Am 27. Oktober 1881 hatte der „Tombstone Epitaph“ eine Story. Und was für eine. Einen Aufmacher epischen Ausmaßes, über den die Leute auch 131 Jahre später noch reden. Der in den Katalog amerikanischer Gründungsmythen eingegangen ist und Hollywood inspiriert hat. Eine wilde Schießerei. Acht Beteiligte - die Gebrüder Earp und Doc Holliday gegen die Clantons und McLaurys - dreißig Kugeln und drei Tote. Der Gunfight am O.K. Corral. Davon handelt die Geschichte, die der „Tombstone Epitaph“ aufzeichnet.
Heute wird sie allerdings auf ganz andere Weise als damals erzählt, sogar für die Touristen, die dem täglich an Ort und Stelle zwei- bis dreimal aufgeführten Schauspiel beiwohnen, das dem dreißig Sekunden kurzen Shootout eine dreißig Minuten lange Exposition voranstellt. Wer traf da am 26. Oktober 1881 eigentlich aufeinander? Vier vielleicht gebrochene, aber doch mehr oder weniger strahlende Helden auf vier Schurken?
So mochte es Jahrzehnte später in den Verfilmungen „My Darling Clementine“ (von John Ford mit Henry Fonda, 1946); „Zwei rechnen ab“ (von John Sturges mit Burt Lancaster und Kirk Douglas, 1957); „Die fünf Geächteten“ (von John Sturges mit James Garner und Jason Robards, 1967); „Tombstone“ (von George P. Cosmatos mit Kurt Russell und Val Kilmer, 1993) oder „Wyatt Earp“ (von Lawrence Kasdan mit Kevin Costner und Dennis Quaid, 1994) erscheinen.
Zu zäh, um zu sterben
Der „Tombstone Epitaph“ gab sich seinerzeit zwar sicher, dass die Earps zu Recht blankgezogen hatten, traf den heute zutage tretenden Kern der Geschichte in der Überschrift aber schon ziemlich genau: „Yesterday’s Tragedy. Three Men Hurled Into Eternity in the Duration of a Moment.“ Drei Männer, im Laufe eines Augenblicks in die Ewigkeit geschleudert. Die Legendenbildung seither passt dazu bestens.
Doch wer sich das Schauspiel von Tombstone ansehen will, muss auf der Hauptstraße, der Allen Street, erst einmal an ein paar anderen bewaffneten Herren vorbei, die einen zu anderen Schießvorführungen lotsen wollen. Der von einem Familienunternehmen seit mehr als vierzig Jahren aufgeführte Gunfight am O.K. Corral in der Originalwiedergabe hat zwei Konkurrenten. Deren Vorstellungen beginnen exakt eine halbe Stunde vor dem Epos, das die meisten anzieht und - inklusive Wartezeit - ziemlich genau die Stunde trifft, zu der die Marshalls Wyatt, Virgil und Morgan Earp gemeinsam mit dem ehemaligen Zahnarzt, Trinker und notorischen Revolvermann Doc Holliday auf Ike und Billy Clanton und Frank und Tom McLaury trafen: Der High Noon fand nachmittags um halb drei statt.
So empfiehlt sich ein Umweg an den Revolvermännern vorbei zum Tombstone Courthouse, in dem sich einst das Büro des Sheriffs, das Gericht und das Gefängnis befanden. Im Hinterhof wurde stilecht der Galgen wiederaufgebaut. Das zweigeschossige viktorianische Gebäude ist als „State Historic Park“ ausgewiesen und handelt selbstverständlich auch die Geschichte ab, von der Tombstone als Touristenattraktion bis heute lebt - „the Town to tough too die“, die Stadt, zu zäh, um zu sterben. Ein Dutzend Zeichnungen bildet die berühmte Schießerei von damals ab - an die Vorlage können sich die Schauspieler heute bei ihrem Re-Enactment halten.
