08.09.2009 · Frankreichs Staatspräsident weiß, wer neben ihm im Bild stehen soll. Größere jedenfalls nicht . Das enthüllte ein belgisches Fernsehteam bei einem unwichtigen PR-Auftritt Sarkozys. Richtig schlimm wurde die Angelegenheit, weil seine Berater jede Manipulation abstritten.
Von Jürg AltweggEs war sein erster Ausflug in den Alltag nach den Ferien. Wegen seines Schwächeanfalls durfte Nicolas Sarkozy keinen Sport treiben, deshalb gab es keine Fotos vom Joggen und Radfahren. Die emblematische Szene des Sommers anno 2009 zeigt ihn mit gewölbter Brust und eingezogenem Bauch. Neben dem Macho liegt Carla. Sie hat einen Sonnenhut auf dem Kopf und an den Füßen Taucherflossen.
Als Bild ohne Copyright ging die nicht ganz stimmige Inszenierung durch die Presse, es war die beste Lachnummer im französischen Sommertheater. Zum Nachweis seiner Erholung publizierten Sarkozys Kommunikationsstrategen den Bericht seiner Ärzte. Und sie heckten die Idee seines Ausflugs in die Normandie aus: Sarkozy besucht die Firma Faurecia.
Die Faurecia-Direktion war gewarnt
Hier werden Sitze und Stoßfänger für Autos hergestellt. Ein anderer Anlass als die Notwendigkeit einer Kulisse für die Selbstinszenierung des Präsidenten ist nicht ersichtlich. Die Visite fand am 3. September statt. Die französischen Fernsehsender waren zur Stelle. Angemeldet hatte sich auch der Korrespondent des belgischen Fernsehens RTBF.
Die Belgier existieren für die Franzosen praktisch nur in ihren Witzen. Jedenfalls hat keiner gemerkt, was dem belgischen Reporter so alles aufgefallen ist. Er war offensichtlich nicht im gleichen Film. In seinem Bericht ist zu sehen, wie die Polizei die Fabrik abriegelt, um Sarkozy störende Demonstranten vom Leib zu halten. Mit einer kurzen Einspielung aus dem Archiv zeigt er, wie der Präsident in diesem Frühjahr auf der Landwirtschaftsmesse wegen eines unflätigen Zwischenrufs die Nerven verlor. Wegen solcher Vorfälle sind auch schon Präfekten entlassen worden. Die Faurecia-Direktion war gewarnt.
Die Berater leugnen
Nun hieß es: Kleine vor! Sarkozy werden nur Arbeiter zur Seite gestellt, die ihn an Körpergröße nicht überragen: Tage im voraus hatte man die Statisten ausgewählt. Auch in Zweigstellen der Firma. Sie wurden speziell zum Besuch gefahren. Mit einem naiven „Ja“ beantwortet eine leicht verlegene Fabrikarbeiterin die Frage des Korrespondenten, ob sie auf Grund ihrer Körpergröße ausgewählt worden sei. Das Bild ist der beste Beweis: keiner größer als der kleine Sarkozy. Der zu seinem obligaten Refrain an die Nation ausholte: „Ich werde bezahlt, um zu handeln. Wir müssen kämpfen.“
Vor Sarkozys Fabrikbesuch hatte bereits sein Unterrichtsminister Luc Chatel für Hohn und Spott gesorgt: Er ließ sich im Supermarkt filmen und von Passantinnen scheinbar spontan bestätigen, dass die Kosten für das Schulmaterial geringer seien als im Vorjahr. Doch die Hausfrauen entpuppten sich als abkommandierte und instruierte Parteimitglieder.
Offenbar waren Sarkozys Berater beim Unterrichtsminister in die Schule gegangen. Doch sie machten es nicht besser, sondern alles noch schlimmer: Sie leugnen. So ist eine Polemik entstanden, die den Sachverhalt bestätigt und für weitere Publizität sorgt: Das Elysée führte Regie. Dass ihr die französischen Sender folgen, scheint niemanden zu stören. Nein, zur Staatsaffäre wird eine kleine Schummelei in Paris so wenig wie bei Berlusconi. Schon gar nicht, wenn die enthüllende Geschichte aus Belgien kommt.