Home
http://www.faz.net/-gsb-74ahe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Rücktritt des BBC-Generaldirektors Die Tante des Clowns hat nichts mehr zu lachen

Die gute alte BBC wird immer tiefer in den Skandal um ihren Moderator und Kinderschänder Jimmy Savile hineingezogen. Nun muss auch ihr neuer Generaldirektor George Entwistle gehen. Die Zuschauer fühlen sich vom Sender zum Komplizen unfassbarer Straftaten gemacht.

© Reuters Vergrößern Byzantinisches Verwaltungsprozedere: George Entwistle war nur 54 Tage im Amt, in denen er seiner Aufgabe allerdings schon nicht gewachsen war.

George Entwistle war elf Tage im Amt, als die BBC in die schlimmste Krise ihrer Geschichte gestürzt wurde. Einer ihrer größten Stars, der vor einem Jahr gestorbene Entertainer Jimmy Savile, soll ein Pädophiler gewesen sein. Nach 54 Tagen hat nun Entwistle am vergangenen Samstag Abend seinen Rücktritt erklärt. Nichts stand dem unseligen Generaldirektor der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt so gut, als wie er den Posten verlassen hat, möchte man in Abwandlung von Shakespeare sagen. Entwistle musste gehen, weil die BBC in dem durch den Savile-Skandal entfachten Furor einen prominenten Konservativen zu Unrecht der Kinderschändung beschuldigt hat und damit ihr wichtigstes Kapital verspielt hat, nämlich die journalistische Integrität, auf der ihr weltweites Ansehen als Nachrichtendienst beruht.

Gina Thomas Folgen:    

Das Schicksal des Generaldirektors wurde durch ein Rundfunkinterview mit seinem eigenen Sender besiegelt, in dem sich bestätigte, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wegen der Handhabung der Savile-Affäre stand er ohnehin in der Kritik, als er am Samstag morgen von seinem Kollegen John Humphrys in die Mangel genommen wurde. Das macht seinen Auftritt umso unfassbarer.

Imageschutz vor journalistischer Integrität

Seit Wochen wird die BBC von Sturmböen umweht. Ihr wird nicht nur vorgehalten, zugelassen zu haben, dass sich ein komischer Kauz wie Jimmy Savile an leicht zu beeindruckenden Minderjährigen vergehen konnte, teilweise sogar in den Garderoben des Senders. Sie steht außerdem im Verdacht, Ende vergangenen Jahres eine Recherche der Tagesthemensendung „Newsnight“ über Savile unterbunden zu haben, um ihr Image zu schützen. Obwohl Entwistle, damals noch zuständig für die Programmgestaltung, über die Recherche unterrichtet gewesen sei, habe er zugelassen, dass kurz darauf an Weihnachten mehrere lobpreisende Würdigungen des „unvergleichlichen“ und „unvergesslichen Jimmy Savile“ ausgestrahlt wurden.

Entwistle bekundete über den genauen Inhalt der gestoppten Recherche nichts gewusst zu haben, woraufhin ihm der parlamentarische Kulturausschuss einen „erstaunlichen Mangel an Neugier“ bescheinigte. Nun will er wieder nichts gewusst haben von jenem „Newsnight“-Beitrag über die Affäre, der einen Rausch von Spekulationen in Gang setzte und am Freitag in der Offenbarung gipfelte, dass der „Kronzeuge“ der BBC sich geirrt habe. Der „hochrangige Konservative“ - es handelt sich um Lord McAlpine, einen ehemaligen Schatzmeister der Partei und Thatcher-Vertrauten - sei das Opfer einer Verwechslung. Wie Entwistle in verblüffender Offenheit erklärte, sei bei der BBC so viel los, dass er sich nur mit einer Sache beschäftige, wenn seine Aufmerksamkeit darauf gelenkt werde.

Entwistle hatte Angst vor Autoritätsverlust

Die mangelnde Neugier, die der Kulturausschuss kürzlich auch James Murdoch im Zusammenhang mit dem Abhörskandal bei der „News of the World“ vorhielt, klingt im Lichte dieser Vorgänge wie ein klassisches britisches Understatement. Es zeigt sich, nicht zum ersten Mal, dass die BBC an der gleichen Mischung aus institutioneller Blindheit und Behäbigkeit krankt, die das Ansehen der Banken, Murdochs britischem Zeitungskonzern, der katholischen Kirche, den Spesen reitenden Abgeordneten und der Polizei in einer Kette von Skandalen beschädigt haben.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Missbrauchsskandal in England Er missbrauchte Kinder im Krankenhaus

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, den der frühere BBC-Moderator Jimmy Savile über Jahrzehnte beging, wird immer deutlicher. Insbesondere in einem Hospital überfiel er seine wehrlosen Opfer. Er war Schirmherr der Klinik. Mehr Von Felix-Emeric Tota

26.02.2015, 15:50 Uhr | Feuilleton
Berlin Gänsebraten für Obdachlose

Für viele Obdachlose in Berlin ist es das Fest des Jahres: Zum 20. Mal hat Entertainer Frank Zander Hunderte von Bedürftigen bei seiner Weihnachtsfeier mit Gänsebraten verköstigt. Zu Gast waren 2800 Gäste. Serviert haben auch diesmal wieder Prominente. Mit dabei waren unter anderem Natascha Ochsenknecht, Axel Schulz und Gregor Gysi. Mehr

22.12.2014, 19:19 Uhr | Aktuell
Geld für Öffentlich-Rechtliche Soll die BBC werden wie ARD und ZDF?

Der britische Rundfunkbeitrag ist auch nicht mehr das, was er mal war. Neue Modelle sind nun gefragt. Der Parlamentsausschuss empfiehlt Finanzierung nach deutschem Vorbild. Mehr Von Gina Thomas

27.02.2015, 16:02 Uhr | Feuilleton
Frühlingsprognose Murmeltier Jimmy beißt Bürgermeister ins Ohr

Sein schläfriger Kollege Phil aus Punxsutawney ist mit dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier weltbekannt geworden. Jimmy, das Vorhersage-Murmeltier aus Sun Prairie im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, ist hierzulande noch relativ unbekannt. Das könnte sich durch seinen diesjährigen Auftritt ändern: Statt nur einen frühen Frühlingsbeginn zu verkünden, hat er mal eben den Bürgermeister des Ortes ins Ohr gebissen. Mehr

03.02.2015, 12:31 Uhr | Gesellschaft
Missbrauchs-Skandal in England In einem verdorbenen Land

In der Grafschaft Oxfordshire wurden in den vergangenen 16 Jahren fast vierhundert Kinder missbraucht. Lange Zeit wollten das die Behörden nicht wahrhaben, deckt ein aktueller Bericht auf. Cameron reagierte mit einem Kindermissbrauchsgipfel in London. Er will einen Kulturwandel erreichen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

04.03.2015, 07:15 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.11.2012, 20:29 Uhr

Helikopterkinder

Von Sandra Kegel

Knatternde Rotorenblätter, aufheulende Martinshörner, durchdringende Megaphon-Durchsagen: Wenn Hessens Abiturprüfungen auf die EZB-Eröffnung treffen. Mehr 5