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Schändungs-Fotos Sowas hätte man den Deutschen nicht zugetraut

27.10.2006 ·  Die Schändungs-Bilder deutscher Soldaten können für die Bundeswehr und deutsche Hilfsorganisationen schwerwiegende Folgen haben. Ein Interview mit dem deutschen Arzt und Afghanistan-Kenner Reinhard Erös.

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Die Schändungs-Bilder deutscher Soldaten können für die Bundeswehr und die vielen deutschen zivilen Helfer in Afghanistan schwerwiegende Folgen haben. Dazu haben wir den deutschen Arzt Reinhard Erös befragt. Er war Oberstarzt bei der Bundeswehr, diente unter anderen bei den Gebirgsjägern und baut seit Jahren mit seiner Organisation „Kinderhilfe Afghanistan“ Schulen im umkämpften Süden des Landes. (F.A.Z.)

In Deutschland sorgen die Bilder von Bundeswehrsoldaten, die bei einer Patrouillenfahrt nahe Kabul einen Totenschädel schänden, für Aufsehen. Ist die Nachricht von den Bildern in Afghanistan schon angekommen?

Im Norden Pakistans, in der North West Frontier Province, wo ich mich gerade befinde, ist sie angekommen und in Afghanistan auch. In Zeiten des Internets dauert das nicht lange. Und die Bilder erregen großes Aufsehen.

Video: Regierung zieht Konsequenzen aus Skandal-Fotos

Wie sind die Reaktionen?

Ich habe heute die Universität der Taliban in Akora Khatak besucht und den Leiter der Schule, Sami Ul Haq, gefragt, ob er von der Sache wisse und wie sie sich auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Afghanen auswirken könnte. Er sagte: So etwas hätten wir gerade den Deutschen nicht zugetraut. Die Deutschen galten bei uns als die Nation, die sich ehrlich bemüht, den Afghanen beim Wiederaufbau zu helfen, Kultur und Sitten zu achten und den Islam nicht zu beleidigen, in deutlichem Unterschied zu den Amerikanern. Noch schlimmer sei, daß dies auch noch groß in den Medien abgebildet wird. Das werde Folgen haben. Welche - das wird entscheidend von den Reaktionen aus Deutschland abhängen.

Spielt es eine Rolle, ob es sich bei dem Toten um einen Afghanen oder um einen russischen Soldaten handelt?

Darauf kommt es an, auch wenn das für uns schwer zu verstehen ist. Eine Leiche zu schänden ist ein Delikt, das ja auch bei uns strafrechtlich verfolgt wird. Noch schlimmer ist, eine islamische Leiche zu mißhandeln. Den Gipfel der moralischen Anstößigkeit stellt das Bild des Soldaten dar, der den Schädel vor seinen entblößten Unterleib hält. Leichenschändung in Verbindung mit Sexualität wird als besonders widerwärtig betrachtet.

Was geschieht, wenn sich herausstellt, daß es sich um eine afghanische Leiche, eventuell um die eines Kämpfers im Krieg gegen die Russen, gehandelt hat?

Wenn sich herausstellen sollte, daß das Grab eines Muslims, erst recht das eines Mudschahed, geschändet wurde, dann wäre das der casus belli. Dann würde man die Bundeswehr auf dieselbe Stufe stellen wie die Amerikaner wegen der Vorfälle in Abu Ghraib. Das wäre für die Sicherheit der deutschen Soldaten und der deutschen Hilfsorganisationen fatal. Vor einem guten Jahr gab es einen ähnlichen Vorfall. Damals machte die Nachricht die Runde, amerikanische Soldaten hätten den Koran die Toilette hinuntergespült. Daraufhin gab es Unruhen im ganzen Land, auch in Dschalalabad, der Hauptstadt der Provinz Nangarhar, in der das Büro der „Kinderhilfe“ liegt. UN-Gebäude und Einrichtungen der Amerikaner wurden mit Steinen beworfen, zum Teil angezündet. An den deutschen Einrichtungen zogen die Demonstranten vorbei und ließen sie unbehelligt. Das war offensichtlich. Nach dieser Geschichte müssen wir genau das Gegenteil erwarten.

Was müssen die Deutschen tun, um dem Eindruck der Bilder entgegenzutreten?

Diese Frage habe ich Sami Ul Haq gestellt und darauf hingewiesen, daß es sich um fünf, sechs vielleicht unerfahrene Soldaten handelt. Er meinte, der deutsche Verteidigungsminister müßte jetzt nach Kabul reisen und gemeinsam mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai öffentlich Abbitte leisten, sich für das Verhalten der Soldaten entschuldigen und darauf verweisen, daß die Betroffenen streng bestraft werden, und bekunden, alles zu tun, daß sich so etwas nicht wiederholt. Intern muß die Bundeswehr dafür sorgen, daß solche Leute gar nicht nach Afghanistan kommen. Es darf bei den Soldaten nicht nur auf das Handwerk ankommen, sondern auch auf ihre moralische Haltung. In der Ausbildung muß auf „interkulturelle Kompetenz“ Wert gelegt werden, Die Soldaten müssen wissen, wie sie sich verhalten. Die Bundeswehr bewegt sich nun einmal seit fünfzehn Jahren in fremden Kulturen. Das muß nicht nur den Offizieren, sondern auch den einfachen Soldaten bewußt sein. Das ist Grundlagenwissen, das vor dem Einsatz vermittelt werden muß. Es sind ja schließlich auch die einfachen Soldaten, die Kontakt zu den Afghanen haben und das Bild der Deutschen prägen.

Ihr Gesprächspartner vertritt aber die Bewegung der Taliban. Ist seine Haltung repräsentativ?

Sami Ul Haq ist Rektor der ältesten und angesehensten Koranschule im Norden Pakistans. Der militärische Hauptgegner der Amerikaner in Afghanistan ist Commander Hakani, der an dieser Schule studiert hat. Sami Ul Haq vertritt in diesem Fall aber nicht nur die Haltung der Taliban, die in zwei pakistanischen Nord-Provinzen an der Macht sind, sondern der religiös geprägten Paschtunen. Sein Wort hat besonders für die Haltung der Afghanen im Süden des Landes Gewicht.

Wird es für die Bundeswehr in Afghanistan jetzt noch gefährlicher?

Eindeutig ja, unabhängig davon, wie die Sache ausgeht. Die Situation der deutschen Soldaten und der deutschen Hilfsorganisationen in Afghanistan wird dadurch schwer belastet.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
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