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Sarah Palin und die Medien Das Paradox aus der Provinz

16.09.2008 ·  Der Aufstieg der Provinzgouverneurin als Kandidatin der Republikaner für das Amt des Vizepräsidenten ist auch eine Meisterleistung politischer Kommunikation. Wie Sarah Palin es schafft, mit Medienschelte die Medien für sich zu gewinnen.

Von Harald Staun
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Wer noch Beweise brauchte für die blinde Gefolgschaft, die die amerikanischem Medien ihrem Messias leisten, der musste nur bis sieben zählen: Zum siebten Mal in diesem Jahr hatte es Barack Obama Ende August auf den Titel des „Time Magazine“ geschafft, nur zweimal war dort, im gleichen Zeitraum, John McCain zu finden. Sieben zu zwei: Ein derart deutliches Ergebnis reicht, um im Wahlkampf als Argument durchzugehen. Die MSM, die mainstream media, das schien damit nicht nur ein paar erregten Bloggern klar, bewiesen wieder einmal ihre Blindheit auf dem rechten Auge.

Dass die amerikanischen Medien, von den internationalen einmal ganz zu schweigen, in den vergangenen Monaten ein gewisses Faible für Barack Obama an den Tag gelegt haben, das lässt sich nur schwer leugnen, und wer alleine die Magazincover nebeneinanderlegt, die der smarte Demokrat zuletzt zierte, vom „Rolling Stone“ bis zu „GQ“, von „Wired“ bis zur „Men's Vogue“, der kann, zum einen, durchaus verstehen, dass selbst politische Gegner allmählich Mitleid mit John McCain bekamen; er sieht aber, zum anderen, natürlich auch sofort, dass im ein oder anderen Fall eine gewisse Inkompatibilität des 72 Jahre alten Vietnamveteranen mit der Zielgruppe eine Rolle gespielt haben mag.

Ein Kandidat, mit dem man Zeitungen verkaufen kann

Vermutlich war es nicht nur politische Abneigung, die etwa das Hip-Hop-Magazin „Vibe“ dazu veranlasste, bisher auf eine Titelgeschichte über McCain zu verzichten. Wer aber darauf hinwies, dass der erste schwarze Präsidentschaftskandidat womöglich ganz einfach deshalb medial präsenter war, weil er die interessantere Geschichte zu bieten hat, die besseren Pointen oder ganz einfach mehr Glamour, der stützte damit natürlich eher den Verdacht, dass der nationalen journalistischen Agenda ein liberaler Tenor zugrunde liegt. Wenn aber sogar der nicht gerade als Sozialist bekannte Rupert Murdoch, wie es vor kurzem in einem „Vanity Fair“-Porträt zu lesen war, für Obama votiert, weil dieser „mehr Zeitungen verkauft“, dann wird es schon ein wenig schwierig, der „Obamania“ alleine politische Vorlieben zu unterstellen.

Video: Sarah Palin begeistert den Parteitag

Es war verdächtig ruhig geworden um die Legende von der Dominanz der „liberalen Medien“ in den Vereinigten Staaten, auch wenn das Mantra von den linken Eliten als Grundrauschen des politischen Diskurses nie ganz abzustellen war. Die Frage, ob etwas dran ist an der Voreingenommenheit der amerikanischen Medien, ist nicht nur deshalb ziemlich zwecklos, weil sich keiner grundsätzlich für ihre Beantwortung interessiert: Die Evokation der liberalen Medien ist ein wahlkampftaktisches Instrument, kein ernstgemeinter Vorwurf. „Working the refs“ nennen das die Amerikaner, Bearbeitung der Schiris. Wie im Fußball gehört die politische Schwalbe längst zum Repertoire der Spieler, wie im Fußball funktioniert sie gelegentlich, und wie im Fußball geben sich auch in der Politik diejenigen, die die Sache sportlich sehen, nach dem Schlusspfiff wieder die Hand und anerkennen insgeheim die Schlitzohrigkeit der Gegner, auch wenn das im einen Fall als faire Geste gilt, im anderen als Zynismus.

Die stille Reserve

Man muss sich die Kompanien der linken Journaille wie jene Herden Untoter vorstellen, die man in manchen Computerspielen herbeirufen kann: Als stille Reserve ist sie jederzeit abrufbar, hält allerdings nicht besonders viel aus, weshalb man sich sehr gut überlegen muss, zu welchem Zeitpunkt man sie mobilisiert. Was die McCain-Kampagne betrifft, so sieht es nach dem aktuellen Stand der Dinge aus, als hätte sie das perfekte Timing erwischt. Fast schon bewundernd muss man anerkennen, wie lange sich das republikanische Lager mit seiner Medienschelte zurückgehalten hat.

Dass McCains Wahlkampfmanager Steve Schmidt den Joker aufgehoben hat, um ihn der Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin in die Hand zu geben, das mag zum einen daran liegen, dass McCain selbst nicht besonders gut damit gestochen hätte: Er ist viel zu sehr Teil jenes Establishments, gegen das sich Palin vergangene Woche in ihrer Parteitagsrede positionierte. Der hemdsärmelige Furor, der dem Protest gegen das Klischee versnobter Meinungsmacher die nötige Authentizität verleiht, passt nicht nur besser zur Legende der volksnahen Gouverneurin; dass zu den Widerständen, die der politische Underdog auf dem Raketenflug in die Kandidatur zurücklegen musste, auch der Spießrutenlauf durch eine Meute feindlicher Journalisten gehört, ist eine Pointe, die die Drehbuchschreiber der erhofften Erfolgsgeschichte gar nicht auslassen konnten.

