12.06.2008 · Seit dreißig Jahren ist er Abend für Abend in den Stuben der Franzosen präsent. Jetzt muss der Nachrichtenmoderator Patrick Poivre d'Arvor gehen, nicht nur seines Alters wegen - sondern auf Druck Nicolas Sarkozys. Über seine Nachfolgerin gibt es pikante Gerüchte.
Von Jürg Altwegg, GenfIrgendwann musste es so weit kommen. Der Mann hatte seine Karriere als Moderator der Hauptnachrichten unter Giscard d’Estaing begonnen. Noch gab es kein Privatfernsehen, hingegen einen „Informationsminister“ und einen „heißen Draht“ vom Elysée in alle Chefredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. Dann wurde „Tf1“ dem Bauunternehmer Bouygues, der von staatlichen Aufträgen lebt, verkauft. Und Patrick Poivre d’Arvor wechselte den Arbeitgeber, bei dem die Gehälter explodierten. Seit dreißig Jahren ist er Abend für Abend in den Stuben der Franzosen präsent. Zehn bis zwölf, manchmal fünfzehn Millionen Zuschauer erreicht Europas größter Privatsender mit seiner Zwanzig-Uhr-Messe. Nur am Wochenende wird Poivre d’Arvor von Claire Chazal, mit der er ein Kind hat, abgelöst.
Nach Giscard d’Estaing hat Patrick Poivre d’Arvor auch Mitterrand – zweimal sieben Jahre – und Jacques Chirac – fünf und sieben Jahre im Amt – überlebt. Jetzt muss er gehen, nicht nur seines Alters wegen. Und auch nicht nur, weil bei „Tf1“ die Einschaltquoten innerhalb eines Jahres um vier Prozent gesunken sind. Das französische Fernsehfossil muss seinen Sessel auf Druck des vierten Staatspräsidenten, der in der Ära Poivre d’Arvor an die Macht gekommen ist, räumen. Diese Version ist mehr als ein Gerücht.
Absetzung als „Kriegserklärung“
Seit Jahren kokettierte Poivre d’Arvor mit seinem Rücktritt, das Datum stehe fest, ließ er seit Monaten verlauten. 2013? 2020? Wie weit es in der Ferne lag, wusste niemand außer dem Betroffenen. Doch an das Ende der kommenden Sommerpause hatte der Starmoderator keineswegs gedacht. Als „Kriegserklärung“ habe er seine brutale Absetzung empfunden, erzählen Freunde und Kollegen. Am vergangenen Wochenende war davon gerüchteweise die Rede. Inzwischen ist Poivre d’Arvor seine Entmachtung offiziell mitgeteilt worden. Er wird den Sender „Tf1“, bei dem er auch noch eine Büchersendung moderiert, verlassen. Vielleicht hat er sogar etwas geahnt. Beim Tennisturnier Roland Garros war Poivre d’Arvor auf der VIP-Tribüne regelmäßig in Begleitung der Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender von France Télécom zu sehen. Bei denen Sarkozy die Werbung abschaffen will. Doch die werden sich hüten, den in Ungnade gefallenen Journalisten zu engagieren.
Damit geht eine der erstaunlichsten französischen Medienkarrieren ihrem Ende entgegen. Sie verlief über drei Jahrzehnte hinweg stets im Rampenlicht der Scheinwerfer. Poivre d’Arvors Nachgiebigkeit den Mächtigen gegenüber war eines der Rezepte, die seine Langlebigkeit erklären. Aber nicht nur: Er ist auch ein routinierter und charismatischer Moderator, ein mit allen Wassern gewaschener Profi. Mehrere Skandale, die anderen zum Verhängnis geworden wären, hat er kaltblütig aussitzen können. Im ersten Golfkrieg, zu Beginn der neunziger Jahre, sorgte er für Schlagzeilen, weil er nach Bagdad reiste, um Saddam Hussein zu interviewen. Als er nach Hause kam, brachte er einen Säugling mit, den er aus dem Land geschmuggelt hatte.
Affäre überstanden
Alle Mächtigen auch außerhalb Frankreichs drängten in seine Sendung, bessere Einschaltquoten konnten sie nicht bekommen. Nur Fidel Castro wollte ihn nicht empfangen. Deshalb schnippelte Poivre d’Arvor Sequenzen aus einem Auftritt bei einer Pressekonferenz zusammen und montierte sie mit seinen Fragen zum „Exklusivinterview“. Ausgiebig hatte er auch von der Großzügigkeit eines Unternehmers profitiert, der ihm seinen Privatjet zur Verfügung stellte. Der Freund musste wegen Veruntreuung ins Gefängnis. Poivre d’Arvor überstand die Affäre.
Jetzt ist es für einen Abgang in Würde zu spät. Es gibt dafür neben vielen Gerüchten auch journalistische und wirtschaftliche Gründe. Um „Tf1“ steht es schlecht, der Sender kann seine dominierende Stellung, für die es in freien Ländern nichts Vergleichbares gibt, unmöglich halten. Die ganze Chefetage ist in die Wüste geschickt worden. Eingewechselt wurde dafür Nicolas Sarkozys Wahlkampfleiter Laurent Solly, für den ein neuer Job gesucht wurde. Der Eigentümer Martin Bouygues ist ein enger Freund des Präsidenten, er nennt ihn „meinen Bruder“. Wie sehr sich Sarkozy in die Angelegenheiten bei „Tf1“ einmischt, ist längst belegt: Er gab bekannt, dass der Schwarze Harry Roselmack Nachrichtensprecher werden sollte. So kam es auch. Gerade hat Sarkozy eine zweite Werbeunterbrechung bei Filmen erlaubt und damit den Kurs der „Tf1“-Aktie wieder ein bisschen nach oben gebracht, zum Entsetzen der Zeitungsverleger.
Mit Patrick Poivre d’Arvor wird nach der Sommerpause wohl auch Claire Chazal in die Wüste geschickt. Den Zorn Sarkozys zog sich der Starmoderator zu, als er dessen Getue mit dem Verhalten eines „kleinen Knaben“ verglich. Die Wahl der Nachfolgerin erfolgt nach Sarkozys Vorgaben: Es handelt sich um Laurence Ferrari, eine attraktive blonde Journalistin, die vor einem Jahr im Streit bei „Tf1“ ausschied. Anders als Poivre d’Arvor ist Laurence Ferrari für ziemlich kesse Interviews bekannt. Aber nicht deswegen will sie Sarkozy wieder bei „Tf1“ sehen. Sie war, wie die französischen Zeitungen spekulieren, in der kurzen Zeit zwischen Sarkozys Scheidung von Cecilia und der Heirat mit Carla Bruni seine Geliebte.
..jetzt lacht man über Frankreich..
Michael Meier (never1)
- 12.06.2008, 16:17 Uhr