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Dienstag, 14. Februar 2012
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Sabine Christiansen Moskauer Technik

12.12.2006 ·  Die ARD-Sendung „Sabine Christiansen“ hat den russischen Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, auch als scharfer Kritiker des Präsidenten Putin bekannt, zu ihrer Sendung am vergangenen Sonntag zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Kurz danach gab es bei Kasparow eine Razzia der Polizei.

Von Kerstin Holm/Michael Hanfeld, Moskau
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Die ARD bekommt zu spüren, was es heißt, eine politische Talkshow, die das Aushängeschild des ersten Programms darstellen soll, auszulagern. Und sie obendrein als „Unterhaltung“ firmieren zu lassen, auf welche der zuständige Chefredakteur in der Programmdirektion in München keinen Einfluß hat.

Der Fall: Die Sendung „Sabine Christiansen“ hat den russischen Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, auch als scharfer Kritiker des Präsidenten Putin bekannt, zu ihrer Sendung am vergangenen Sonntag zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Aus technischen Gründen hieß es, beziehungsweise, weil es zu teuer geworden wäre, ihn aus Moskau zuzuschalten. Klingt das plausibel?

Kasparow sei „nicht mehr vonnöten“ gewesen

Für Garri Kasparow tut es das nicht und auch nicht für den früheren Moskau-Korrespondenten der ARD, Klaus Bednarz, der von Christiansen ebenfalls zuerst ein- und dann wieder ausgeladen wurde. „Der russische Botschafter hat sich in einem Vorgespräch geweigert, gemeinsam mit Kasparow vor die Kamera zu treten“, das habe ihm ein Mitarbeiter der „Christiansen“-Redaktion gesagt, berichtete Bednarz im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Das wird von dem „Christiansen“-Sprecher, Michael Ortmanns, bestritten. Es sei ausgeschlossen, daß ein Kollege Bednarz dergestalt informiert habe. Und es treffe auch nicht zu, daß der russische Botschafter, Wladimir Kotenew, sich geweigert habe, mit Kasparow in einer Sendung zu sein. Im Gegenteil, heißt es bei „Christiansen“, hätte Kotenew so etwas gefordert, hätte man eher auf ihn verzichtet.

Hat die russische Botschaft interveniert?

Der Sprecher der russischen Botschaft in Berlin, Swjatoslwa Kutschko, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von einem Wunsch des Botschafters, nicht gemeinsam mit Kasparow aufzutreten, sei ihm nichts bekannt. Über die Einladungen habe die Redaktion von „Christiansen“ entschieden. Warum hat diese dann aber auf den prominenten Kreml-Kritiker Kasparow verzichtet? Es sei eine Abwägung von Aufwand, Kosten und Nutzen gewesen, sagt der „Christiansen“-Sprecher, „zu aufwendig“, und schließlich sei Kasparow angesichts der Besetzung der gesamten Diskussionsrunde „aus Sicht der Redaktion nicht mehr vonnöten“ gewesen.

Das muß nicht nur für russische Oppositionelle wie Hohn klingen. Kasparow hat im eigenen Land wenig Gelegenheit, seine Stimme zu erheben. Um so wichtiger wäre es für ihn und das mit ihm verbundene „Bürgerforum“ gewesen, im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen Gehör zu finden. Es sei mit der Redaktion von „Christiansen“ schon alles abgesprochen gewesen, sagte Kasparow. Er vermute, daß die russische Botschaft in Berlin gegen ihn interveniert habe.

Razzia im Büro der Bürgerrechtsbewegung

Interveniert wurde jedenfalls umgehend in Moskau. Bei Kasparow gab es am Dienstag eine Razzia der Polizei. Kaum hatte er über den Radiosender „Echo Moskwy“ geklagt, die ARD habe ihn auf Druck des russischen Botschafters aus der Talkshow ausgeladen, veranstaltete die Antiterrorpolizei eine Razzia im Büro von Kasparows Bürgerrechtsbewegung „Vereinte zivile Front“ (Objedinjonnyj graschdanski front).

