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Veröffentlicht: 29.05.2017, 04:08 Uhr

„Sag’s mir ins Gesicht“ Tagesschau-Chefredakteur wartet vergeblich auf Trolle

Hasskommentare vergiften das gesellschaftliche Klima. Die Frage ist, ob in dieser Lage eine grenzenlose Definition von „hate speech“ hilft. ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke stellte sich Zuschauern im Videochat.

von Frank Lübberding
© NDR/Thorsten Jander (M) Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell, stellte sich Kritikern im Video-Dialog.

Nicht jede Einladung wird bekanntlich angenommen. So erging es gestern Abend Kai Gniffke als Chefredakteur von „ARD-aktuell“. Ihm sollten Zuschauer auf Facebook live und ungeschnitten „ins Gesicht sagen,“ was gemeinhin unter Hasskommentaren verstanden wird, neudeutsch „hate speech“ genannt (Link zum Videomitschnitt). So saß er da und wartete auf jene Mitmenschen, die in den sozialen Netzwerken nicht nur ARD-Journalisten das Leben schwer machen. Gniffke wartete allerdings vergeblich. Es gab niemanden, der ihn mit Beleidigungen traktierte oder sich sonst im Ton vergriffen hatte. Wer will auch schon live via Skype zum Deppen der Nation werden oder sich gar strafbar machen? Ein solcher pöbelnder Zeitgenosse wäre innerhalb von Minuten viral gegangen, wie man das im Netzjargon so schön nennt. Das Internet vergisst nichts, weshalb Andy Warhols berühmte „fünfzehn Minuten des Ruhms“ mittlerweile sogar Ewigkeitswert genießen. Für die Betroffenen bedeutet das unter Umständen lebenslange Stigmatisierung, selbst wenn sie nur einmal für einen kurzen Moment von allen guten Geistern verlassen worden sein sollten.

Es gehört zu den kulturellen Codes einer funktionierenden Gesellschaft, nicht jedem alles ins Gesicht zu sagen. Nicht jede Wahrheit (oder auch Lüge) auszusprechen, erleichtert das menschliche Zusammenleben. Das Lästern hinter dem Rücken der Betroffenen hat das noch nie verhindert. Diese Erfahrung wird man sicherlich auch in den diversen ARD-Redaktionen schon gemacht haben. Trotzdem wirkte Gniffke regelrecht enttäuscht, warum keiner der Hasskommentatoren dieses Gesprächsangebot namens „Sag's mir ins Gesicht“ angenommen hatte. Er wurde weder beleidigt, noch hat ihm ein Zuschauer seinen Hass auf die ARD erklärt.

Justiziable Beleidigungen oder politische Polemik?

An diesem Punkt wurde deutlich, wo das eigentliche Problem ist. Die „hate speech“ Debatte krankt schlicht daran, dass sie zwischen Konventionen und politischer Diskussion nicht mehr unterscheidet. Hier wird umstandslos alles in einen Topf gerührt. Es ist ein kategorialer Unterschied, ob es um justiziable Beleidigungen geht oder um politische Polemik. So erläuterte Gniffke in einem kurzen Film, was die ARD so alles unter „hate speech“ versteht. Es bedeutet „die Abwertung von Menschen“ wegen ihrem „Geschlecht, der Sexualität, der Religion und der Hautfarbe“. Unter hate speech fasst die ARD außerdem Begriffe wie „Dämonisierung“, „Verallgemeinerungen („Alle Griechen sind faul“) und „Unterstellungen.“

Nur ist der Satz „Alle Griechen sind faul“ rechtlich zulässig, wird aber deswegen nicht richtig. Zudem ist völlig unklar, wann Menschen wegen ihrem Geschlecht oder ihrer Religion abgewertet werden. Ansonsten könnte sogar die bisweilen ätzende und verletzende Religionskritik der Aufklärung sehr schnell auf eine Art „Hate-Speech-Index“ geraten.

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Diese Definition ist somit nichts anderes als eine politische Werteentscheidung, die sich als Bekämpfung von Hasskommentaren maskiert. Es ist keineswegs verboten, etwa einen Gottesstaat jeglicher Provenienz anzustreben, oder eine kommunistische Gesellschaft seligen Angedenkens. Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, über die Legitimität politischer Meinungen zu urteilen. Sie können daher auch nicht darüber entscheiden wollen, wer sich an solchen Debatten beteiligen darf und wer nicht. Sie haben aber Anspruch auf das, was Gniffke gestern Abend mit guten Grund einforderte: Respekt und angemessene Umgangsformen. Das gilt allerdings auch für sie selbst.

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