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Russische Staatstrolle : Zwölf Stunden am Tag in Putins Sinne

  • -Aktualisiert am

Über 400 Trolle kommentieren im Sinne von Russlands Präsident Wladimir Putin Bild: AP

Verschwörungstheoretische Propaganda im Akkord: Nun ist bestätigt, dass organisierte und bezahlte Internettrolle im Auftrag des Kreml Putinpositionen verbreiten. Sie sitzen in einem Haus in St. Petersburg.

          Im Informationskrieg scheint vielleicht nicht alles erlaubt, aber dafür möglich. Das internationale Blogger- und Bürgerjournalisten-Netzwerk „Globalvoicesonline.org“ und die vom Kongress der Vereinigten Staaten finanzierte Auslandsrundfunkanstalt „Radio Free Europe/Radio Liberty“ berichten über organisierte und vom Kreml bezahlte „Internettrolle“, die in einem enormen Personal- und Zeitaufwand soziale Medien und andere Internetforen systematisch mit kremlfreundlichen und anti-westlichen Kommentaren und Beiträgen infiltrieren.

          In ihren Berichten beziehen sie sich auf Veröffentlichungen der beiden russischen Zeitungen „Moi Rajon“ und „Nowaja Gaseta“, denen neben dem veröffentlichten Interview mit einer ehemaligen Mitarbeiterin auch Dokumente aus dem Unternehmen vorliegen. Damit bestätigen sich nun Vermutungen, die schon länger kursieren. Zudem ist auch ein Undercover-Video aufgetaucht, dass Einblicke in das Gebäude und die Strukturen zeigt:

          Das Haus in dem die Staatstrolle sitzen, wird im Norden St. Petersburgs verortet. Die „Internet Research Agency“ wie sie genannt wird, soll angeblich von einer Holdinggesellschaft finanziert werden, die dem Restaurantbesitzer, Kreml-Caterer und gutem Freund Putins Yevgeny Prigozhin gehören soll. Die über 400 Angestellten erhalten laut einer ehemaligen Mitarbeiterin 40.000 Rubel im Monat. Dafür arbeiten sie in 12-Stunden Schichten rund um die Uhr und haben dabei ein gewisses Soll zu erfüllen. 

          Tausende Accounts

          Aufgeteilt in verschiedene Abteilungen, erstellen und teilen sie täglich Tausende Beiträge, Kommentare und Grafiken auf Blogs und Plattformen wie Livejournal und Twitter. Dabei unterhielten sie tausende von individuellen Social-Media-Accounts. Und eine Abteilung sei beispielsweise nur darauf angesetzt, banale und unpolitische Blogs in den Kommentaren mit Kreml-Propaganda zu unterfüttern.

          Der Eingriff des Kremls ins Internet hat in den letzten Jahren stark zugenommen und sich dabei straff systematisiert. Zu vielen Themen gibt es vorgefertigte Antworten und in den neuen Beiträgen müssen sich die Kommentatoren an strikte Richtlinien halten. Einblicke in die Moi Rajon vorliegenden Dokumente zeigen beispielsweise, dass die Verwendung von Schlüsselwörtern im Text sowie in der Überschrift genau geregelt ist, sowie die Verwendung von anreichernden Inhalten, wie Youtube-Videos oder Grafiken. Der Umfang der einzelnen Beiträge ist ebenfalls vorgegeben. Die Kommentatoren in der Tagschicht müssen ihre Beiträge jeweils mit mindestens 700 Anschlägen verfassen und die der Nachtschicht mit mindestens 1000. In der Auflistung der Richtlinien wird auch angeführt, dass ein verfasster Beitrag nicht gezählt wird, wenn er nicht alle Vorgaben erfüllt.

          Eine hanebüchene inhaltliche Instruktion erklärte beispielsweise den Umgang mit der Ermordung des Oppositionellen Boris Nemzov: Die Kommentatoren sollten entweder schreiben, dass die Tat von ukrainischen Oligarchen orchestriert wurde, um sie der russischen Regierung anzuhängen und damit Moskaus Verbindungen zum Westen zu schädigen - oder dass sie von Nemzovs Anhängern als Provokation ausgeführt wurde, um die Proteste der Opposition zu stärken.

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