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Russischer Film „Leviathan“ : Die Wahrheit des heutigen Tages

Szene aus Leviathan: Der Film entwirft ein Bild des Landes, das der russischen Gesellschaft vielerorts nicht passt. Bild: dpa

Eine „antirussische politische Bestellung, gedreht mit russischen Budgetmitteln“? Im Westen wird Andrej Swjaginzews Film „Leviathan“ gefeiert, in der Heimat des Regisseurs verunglimpft.

          Das offizielle Russland berichtet den Bürgern über das Staatsfernsehen gemeinhin prompt und umfassend über russische Triumphe über das Ausland in Sport und Kunst. Im Fall des Films „Leviathan“ des Regisseurs Andrej Swjaginzew war es anders, obwohl seine Erfolge schon jetzt groß sind: Im vergangenen Jahr erhielt er in Cannes den Preis für das beste Drehbuch. Unlängst kam der „Golden Globe“ für den besten nichtenglischsprachigen Film hinzu, den „Leviathan“ als erster russischer Beitrag seit „Krieg und Frieden“ im Jahr 1969 gewann. Vorige Woche wurde „Leviathan“ für den „Oscar“ in dieser Kategorie nominiert, was auch ein Erfolg der staatlichen Filmförderung ist, von der „Leviathan“ profitierte.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Umso paradoxer, dass jetzt der Film und die an ihm Beteiligten „Denunziationen absolut sowjetischen Stils“ auf sich ziehen, wie die Zeitung „Wedomosti“ formulierte. Das Blatt zitierte aus dem offenen Brief einer Gruppe von Kulturschaffenden, Geistlichen und Regionalabgeordneten an den Kulturminister des Gebiets von Samara. „Leviathan“ sei eine „raffinierte Schmähung“ von Staat und Kirche, hieß es darin. Eine „schmutzige Parodie auf das orthodoxe Episkopat“ durch den Leitenden Regisseur des staatlichen Gorki-Theaters von Samara, Valeri Grischko, der im Film einen Erzpriester spielt, führe zu einer „ungesunden Situation“, die aufgelöst werden müsse. Soll heißen: Grischko solle seinen Posten verlieren.

          Anders als zu sowjetischer Zeit bekennt die kollektive Attacke sich nicht zum Kampf gegen Religion, das „Opium fürs Volk“, sondern gibt im Gegenteil vor, die „Gefühle der Gläubigen“ und die orthodoxe Kirche zu verteidigen. Die Kirche ist heute ein Stützpfeiler der Macht, sie legitimiert Präsident Putin und seinen Kampf gegen „moderne Pseudowerte“, die Patriarch Kirill am Donnerstag in einer Rede vor der Duma anprangerte. Im „Leviathan“ indes leistet Grischkos Erzpriester dem korrupten Bürgermeister eines Provinzortes geistlichen Beistand, fordert ihn auf, „Stärke zu zeigen“ - Stärke im Ringen mit Nikolai, dem Helden des Films. Der ist ein Hiob im zeitgenössischen Russland, dem der Bürgermeister unter Mitwirkung von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft sein Grundstück abjagt. Und dann kommt alles noch viel schlimmer.

          Ab Februar in einer anderen Version in den russischen Kinos

          Geschichten wie die von Nikolai gibt es zuhauf. Der Publizist Dmitri Bykow schrieb, „Leviathan“ sei „düsteres und starkes Kino, anhand dessen man eines Tages über die Atmosphäre von Putins Russland urteilen wird“. Etliche Medien, die dem Kreml nicht oder nicht direkt unterstehen, lobten den Film. Der Staatssender Rossija 1 indes meldete Swjaginzews Auszeichnung mit dem Golden Globe verschämt am Schluss der Nachrichten, ohne Bild. Russlands Kulturminister Wladimir Medinski nennt seine Eindrücke aus dem Film „schwierig“, die Darstellung der Kirche sei „zu weit gegangen“. Wohl sei die Auszeichnung eine Anerkennung des russischen Kinos. Doch gleichsam die Förderentscheidung seines Hauses tätig bereuend, versprach der Minister, man werde künftig keine Filme mehr finanzieren, die die Regierenden „offen bespucken“. „Leviathan“ kommt in Russland Anfang Februar in einer Version in die Kinos, die sich von der in anderen Ländern unterscheidet, da seit dem vorigen Jahr Flüche in Massenmedien und auf der Bühne verboten sind. Der Minister sagte, „Leviathan“ habe unter den sprachlichen Änderungen nicht gelitten. Der Film sei talentiert, so Medinski, aber er gefalle ihm nicht.

          Gedreht wurde „Leviathan“ im Dorf Teriberka im Murmansker Gebiet, direkt an der Barentssee. Die Dorfvorsteherin beschwerte sich nun, Swjaginzew habe, als er in Teriberka lebte, „jeden Tag im Laden Wodka gekauft“, aber nun „rede er so schlecht über uns“. Der Politikwissenschaftler Sergej Markow vertritt die These, „Leviathan“ sei ein „Film des neuen Kalten Krieges des Westens gegen Russland“, eine „antirussische politische Bestellung, gedreht mit russischen Budgetmitteln“.

          Regisseur Swjaginzew erklärte gegenüber dem unabhängigen Fernsehsender TV Doschd, er sei überzeugt, sein Film enthalte die „Wahrheit des heutigen Tages“. Diese Wahrheit sei heilsam, wenngleich auch bitter, außerdem notwendig, um eingeschlafene Gefühle aufzuwecken. Mittlerweile fand das Staatsfernsehen einen Weg, über den Erfolg von „Leviathan“ zu berichten: Der 1. Kanal brachte ein Interview mit Swjaginzew, worin dieser bekundet, sein Film handle ganz allgemein von „Zusammenstößen“ des „kleinen Menschen“ mit dem „System“, die Geschichte des Films sei „absolut universell“. Er erinnerte daran, dass ihn zum „Leviathan“ auch die Geschichte des Amerikaners Marvin Heemeyer inspirierte, der nach einem für ihn ungünstig ausgegangenen Behördenstreit in Granby, Colorado 2004 mit einer eigens umgebauten Planierraupe diverse Gebäude zerstörte und mit einem Revolverschuss sein Leben beendete.

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