05.09.2006 · Vor kurzem waren sie der Schrecken der Lehrer, jetzt stehen sie vor der Kamera: Der Fotograf Philipp Wente hat fünf Schüler der Berliner Rütli-Schule aus dem Klassenzimmer geholt und Modeaufnahmen mit ihnen gemacht.
Von Ingeborg HarmsEs gibt viele Arten, böse Geister auszutreiben, Modefotografie gehört normalerweise nicht dazu. Doch der Fotograf Philipp Wente verspricht sich gerade von ihr einen PR-Erfolg, wenn es darum geht, einen frischen und unbefangenen Blick auf die Berliner Rütli-Schule zu werfen. Die Neuköllner Hauptschule war Ende März dieses Jahres durch einen Notruf ihrer Erzieher in einen Presse-Gau geraten. In einem Brandbrief berichtete das Kollegium vom Zusammenbruch seiner Autorität und von Verhältnissen, in denen blanke Gewalt jedes Interesse am Unterricht beseitigt hatte.
Daß die aus sozialen Unterschichten stammende Schülerschaft zu über achtzig Prozent nichtdeutscher Herkunft war, trug zur Vehemenz des öffentlichen Aufschreis bei. Schon 2005 hatte sich keiner der rund achtzig Absolventen einen Ausbildungsplatz sichern können. Inzwischen macht ein Zeugnis der „Terrorschule“ eine erfolgreiche Bewerbung praktisch unmöglich. Mit seiner fotografischen Charmeoffensive will Philip Wente nun Rütli-Schüler nicht länger als tickende Bomben fürs Establishment, sondern als mediale Stars vorstellen und sie in Modeaufnahmen „bewußt positiv überhöhen“.
Rein in den Anzug
Models sind bekanntlich harte Arbeiter. Der Aufruf zu einem Modeshooting außerhalb des Stundenplans war daher zunächst einmal ein Test auf Qualitäten, die auch in der grauen Wirtschaft hoch geschätzt werden. Eine entsprechende Figur und gutes Aussehen tragen natürlich zu einer Modelkarriere bei, entscheidend sind Ausstrahlung und Selbstbewußtsein. Gerade dieser Aspekt schien dafür zu sprechen, daß sich jene Alpha-Kids beim Fotografen melden würden, die im Schulalltag den Ton angeben, und das sind nach Ansicht des Leiters des Berliner Anti-Gewalt-Zentrums Oliver Lück die Aggressiven: „Gewalt ist nun mal die ökonomischste und einfachste Art und Weise, Erfolg und Macht zu erleben.“
Andererseits mußte Wentes Anfrage die Autoritäten des pubertären Machtgefüges in eine strategische Krise stürzen, denn bei den Aufnahmen ist der Fotograf der Boß. Man darf also davon ausgehen, daß viele Gedankenblasen über dem Rütli-Pausenhof aufstiegen, bevor eine Handvoll Schüler sich entschloß, zum Casting zu erscheinen. Es wundert nicht, daß Wente von ihnen zunächst einmal gelöchert wurde: „Etwa zehn Jugendliche stehen um mich herum, wollen alles genau erklärt bekommen.“ Als sie erfahren, daß für das Projekt zwei Tage einzuräumen sind, springt die Hälfte der Volontäre wieder ab.
Eine Chance für die Persönlichkeit
Übrig bleiben zwei Jungen und drei Mädchen. „Einer von ihnen ist Rapper, der andere Hip-Hop-Tänzer, eines der Mädchen singt.“ Philip Wente hat es also mit extrovertierten Schülern zu tun, denen der öffentliche Auftritt nicht ganz fremd ist. Die fünf beweisen jene Art von Mut, die das eigene Selbstwertgefühl zu erkennen gibt, ohne es gewaltsam durchzusetzen. Unterwegs in der U-Bahn entstehen die ersten Fotos. Die Boys stecken in lockeren T-Shirts und Trainingshosen, die Girls in hautengen Baumwolltops und Jeans. Der Berliner Modevertrieb „showrespect“ liefert die Kleider. Für die Jungs ist der Umstieg auf ein knallrotes Sweatshirt oder einen dunklen Anzug kein Problem, die Mädchen sind nur durch eine Flut männlicher Komplimente dazu zu überreden, sich aus ihren bewährten Outfits zu schälen. Den Ausschlag gibt die hingeworfene Bemerkung, Sarah Connor habe letzte Woche einige der Teile anprobiert.
Die Visagistenschule „yab academy“ nimmt sich der Frisuren und des Make-ups an. Ihre Arbeit trägt enorm zum Vorher-Nachher-Effekt bei. Vor allem die Mädchen wirken jünger, von dick aufgetragenem Maskara befreit, nicht so resigniert und frühreif wie noch in der U-Bahn. Leichte Sommerkleider vollenden die Metamorphose. Die erogene Zone wird vom nackten Bauch und in Hosen verpackten Unterkörper auf Dekollete, Schultern und Gesicht verschoben - eine Maßnahme, die der Persönlichkeit eine Chance gibt, Fragilität sichtbar macht und eine Aura von Unschuld um die Adoleszentinnen legt.
Gefangene der Verhältnisse
Besonders frappant ist die Veränderung bei der blonden Kadiye, die ihr ungekämmtes Haar im gewöhnlichen Leben umstandslos mit einem Gummiband zusammenhält und auch sonst keine allzu hohe Meinung von ihren weiblichen Reizen zu hegen scheint. Auf den Fotografien ist sie nicht wiederzuerkennen. In einem rosigen Bustierkleid mit gesmoktem Busen wirkt sie scheu und verletzlich. Später, mit einer filigranen Halskette bewaffnet, wird sie zur tanzenden Najade mit einem Hunderttausend-Dollar-Blick.
