „Playboy“, der in diesen Julitagen sein heißestes Model des Jahres krönte, zeigt mit neunzig Prozent einheimisch produzierten Fotostrecken ein entschieden vaterländisches Gesicht. Das Grundmenü aus Mädchen und Humor ist angehoben auf das russische Marktniveau. Im Gegensatz zum älteren amerikanischen Bruder kredenze die russische Ausgabe Frauenschönheit allenfalls oben ohne, erläutert Managerin Dina Koschewnikowa.

Der Textteil, den Starautoren wie Wladimir Sorokin, Eduard Limonow oder Asar Eppel schmücken, ist intellektuell anspruchsvoll, kommt aber ohne unappetitliche „Negativinformationen“ aus. Zum „Playmate“-Fest im vorrevolutionären Pavillonschlößchen für Kunst- und Industrieausstellungen, das zum Nobelrestaurant „Parisienne“ ausgebaut wurde, empfangen langbeinige Elfen mit Häschenohrenkrone die Moskauer Gesellschaft - ein Gemisch aus Wirtschafts- und Medienkapitänen, gewürzt durch einen Sportler hier, zwei Schriftsteller da, das ultranationalistische Duma-Mitglied Mitrofanow sowie den Selbstverwandlungsfotokünstler Mamyschew Monro.

Körperpracht in Rosa

Die Heldin des Abends, die Moskauerin Olga, übersetzt die Traumproportionen der Barbiepuppe in blühendes Fleisch und Blut. Die Favoritin des russischen Mannes schlingt ihre Platinmähne zur Marilyn-Tolle, verpackt ihre Körperpracht in ein rosa Negligeekleid - eine lebendige Hommage an die glorreiche Gründerzeit des Herrenmagazins. Auch die schöne Hälfte des Publikums, ein wenig gereifter als die Empfangshäschen, trägt in diesem Sommer gern schwingende Seidenkleider, zart bedruckt und unter der Brust gerafft. Auf der Bühne bringt ein Humoristen-Duo vom „Comedy Club“ die Gäste mit Witzen über russischen Reichtum in Stimmung: „Ich bin eine sehr-sehr-sehr-sehr vermögende Very Important Person“, kräht der dünne Schauspieler ins Mikrophon, „und suche eine bescheidene Wohnung in super-hyper-elitärer Lage, so ab 175.000 Zimmern.“ „Wir hätten was Passendes für 32.000 Trillionen Dollar, mit beheiztem Flur, ausgelegt mit zehnkarätigen Diamanten“, mimt sein Partner den Makler: „Aber was ist mit Ihrer Bonität?“ „Sehen sie am Horizont den grünen Zipfel?“ erwidert der erste: „Das ist der Gipfel meines Geldbergs.“ Die Menge johlt, von Milliardär bis Model.

Die Playboy-Party präsentiert einen gesellschaftsarchäologischen Längsschnitt. Unter die geschmackvoll buntfarbig oder raffiniert lässig zurechtgemachte Gesellschaft hat sich ein vierschrötiger Bandit mit sackartigem Anzug aus den romantischen neunziger Jahren verirrt, der grammatikalisch falsch beruhigende Worte ins Mobiltelefon singt. Der blasse Lektor des Alternativverlages Ad Marginem meldet, der „Playboy“ wolle kontroverse Autoren seines Hauses absetzen - auf Drängen der Werbekunden und westlicher Partner. Das literarische Urgestein Asar Eppel schmettert den Artilleriebeschuß durch weibliche Reize mittels Kritik ab: Einige Häschenmädchen kehrten die Füße einwärts, mäkelt er. Das sei unprofessionell.

Brillanten zum Sportauto

Die schönen Russinnen suchen mit gespielter Gleichgültigkeit und versteckten Blicken ihre Chance. Für westliche Zuschauer macht ihr Maskenspiel sie dekorativen Vasen ähnlich, die man mit dem Auge lieber streift als festhält. Doch leichthin mit der Freundin plauschend lassen sie den Rasterblick wandern. Wo ein angenehmes Gesicht ins Visier kommt, prüft das Auge auch Anzug, Schuhe, Figur. Einige meiner russischen Bekannten werden, sobald sie die taxierenden Suchscheinwerfer auf sich spüren, regelrecht aggressiv. Am heutigen Abend scheinen die Jagdaussichten mager. Die meisten nicht fest liierten Männer sind modische Metrosexuelle, die sich mehr für ihr Spiegelbild interessieren als für die Damenwelt.

Der Auftritt von Schönheitskönigin Olga ist höhepunktgerecht kurz. Die Sponsoren und Werbekunden bringen ihr Brillanten auf einer Unterwäschegarnitur dar, eine exklusive Armbanduhr, das Spielzeugmodell eines Sportautos. Den Wert des echten Wagens steigert Olga, indem sie sich katzenhaft in seine geöffnete Tür schmiegt. Mit der leicht schrillen Stimme eines Mädchens von nebenan gedenkt sie in ihrer kleinen Rede des Schönheitskults der alten Griechen, den die europäische Kunst und die Fotografen des „Playboy“ fortgesetzt hätten. Als sie artig für die Brillanten dankt, die sie stilecht ihre besten Freunde nennt, senkt der neben ihr stehende Firmenvertreter den Blick. Olgas Lächeln droht zu erfrieren, aber sie nutzt die triumphalen Sekunden. Mit Uhr und Juwelen sei sie nun wirklich eine respektable Braut, verabschiedet sie sich mit einem Werbeslogan in eigener Sache. Doch auch Rußlands Bräutigame haben kühl zu rechnen gelernt. Wer von ihnen wird ein erfolgverwöhntes Covergirl zur Frau nehmen?

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Von Gerhard Stadelmaier

Nachhilfe zuerst: Die „Einführung“ nämlich ist republikweit an allen Theatern das meistgespielte Stück. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde. Mehr 3