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Journalismus in Amerika : Jenseits von Washington

Der amerikanische Präsident Donald Trump bei einer Rede in Cincinnati. Bild: Reuters

In den Vereinigten Staaten findet nicht zusammen, was zusammengehört. In der Hauptstadt arbeitet sich die Presse an Donald Trumps Twitter-Account ab und checkt seine Fakten. In der Provinz hat man ganz andere Probleme – auch als Journalist. Eine Rundreise.

          Wenn Glenn Kessler morgens ins Büro geht, weiß er, dass er es nur mit Fehlern zu tun haben wird. Fehler sind sein Metier. Lange suchen muss er sie nicht, er hat sie vor Augen, sobald er den Twitter-Account des Präsidenten aufschaltet. An dem führt für den „Fact Checker“ der „Washington Post“ kein Weg vorbei, er ist eine unerschöpfliche Fundgrube für das, was man „Fake News“ nennt und das zu konterkarieren Kesslers Job ist. Auf fünf Falschaussagen bringe es Donald Trump pro Tag, sagt Kessler. Da sind seit der Amtseinführung des Präsidenten schon einige hundert zusammengekommen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wenn er wollte, könnte Kessler seine tägliche Kolumne allein Trump widmen. Will er aber eigentlich nicht. Er würde seine „Pinocchios“ auch gerne an andere verteilen. Einen bis fünf Pinocchios vergibt die „Washington Post“ für von ihr widerlegte Falschdarstellungen, bei denen es sich zumeist um Äußerungen von Politikern handelt – je fehlerhafter die Einlassung, desto mehr Pinocchios gibt es. Das Gegenteil, dass sich etwas als „unexpectedly true“ erweist, ist selten. Überraschende Wahrheiten sucht man in der amerikanischen Politik im Augenblick vergebens. Glenn Kessler geht die Arbeit nicht aus.

          Fünf „Fake News“ pro Tag

          Im Schnitt, sagt der ehemalige Korrespondent, kämen Politiker auf fünfzehn Prozent falscher Angaben bei allem, was sie sagten. Donald Trump liege bei 65 Prozent. Der Lügenberg sei „gewaltig“. Die Hälfte der Stories, die daraus erwachsen, geht auf Hinweise der Leser zurück, die von der Gegenrecherche, die Kessler täglich gemeinsam mit zwei, drei Kollegen unternimmt, im Augenblick nicht genug bekommen können. Damit trägt der Journalist zum Markenprofil der „Washington Post“ bei, die sich neben der „New York Times“ ganz vorn in der Anti-Trump-Liga der Presse positioniert und damit auch der Linie ihres Eigentümers, des Amazon-Gründers Jeff Bezos, entspricht. Doch was immer sie unternehmen, das weiß Kessler auch, den Präsidenten erschüttert es nicht. Er twittert und twittert und macht aus einer Arbeitslosenquote von 4,5 Prozent 45 Prozent – weil er alle Amerikaner zählt, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, vom Kleinkind bis zum Rentner. Für so etwas hat die Präsidentenberaterin Kellyanne Conway den Begriff „alternative facts“ geprägt, nach dem Motto: Was wir sagen, ist nicht falsch, es kommt nur in den vorurteilsbeladenen Medien nicht vor und passt diesen nicht in den Kram.

          Überzeugungskraft gewinnt der Präsident freilich nur, so Glenn Kesslers Einschätzung, wenn er Dinge aufruft, an die seine Anhänger schon glauben. Die Leser der „Washington Post“ wollen etwas anderes glauben. Seine Kolumne habe zweimal so viel Leser wie 2016, sagt Kessler. Genaue Auflagenzahlen nennt seine Zeitung traditionell nicht. Schätzungen zufolge soll die Auflage zwischen 400 000 und 500 000 Exemplaren liegen – bedeutend mehr als in den Jahren zuvor. Dass es mit dem Blatt, das der sonst weltweit als Job- und Branchenkiller beleumundete Jeff Bezos 2013 zum Schnäppchenpreis von 250 Millionen Dollar gekauft hat, aufwärtsgeht, kann man schon daran erkennen, dass die „Post“ in den vergangenen beiden Jahren rund zweihundert Mitarbeiter eingestellt hat. Für den Aufschwung sorgt Donald Trump wider Willen mit. Zeitungen wie die „Washington Post“, die „New York Times“, Sender wie CNN und MSNBC, die fortwährend gegen den Präsidenten antreten, profitieren davon. Man nennt es den „Trump Bump“.

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