Zwei Tage haben genügt, um aus der pubertären Strähnensuse zunächst das vorschnell begrabene Kind und dann die elektrisierende junge Frau herauszuholen. Auch ihre Freundinnen werden weicher und geradezu porzellanpuppenhaft, als erst einmal die dicke Schminke vom Gesicht ist. Philip Wente lichtete sie auch hinter den Kulissen und zwischen den offiziellen Modefotos ab. Während sie auf dem Set versteinern, geheimnisvoll aussehen möchten und doch nur gequält und verschreckt erscheinen, spiegelt sich die Erleichterung anschließend in einem hinreißenden Lächeln, um das jedes Model der Welt sie beneiden würde. Wir erkennen, wie gut ihnen die Anstrengung tut und wie selten sie dazu herausgefordert werden. Dasselbe gilt für die Jungs, die im Oberhemd nicht dressiert wirken, sondern hellwach und bestrickend, jeder Rolle gewachsen, eher Showbiz-Virtuosen aus der „West Side Story“ als Serientäter, die man zur Gerichtsverhandlung in einen neuen Anzug steckt.
Vom Gewohnheits-Ich zur Persönlichkeit
Seinen Versuch, „ein ästhetisiertes Gegengewicht zur Medienschelte“ zu schaffen, hat Philip Wente fast zu ernst genommen. Auf den eigentlichen Modefotos überwiegt eine leere Dramatik der ausdruckslosen Gesichter. Die Zoomporträts der Mädchen mit verschwommenem Vordergrund rufen Erinnerungen an David Hamilton wach. Pathos transportieren auch Settings und Inszenierung: Sanela zerrt, in Unschuldsweiß gekleidet, an den Stricken eines Turngeräts wie eine Sklavin in einem Historienfilm. Dann wieder schaut sie mit kummervollem Blick durch ein schlecht geputztes Fenster, in das jemand forsch ein paar Zahlen geritzt hat - und wir verstehen: Sie ist eine Gefangene der Verhältnisse, die Besseres verdient hat. Doch zum Glück hat Philip Wente nebenbei ganz andere Bilder gemacht. Und die sind von der schußsicheren Laufstegattitüde so weit wie von der Lehrerschreck-Fratze entfernt.
Um diese Kids dort zu erwischen, wo sie weder von der Hackordnung der Schule noch von den Idealisierungsansprüchen wohlmeinender Erwachsener bedrängt werden, braucht es etwas mehr als eine gemeinsame U-Bahn-Fahrt. Es braucht schon so etwas wie ein Modeshooting. Hier verstehen sich Profis darauf, den Typ freizulegen und seine starken Seiten zu unterstreichen. Indem sie das Unverwechselbare kultivieren, tragen sie den Wust an Vorbildern, unter denen sich ein junger Mensch gerne versteckt, für einen Augenblick ab. Wie befreiend diese Aufmerksamkeit ist, verraten die Fotos. Aus der Höhle ihres Gewohnheits-Ichs gelockt, werden Leila, Kadiye, Sanela, Cihan und Tonny zu vielschichtigen Persönlichkeiten, auf die jeder Personalchef neugierig wäre. Nicht, weil sie besonders friedfertig wirken, sondern weil sie lebendig, neugierig und offen sind.
Der alte Fluch der Jugend
Das Ergebnis des Projekts betrifft nicht nur und nicht einmal hauptsächlich die Rütli-Schule, sondern den Umgang mit Adoleszenz überhaupt. Wir haben uns damit abgefunden, daß Mode manisch die Jugend kopiert, und werfen uns bis ins hohe Alter in ihre Klamotten. Dabei übersehen wir, daß die Outfits der Fünfzehnjährigen weniger ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen, als vielmehr der Camouflage dienen. Sie vertuschen, was in ihnen steckt, um diese Reserven vor Spöttern zu schützen.
Infolgedessen laufen ganze Schulen auch ohne Uniformzwang in Einheitslooks herum, deren Teile sich im wesentlichen nur durch die Preisschilder der Markenhierarchie unterscheiden. Ihr Tenor ist eine Monotonie des Aufreizenden, Paris Hilton oder Gangsta Rappa, lauter Phantomproxies. Es ist vielleicht keine schlechte Idee, die korrespondierende Mutlosigkeit durch eine Investition ins Äußere aufzubrechen. Wer die inneren Widerstände überwindet, die ihn an individueller Kleidung hindern, der verliert auch vor anderen Alleingängen die Furcht.
Philipp Wente eröffnet seinen Laienmodels eine Bühne, auf der sie sich selbst repräsentieren dürfen. Schon deshalb liegt über den Fotos etwas von Wedekinds „Frühlingserwachen“ und Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“. In den Augen der fünf Schüler blitzt das Wissen darüber auf, für wie böse man sie hält. Es ist der alte Fluch der Jugend, die nichts dafür kann, daß es ihr besser geht als allen Alten, daß sie intensiver fühlt, verwegener träumt und leidenschaftlicher küßt. Böse ist sie nach Dafürhalten der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur, weil einige von ihnen mit der Zwille nach dem Lehrer zielen, Türen eintreten und Knaller zünden, sondern weil ihre Kritiker sie einer paradiesisch sorglosen Existenz verdächtigen. Nicht ganz unwahr, verraten uns ihre Augen, und das können auch ein paar Jahre an der Rütli-Schule nicht zerstören.