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Schmidt gratuliert Feuerstein Schöner ist es nur ganz allein

15.06.2007 ·  Zwei Mann in einem Boot: Das Fernsehpaar Herbert Feuerstein und Harald Schmidt ist einander in inniger Hassliebe verbunden. Selbst an seinem heutigen siebzigsten Geburtstag wird Feuerstein Schmidt nicht los.

Von Jörg Thomann
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Herbert Feuerstein feiert heute nicht seinen siebzigsten Geburtstag. Das heißt, siebzig wird er zwar schon, aber er feiert nicht. Feuerstein, der sich als extrem ungesellig, ja soziopathisch bezeichnet, hat an ausgewählte Bekannte „Ausladungen“ verschickt, damit ja niemand bei ihm vorbeischaut. Die Zurückhaltung mag verwundern bei jemandem, der im Fernsehen zu den größten Rampensäuen zählt; in seiner Bereitschaft, sich lächerlich zu machen, lässt sich Feuerstein von wenigen übertreffen. Er selbst nennt als Antrieb ausgeprägten Selbsthass sowie unstillbare Neugier: Er besitze, so Feuerstein in einem Interview, „eine Bereitschaft zur Katastrophe. Ich bin nicht feige und nehme jede Niederlage in Kauf, wenn sie spannend ist und eine gute Geschichte ergibt.“

In besagtem Gespräch ging es um Frauengeschichten, man kann die Sache aber getrost aufs Fernsehen übertragen. Und dieses Fernsehen, in dem Feuerstein seit gut zwanzig Jahren auftritt, lässt es sich nicht nehmen, einen der Seinen zum runden Geburtstag angemessen zu würdigen – was in Feuersteins Fall gleichbedeutend ist mit: ihn zu quälen. Da standen einige Möglichkeiten zur Auswahl: Man hätte ihn zum Beispiel zur Sprechstunde bei Beckmann schicken können. Oder, noch schlimmer, eine Gala ausrichten, mit Showtreppe, dem MDR-Ballett sowie ehemaligen Mitschülern oder Ehefrauen als Überraschungsgästen. Der große „Leider“ (Feuerstein über Feuerstein) wäre in seinem Element gewesen.

Doch auch die Idee seines Stammsenders WDR war perfide genug: Er ließ Feuerstein auf dem Motorschiff „Stadt Köln“ über den Rhein schippern. Neben dem Jubilar als einziger Gast an Bord: Harald Schmidt. Fünfundsiebzig Minuten der Reise, gefilmt von Klaus Michael Heinz, sind heute Abend im WDR-Fernsehen zu sehen.

Schwerstarbeit an der Anarchie

Obwohl sie seit einem guten Jahrzehnt nur wenig miteinander zu tun haben, werden Schmidt und Feuerstein oft als Einheit betrachtet. Seit ihrer gemeinsamen Comedy „Schmidteinander“ (1990–1994) gelten sie als eines jener Fernsehpaare, das zum beiderseitigen Nutzen seine vermeintliche Hassliebe auslebte: Hauser und Kienzle, Netzer und Delling, Statler und Waldorf, Schmidt und Feuerstein. „Schmidteinander“ machte Schmidt zum Star, obgleich es eigentlich Feuersteins Sendung war: „Feuerstein schuf das Konzept und Schmidt ignorierte es“, heißt es auf Feuersteins Homepage. Als Chefautor leistete Feuerstein Schwerstarbeit an der Anarchie – und steckte von Schmidt etliche Gags unter der Gürtellinie ein, die aus seiner eigenen, Feuersteins, Feder stammten. Via Titel erteilte die Geburtstagsshow Schmidt nun den Auftrag, Feuerstein zu „bejubeln“. Wie würde Schmidt die ungewohnte Aufgabe bewältigen?

Beim Bord-Menü des Sternekochs Dieter Müller – es gibt Gänseleber in Baumkrustenmantel mit Rhabarbercarpaccio – gibt Schmidt den Lebemann, Feuerstein den Hinterwäldler: „Dieses Mus ist die Gänseleber?“ Schmidt kennt Feuerstein besser als viele andere, und er zeigt wenig Elan, Dinge zu erfragen, die er selbst längst weiß. Das deckt sich gut mit Feuersteins Absicht, wenig preiszugeben.

Für den Zuschauer ist das schade, gäbe dessen Biographie doch viel Gesprächsstoff her: Geboren 1937 in Zell am See, aufgewachsen in einem Elternhaus „ohne Nestwärme“ (Feuerstein), Klavierstudium am Mozarteum, dort hinausgeflogen wegen eines Verrisses, den er über eine Oper des Präsidenten schrieb. Zehn harte Jahre schlug er sich in New York als Journalist durch, dann prägte er zwanzig Jahre als Chefredakteur von „Mad“ das Humorverständnis einer Generation. Daneben Arbeit an Büchern, am Theater und auf dem Bildschirm, wo Feuerstein angenehm auffiel, weil ihm, der ein Leben vor und neben dem Fernsehen besaß, der Ruhm letztlich egal schien; ganz anders etwa als Schmidts künftigem Kompagnon Oliver Pocher, dem die Begierde, ein Fernsehstar zu werden, seit Jahren aus jeder Pore strahlt.

Irgendwie menschlicher

Das Tischgespräch an Bord der „Stadt Köln“ kommt schwer in Gang. Schmidt und Feuerstein gehen nicht aufeinander ein, unterbrechen sich, lassen die Pointen des anderen ins Leere laufen: zwei begnadete Wortfechter, die sich neutralisieren. Bald wird der zunächst misstrauische Feuerstein gelöster, und siehe da: Es wird versöhnlich. „Du bist menschlicher geworden“, lobt Feuerstein Schmidt. „Also, irgendwie. Also, nicht toll, ’n bisschen halt.“ Schmidt wirkt leicht verkniffen, als sei seine Zunge permanent damit beschäftigt, etwas aus einem Backenzahn zu pulen, spendet aber ebenfalls Komplimente: „Ohne dich gäbe es keine Late Night in Deutschland. Du hast mich aufs Gleis gesetzt.“

Sie reden über Hans Moser, Thomas Bernhard und Thomas Gottschalk, über Lebensziele und den Tod, über den Programmchef der ARD, den Feuerstein „quallig“ findet, und um Flatulenzen in Frankfurter Neubaugebieten. Und dann, liebe Kollegen vom Boulevard, gibt es sogar Persönliches zu erfahren: Feuerstein wird seiner jungen Frau zuliebe demnächst nach Berlin ziehen, bei Schmidt ist Kind Nummer fünf unterwegs.

Am Ende sagt der Geehrte: „Ich glaube, dass ich diesen Abend allein nicht schöner hätte verbringen können. Und das will was heißen.“ Man sieht zwei Männer an der Reling, die zu Mozart-Symphonien auf Köln blicken. Bevor es aber allzu harmonisch wird, quatscht Feuerstein in die Schlussmusik: „Aber zum Fünfundsiebzigsten machen wir was anderes, ja?“ – „Ja. Ins Gebirge.“

Die Geburtstagssendung „Herr Feuerstein wird 70, und Herr Schmidt bejubelt ihn“ läuft am heutigen Freitag Abend um 21.45 Uhr im WDR-Fernsehen.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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