Ein Duell mit Unbewaffneten
Vor den Toren des Städtchens mit heute nur noch rund 1200 Einwohnern (von einst mehr als 15 000), haben die Besucher freilich schon Bekanntschaft mit ganz und gar heutigen Waffenträgern gemacht. Bis zur mexikanischen Grenze sind es nur dreißig Meilen. Doch schon hier, mitten auf der Arizona State Street 80, bezieht die amerikanische Grenzpolizei Posten und will, während der Drogenhund ums Auto schnüffelt, die Ausweise sehen. Der Drogenkrieg in Mexiko ist längst über die Grenze geschwappt und hat Arizonas Hauptstadt Phoenix, 180 Meilen weiter nördlich, erreicht. Siebzig Meilen sind es von Tombstone zur Grenzstadt Nogales. Willkommen im Wilden Westen.
Das Büro des „Tombstone Epitaph“ ginge, wie fast alle Gebäude im Zentrum des einst blühenden Städtchens, bestens als Kulisse für einen Western durch. Wer sich für zehn Dollar das Ticket für den Gunfight um die Ecke gesichert hat, kann sich dort bei einer alten Dame eine Sonderausgabe zum 27. Oktober 1881 abholen. In deren Anzeigenteil wird vor Nachahmungen des originalen „Pionier Baking Powder“ gewarnt. Nur das Original beinhaltete „Grape Cream Tartar“ und „English Bicarb Soda“.
Auf vier eng bedruckten Seiten ist indes nachzulesen, wie sich die Zeitung um eine akkurate Berichterstattung bemühte. Sie fußt unter anderem auf dem Bericht eines Augenzeugen, der gesehen haben wollte, wie einer der Laury-Brüder und Doc Holliday gleichzeitig das Feuer eröffneten. Vorangegangen war eine Zechtour des ebenfalls an der Schießerei beteiligten Ike Clanton, bei der dieser den Earps den Garaus angedroht habe. Clanton wurde festgenommen, kam aber mittags um eins gegen eine Kaution von 27,50 Dollar frei. Wenig später folgte der Showdown, bei dem die Earps die von ihnen verfolgten Clantons und McLaurys angeblich entwaffnen wollten. Das wäre, liest man die Zeugnisse von damals vollständig, allerdings gar nicht nötig gewesen - zwei der vier Opponenten waren nämlich unbewaffnet. Der eine - Ike Clanton - entkam, der andere, Tom Laury - wurde erschossen. Nach Notwehr in Bedrängnis geratener Gesetzeshüter sieht das nicht aus.
Eine Romeo-und-Julia-Variante
Als solche erschien es jedoch John Clum, dem Herausgeber des „Tombstone Epitaph“, der schrieb, dass es den Besten unter Tombstones Bürgern scheine, Marshal Virgil Earp habe gerechtfertigterweise versucht, seine Gegner zu entwaffnen und sich dann - „höchst tapfer“ - selbst verteidigt. Doch legen die heute ebenfalls vom „Epitaph“ minutiös dargelegten Aussagen zu dem nachfolgenden Mordprozess, dem sich die Earps und Doc Holliday stellen mussten, auch eine andere Deutung nahe. Den Clantons und McLaurys wurden Überfälle und Viehdiebstähle zur Last gelegt, Wyatt Earp wiederum geschäftliche Verbindungen zur Prostitution und ein Interesse nachgesagt, an der Ausbeutung der Silbervorkommen teilzuhaben, denen Tombstone seinen raschen Aufstieg verdankte. Der währte allerdings nur knapp ein Jahrzehnt, Ende der achtzehnhundertachtziger Jahre war es damit schon vorbei. Daneben gab es zwischen den Sippen private Händel.