Resonanzraum der Medienschelte

Es war der Tag vor Palins Rede auf dem republikanischen Parteitag, der Dienstag vergangener Woche, an dem Schmidt zu seiner Beschimpfung „der Medien“ ansetzte: Sie seien auf einer „Zerstörungsmission“ gegen Palin, der gegenüber sie ein inakzeptables Maß an „Bösartigkeiten und Unflätigkeiten“ an den Tag legten. „Belagert“ fühle er sich von der Flut der Anfragen, die bezweifelten, dass Palin selbst die Mutter ihres vier Monate alten Babys sei. Es war, bemerkten mehrere Kommentatoren später, der heftigste Angriff gegen die Medien, seit Richard Nixons Vizepräsident Spiro Agnew die Presse als „nörgelnde Nabobs des Negativismus“ bezeichnet hatte.

Der republikanische Parteitag stimmte bereitwillig in den Chor des Klagelieds ein und variierte das Thema mit den üblichen Refrains: Mitt Romney wetterte gegen die „Eliten an der Ostküste“, namentlich die „New York Times“ und die „Washington Post“, Mick Huckabee gegen die „elitären Medien“ und Rudy Giuliani gegen die „linken Medien“. Für Palins anschließende Rede war damit der nötige Resonanzraum geschaffen; ohne die deutliche Identifizierung der Gegner wäre die Pointe ihrer Rede wohl ziemlich versackt.

Unerfahrenheit als Tugend

Dass sich die Frau, die innerhalb weniger Tage Obama als amtierenden politischen Rockstar ablöste, gleichzeitig über die Dünkel beklagen kann, die für ihre phänomenale Medienpräsenz gesorgt hatten, ist eine Meisterleistung politischer Kommunikation. Palins Unerfahrenheit wird dadurch zur politischen Tugend, ihre Beanstandung zum chauvinistischen Projekt elitärer Meinungsführer.

Woher auch immer der Verdacht kommt, dass es schon reicht, aus einer dünn besiedelten Region zu kommen, um bei der chronisch metropolitanen öffentlichen Meinung in Ungnade zu fallen: er ist auf dem besten Weg, zum globalen Merkspruch zu werden. Die Medien, das weiß man von Alaska bis in die Pfalz, haben sich gegen die Provinz verschworen. Fatal ist das schon deshalb, so geht die Fabel, weil Medien wie Politik in ihren Hauptstadtetagen die Bodenhaftung verloren haben. Nicht nur das Verständnis der wahren Sorgen „normaler“ Bürger aber, so will es das Klischee vom volksnahen Regionalfürsten, erfordert gewissermaßen Körperkontakt, sondern auch Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit und Prinzipientreue sind ohne provinzielle Herkunft nicht zu haben; der Schweiß des Landarbeiters ist der Zaubertrank, in den man als Kind fallen muss, um sein Leben lang gegen eine urbane Intrigenkultur gewappnet zu sein. Paradoxerweise ist Politik nirgends so weit entfernt vom sogenannten Mann von der Straße wie dort, wo es die meisten Straßen gibt.

Mobilisierung der Provinz

Das Kürzel der „Provinz“ ist nicht viel mehr als ein Sinnbild für eine ganz andere Fokusgruppe, die mit Palins Nominierung mobilisiert werden soll: die sogenannte schweigende Mehrheit. Der wesentliche Unterschied nämlich zu allen bisherigen Partien des Medienbashing-Spiels ist der überraschende Gegner, der derzeit ganz oben auf der Liste der linken Schmierfinken steht. Es sind vor allem die Boulevard-Magazine „US Weekly“, „OK Magazine“ oder „National Enquirer“, denen die Schelte gilt, jene Zeitschriften also, die Palins Eignung als Integrationsfigur für ihre Leserinnen schnell erkannten.

Dass sie die Kandidatin dabei nicht präsentierten, ohne auf eine gewisse Skandalisierung Palins zu verzichten, entspricht eher ihrem journalistischen Selbstverständnis als einer politischen Opposition. „Babies, Lies and Scandal“ lautete die Schlagzeile, mit der das Magazin „US Weekly“ vergangene Woche seine Palin-Titelgeschichte anpries. Was denn genau mit den Lügen gemeint sei, wurde Redakteur Bradley Jacobs in einem Fernsehinterview gefragt, woraufhin er, in einem irren Ausweichmanöver, erklärte, es seien eben genau die Spekulationen liberaler Blogger, die Palins Mutterschaft in Frage stellten, auf die man kritisch verweisen wollte.

Es mag zunächst ein wenig hilflos ausgesehen haben, dass die McCain-Wahlkämpfer, als sie konkret nach Beispielen für die geschmähten liberalen Medien gefragt wurden, nicht mehr als ein paar Supermarkt-Gazetten aus dem Hut zaubern konnten. Am Ende aber sind genau die Leserinnen dieser Publikationen wahlentscheidend. Der Meinungsumschwung, den der „Palin-Faktor“ in wenigen Tagen bewirkt hat, ist beeindruckend; um die Popularität, die Palin bei der neu entdeckten Zielgruppe der „Walmart Moms“ genießt, zu halten, kann es nicht schaden, jene Blätter ein wenig zur Ordnung zu rufen, die an der Supermarktkasse ganz oben liegen und die am besten wissen, wie man in deren Bewusstsein vordringt.

In einem Auftritt bei David Letterman scherzte Obama am Mittwochabend, dass seine Zeiten als „Time“-Coverboy offenbar vorbei seien. Zuletzt habe er noch eine Anfrage von „Popular Mechanics“ bekommen, dem Zentralorgan der amerikanischen Heimwerker - als Poster zum Ausklappen, mit einem Schraubenschlüssel. Vielleicht wäre das genau, was er jetzt braucht.

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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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