In der Mittagszeit, als Kasparow mit Mitstreitern aus den russischen Regionen den landesweiten Kongreß der Bürgerfront abhielt, drangen fünfzehn Polizeibeamte in Zivil in die Moskauer Geschäftsräume ein. Mit einem Papier, das sie zur Hausdurchsuchung berechtigte, durchstöberten sie Buch- und Zeitungspublikationen der Zivilen Front. Von den Mitarbeitern des Büros ließen sich die Ordnungshüter Paßkopien aushändigen, verlangten, die Computer auszuschalten, und drohten, die Festplatten zu konfiszieren.

Kritische Bücher konfisziert

Das ging so hin, bis die Kongreßteilnehmer dem Aufruf der Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa folgten, sich vor dem Büro der Bürgerfront zur Solidaritätsdemonstration zu sammeln. Daraufhin löste sich die Razzia-Mannschaft gleichsam in Luft auf, berichtet die Vorsitzende der Petersburger Filiale Olga Kurnossowa. Mit der Begründung, die Publikationen der Bürgerfront könnten den Extremismus schüren, konfiszierte die Antiterror-Einheit kritische Bücher über das Putin-Regime, über das Geiseldrama von Beslan und Bürgerfront-Zeitschriften.

Das Interesse der Beamten galt den Zeitungsausgaben, worin die vereinte Opposition des „Anderen Rußland“ (Drugaja Rossija) zum „Marsch der Dissidenten“ (Marsch nesoglasnych) am Samstag aufruft. Die Demonstration, die ein Gemisch von Regimegegnern zusammenführt, soll trotz Verbots der Moskauer Behörden auf dem Triumfalnaja-Platz stattfinden. Von den Aufklebern des Dissidentenmarsches nahmen die Polizisten nicht weniger als vierhundert Stück mit, sagte Frau Kurnossowa.

Großer Unmut über „Christiansen“

Als aggressiv unterwürfigen Gegenschlag organisiert die Kreml-Jugendorganisation „Naschi“ (Die Unsrigen) für den Sonntag Großkundgebungen, zu denen hunderttausend Aktivisten nach Moskau gebracht werden. Als formeller Anlaß der Demonstration dient der 65. Jahrestag der zweiten Schlacht um Moskau im Winter 1941, bei der die deutschen Angreifer vernichtend geschlagen wurden. Die patriotische Demonstration wird Eingeweihten zufolge um die zehn Millionen Dollar kosten, von denen der russische Steuerzahler sechs aufbringen muß.

In der ARD ist der Unmut über „Christiansen“ groß. Chefredakteure haben gefragt, ob die Gästewahl bei „Christiansen“ passend gewesen sei. Der WDR macht sich in einem Brief Sorgen um das von ihm geführte Studio in Moskau. Denn die Ausladung Kasparows ist ein Zeichen, das auf den Auftritt des gesamten deutschen Fernsehens zurückfällt und die Arbeit der Korrespondenten behindert.

Seltsame Ausladung

Was sollen Dissidenten, die in Rußland verfolgt werden, denken, wenn sie sehen, wie im Fall Kasparow verfahren wird? Sie wird es wenig trösten, daß die Redaktion von „Christiansen“ beteuert, man habe mit Kasparow über eine neue Einladung für den März des nächsten Jahres gesprochen. Für das Moskauer ARD-Studio wäre es ein Leichtes gewesen, Kasparow jetzt zuzuschalten. Man habe ihn, sagte Kasparow, schon einmal avisiert und dann doch nicht hinzugebeten, damals ging es um den G-8-Gipfel.

Seltsam ist zudem auch die Ausladung des deutschen Ex-Korrespondenten Klaus Bednarz. Er hatte, wie er sagt, schon einen „Studiogastvertrag“ vorliegen, als ihn am vergangenen Freitag die Ausladung erreichte. Der „Christiansen“-Redaktion war plötzlich aufgefallen, daß eine Frau in der Diskussionsrunde fehlte. Bednarz schlug die „Monitor“-Chefin und ehemalige Rußland-Korrespondentin Sonia Mikich und die aktuelle ARD-Berichterstatterin Ina Ruck vor. „Christiansen“ nahm statt dessen Gabriele Krone-Schmalz, die in der Sendung dann Verständnis für Putins Politik zeigte. Die Christiansen“-Ausgabe hatte übrigens den Titel „Die Russen kommen“.

Quelle: F.A.Z. vom 13. Dezember 2006
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