Doch das - inklusive der Kritik des örtlichen Sheriffs John H. Behan an den Earps - liest man in der Zusammenschau erst heute. Im Oktober 1881 machte John Clums Version auch deshalb weltweit die Runde, weil sein Blatt Kunde der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) war, worauf vor einem Jahr ausgerechnet der AP-Reporter Allen Breed hinwies. Ihm war die von verschiedenen Autoren inzwischen betriebene neue Geschichtsdeutung nicht entgangen, der auch das aktuelle O.K.-Corral-Schauspiel Tribut zollt. Das erweitert die Westernlegende jedoch wiederum auch noch um eine Romeo-und-Julia-Variante - der junge Tom McLaury hat ein Auge auf eine Nichte Wyatt Earps geworfen. Tom McLaury ist der Mann ohne Waffen, der am Ende des Geballers schließlich im Staub liegt.
Man muss schon genau hinsehen, um die Dekonstruktion dieses Westernmythos nicht zu verpassen, zudem am Rande der Schießerei als Kumpan der Clantons auch noch ein Revolverheld namens Billy Claiborne auftaucht und rechtzeitig das Weite sucht, der „Billy the Kid“ genannt werden wollte, allerdings nicht mit dem echten „Billy the Kid“ alias William H. Bonney zu verwechseln ist.
„Murder it may be“
Das Ganze fand übrigens statt hinter einem Mietstall (Corral) und vor dem Büro des Fotografen Camillus Sydney Fly, dessen dort zu besichtigenden Aufnahmen allein die Reise in Arizonas südwestlichste Ecke wert sind. Von ihm stammt nicht nur das berühmte Bild mit den drei aufgebahrten Leichen. Fly fotografierte auch den Apachenhäuptling Geronimo, aufgenommen, bevor dieser sich der amerikanischen Armee unterwarf. Während des O.K.-Corral-Duells flüchteten sich der Sheriff und Ike Clanton in Flys Büro. Der wiederum entwaffnete den sterbenden Billy Clanton, als sich der Pulverdampf gelegt hatte. Witzigerweise hat in dem Hinterhof, in dem die legendäre Schießerei stattfand, heute der amtierende Marshall von Tombstone sein Büro - vis-à-vis zu der Freilichtbühne, auf der täglich mit Platzpatronen geschossen wird. Das nennt man Geschichtsbewusstsein.
Das Schlusswort in Tombstone hat Doc Holliday. Ein Grabstein stehe für jeden gefallenen Kopf, ein Grab, wie hier zu sehen. Eine Mordanklage habe es gegeben und ein Mord sei es vielleicht gewesen, sagt er: „Murder it may be.“ Der Epilog in Shakespeare-Manier funktioniert natürlich nur so gut, weil Ed Schieffellin, ein Mann mit hessischen Wurzeln und Gründer von Tombstone, wohl reichlich trockenen Humor besaß. Ein Freund hatte ihm vorhergesagt, dass er an diesem Ort nichts außer seinem eigenen Grabstein finden werde: Tombstone. Schieffelin entdeckte jedoch 1879 eine Silbermine, die er für einen Rekordpreis verkaufte, sein Fund führte zur Gründung der Stadt und dem kurzen Silberboom von Tombstone.
Am Ortseingang passiert man passenderweise zuerst den Friedhof „Boot Hill“. Vorbei an einem Shop mit allerlei Earp-Devotionalien führt der Weg zu den Grabsteinen von Billy Clanton, Frank und Tom McLaury. Der „Tombstone Epitaph“ erscheint noch heute, für drei Dollar pro Monat. Doch von der Geschichte vom 26. Oktober 1881 kommt das Blatt nicht los. Seither scheint nicht mehr so viel passiert zu sein. Wovon soll eine Zeitung auch schon anderes handeln, die in Tombstone erscheint und im Titel „Grabinschrift“ heißt?
Cormac McCarthy....
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 06.08.2012, 02:49 Uhr
Neu?
bossy bob (fbossel)
- 05.08.2012, 18:35 Uhr
Vollendete Dekonstruktion
Erich Jansen (Nonosus)
- 05.08.2012, 18:28 Uhr