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Sat.1-Telenovela „Anna und die Liebe“ Kritisches Denken ist der Zielgruppe eher fremd

 ·  Frauen jeder Altersklasse, die mit Minderwertigkeitskomplexen kämpfen oder soziale Defizite haben, sind laut Sat.1 Zielgruppe der neuen Telenovela „Anna und die Liebe“ mit Jeanette Biedermann. Produzent Christian Popp weiß, wie man diese Frauen trösten kann.

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Es geht um Sie, liebe Leserinnen zwischen 14 und 49: die große, krakenhafte Zielgruppe der Hässlichen und Schüchternen. Jedenfalls nach den Erhebungen der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe, deren Telenovela-Erfolgsquoten ihren Ursprung in diesen gemeinsamen Nennern suchen. Sagen sie im Sender jedenfalls. Es ist ein Nenner, auf den man drei Generationen Frauen bringen kann, dass sie sich nämlich hässlich fühlen oder zu schüchtern sind. Wir erinnern uns: „Verliebt in Berlin“ war offenbar ein riesiger Erfolg, weil es sich um ein hässliches, eigentlich würde man sagen: normales Mädchen dreht, das sklavenopportunistisch dem tyrannischen Chef erliegt, sich also in ihn verliebt. Gut zwei Jahre konnte die Zielgruppe verfolgen, wie Lisa (Alexandra Neldel) in mehr oder minder hohen dramatischen Bögen doch zum Happy End fand. Noch mal alles gutgegangen.

Aber die Alltagskrisen gehen weiter. Und die Mädchen wollen gerettet werden: von Christian Popp, der „Verliebt in Berlin“ produzierte und sich nun dem neuen Projekt „Anna und die Liebe“ widmet. Was, wenn ein Mädchen zu schüchtern ist, um „Ich liebe dich“ zu sagen? Millionen von deutschen Frauen werden sich das fragen, denkt der Macher Christian Popp und sagt: „In einer Online-Welt, in der die Leute nicht mehr bereit sind, anderen Menschen zu begegnen, ist das Thema Schüchternheit wichtig.“ Auch deshalb gibt es ja die Internetseite www.ichbinschuechtern.de, deren Geschäftsführer Christian Popp ist.

Mode, Lifestyle und privates Drama

Gespielt wird die Hauptrolle von Jeanette Biedermann, die, nachdem sie die Frisörlehre bei Udo Walz abgebrochen hatte, bald zum Gesicht der Vorabendserien wurde und bisweilen singt und, um es mit den Worten von Popp zu sagen, auf der Bühne „den Bär zum Toben bringt“. „Sie hat ein hohes Maß an Starappeal“, weiß der Produzent. Außerdem garantiert ein prominentes Gesicht fast schon den ganzen Erfolg, den Christian Popp unbedingt braucht. Denn nach „Verliebt in Berlin“ blieb der große Coup in der Pro-Sieben-Sat.1-Produktionsfirma „Producers at work“, die Popp leitet, zunächst aus.

Und Jeanette Biedermann ist jetzt die Richtige, den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Immerhin hat man sich davon überzeugen können, dass sie neben mangelnder schauspielerischer Kompetenz auch langsam nervt. Oder? Popp: „Es gibt normalerweise Chancen, Frauen mit dieser Meinung vom Gegenteil zu überzeugen. Frauen sind da flexibler als Männer. Männer sagen: Ey, die Schwuchtel guck ich mir nicht an, da schalt ich gar nicht erst ein. Bei Frauen ist es so, die kann man auch überzeugen, damit sie einschalten.“

Einer von Pro Sieben Sat.1 in Auftrag gegebenen Studie zufolge, die TNS-Emnid durchführte, sei das Publikum der Telenovelas lustbetont und optimistisch, befasse sich in der Hauptsache mit Mode und Lifestyle, finde weniger Gefallen an rationalen Werten, und überdies sei ihm kritisches Denken „eher fremd“.

Jeanette Biedermann als hippe Volksschauspielerin

Popp weiß, wen er bedient: „Ich hab das Gefühl, das ist auch ein Stück weit deutsche Identität, die wir im Fernsehen sehen. Friedliche, volksnahe Typen.“ Eben Jeanette Biedermann. Es sei eine Form des Volksschauspiels. Die sogenannten Volksschauspieler aus den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern wie Günter Pfitzmann („Am grünen Strand der Spree“), Brigitte Mira („Drei Damen vom Grill“), Günter Strack („Ein Fall für zwei“, „Diese Drombuschs“) oder Harald Juhnke (Diverses) suchten ihre Nachfolger. „Unsere Generation ist damit aufgewachsen. Biedermann stellt das nun für die junge Generation dar. Harald Juhnke war ein perfekter Entertainer, der konnte alles. Und es gibt für mich keinen Unterschied in dem, was Juhnke konnte, und dem, was Jeanette Biedermann kann. Es gibt für mich gar keinen Unterschied.“

Interessant. Gleichwohl aber kreiert man mit immer wiederkehrenden Schauspielern eine Identität. Kurzum: Das, was an volkstümlichem Komödiantentheater auf Super RTL oder ZDF stattfindet, kann man für die junge Generation hipper bewerkstelligen. Die Serien sollen keine „Traumschiff“-Träumereien bieten, sondern eine durch Photoshop und Stereotypenfilter geschönte Bodenhaftung und Alltäglichkeit. Der Alltag als großes Abenteuer, der Job als Löwengehege, die innerlichen Befindlichkeiten als großes Fernsehdrama. Bin ich hässlich? Bin ich zu schüchtern? Fernsehen ist Projektionsfläche und Lebenshilfe geworden, weil die 14 bis 49 Jahre alten Frauen Hilfsfernsehen statt Problemfilme sehen wollen. Das ist eigentlich nichts anderes als die peinliche Oma, die in Florian Silbereisen verknallt ist.

„Anna und die Liebe“ beginnt am Montag, dem 25. August, bei Sat.1.

Quelle: F.A.Z.
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