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Sabine Christiansen : Wie eine Unpolitische Politik machte

Die Salondame geht Bild: dpa

Ihre Talkshow hat die Republik verändert. Sie hat einen neoliberalen Diskurs geprägt, der zum Grundrauschen der Republik geworden ist. Was bleibt, wenn Sabine Christiansen vom Bildschirm verschwindet?

          Sabine Christiansen geht, Anne Will kommt. Eine Talkshow wechselt die Moderation. Das klingt nach einem Anlass für eine Zehn-Zeilen-Meldung. Ist es aber nicht, denn es zerreißt ein Netzwerk, es fällt eine Institution, ein außerparlamentarisches Forum, das ein Direktorium war, von dem man sich schon jetzt fragt, wie es je entstehen konnte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was bleibt, wenn Sabine Christiansen vom Bildschirm verschwindet? Ein leerer Salon, ein leerer Stuhl, eine leere Stelle. Die Erinnerung an wenige Szenen, an den freudschen Versprecher, als Edmund Stoiber die Moderatorin der nach ihr benannten Sendung mit „Frau Merkel“ anredete. Der Satz von Friedrich Merz: „Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der Bundestag.“ Die Partys, die Umarmungen, das Bussi-Bussi, die Gesten engen persönlichen Umgangs mit ihren Dauergästen nach der Show, von dem die Zuschauer nichts wissen, den aber jeder erahnen konnte, je länger er dem sonntäglichen Ritual beiwohnte. Ein Prominentenfriseur. Und der Abend, an dem Ulla Schmidt und Horst Seehofer im Sommer 2003 in der Show den Gesundheitskompromiss verkünden sollten, aber die goldene Regel brachen und von den Verhandlungen nicht direkt ins Studio herüberkamen.

          Der Pakt mit der Politik

          Nur an diesem Abend war Sabine Christiansen einmal außer sich und fragte den entsandten Stellvertretern ein Loch in den Bauch. Zu gern hätte sie ihre Macht demonstriert, sichtlich betrogen schien sie sich zu fühlen um den Preis ihres Paktes mit der Politik. Dabei waren die Verhandlungen bloß bis zum Sendetermin nicht rechtzeitig beendet worden. Ein handwerklicher Fehler, kein Zeichen, dass in Christiansens Universum etwas außer Kontrolle geraten war. Am Sonntag darauf waren wieder alle brav zur Stelle und palaverten.

          Das Eigentümliche der Sendung war und ist, dass Sabine Christiansen als durch und durch unpolitische Person mit ihrem fehlenden Erkenntnisinteresse perfekt zu den medienfixierten Jahren der rot-grünen Koalition passte - sie ist seit 1998 auf Sendung -, zugleich aber einen neoliberalen Diskurs geprägt hat, der zum Grundrauschen der Republik geworden ist. Sie musste dafür nicht viel tun, nur die richtigen Leute einladen und immerfort reden lassen. „Im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht“, schreibt der Autor Walter van Rossum in seinem Buch „Meine Sonntage mit Christiansen“. Eine Durchreiche - das ist ein passendes Bild mit Christiansen als der Salondame, unzähligen Unternehmensberatern, deren Namen wir uns zu Recht nie gemerkt haben als Etagenkellnern, Gewerkschaftsvertretern als Spülpersonal, dem Professor Jürgen Falter aus Mainz als Gastrokritiker, der zu jedem Würstchen seinen Senf gibt, Klaus Wowereit als Unterhalter für die Party danach - und im Herrenzimmer bei Zigarren und Kognak Guido Westerwelle. Ab und an hoher Besuch vom Kanzler oder der Kanzlerin in Einzelaudienz.

          Fürs Chaos sorgt der Staat

          Sie alle haben, wenn es nicht gerade um alltägliches Parteiengerangel ging, Sonntag für Sonntag den Abgrund beschworen, vor dem das Land stehe, wenn es sich nicht von Grund auf reformiere, der Globalisierung stelle und den Gesetzen des Marktes ergebe. Wobei wir es hier nie mit der Freiburger Schule zu tun bekamen - der Sozialen Marktwirtschaft wurde vielmehr das Grab geschaufelt -, sondern mit den Chicago Boys. Der Markt wird es schon regeln, fürs Chaos sorgt der Staat.

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