Äußerlich wirkte Rudi Assauer in der ZDF-Sendung „Volle Kanne“ am Freitagmorgen ruhig, ausgeglichen, zurückgenommen, bisweilen fast ein wenig versonnen. Seine Antworten auf die Fragen des Moderators Ingo Nommsen waren klar und kurz. In einer der ersten Fragen ging es um die Schalker Arena, die im August 2001 eröffnet worden war, sofort Maßstäbe setzte und eine neue Epoche im deutschen Stadionbau einleitete.
Rudi Assauer, damals Manager von Schalke 04, war Spiritus Rector und treibende Kraft des Projekts, das vorab nicht wenige ob des verschließbaren Dachs, des herausfahrbaren Rasens und der Schalker Finanzlage für größenwahnsinnig erachteten. Knapp schilderte Assauer nun, wie es beim Planen und Bauen zuging, und erinnerte sich speziell an die gute Zusammenarbeit mit einer holländischen Firma: „Ich komm“, schloss er, „jetzt nicht mehr auf den Namen. Die Platte ist leer.“
Etwa in der Mitte der Sendung ging es um die unfreiwillige und unfeine Trennung von Schalke im Mai 2006. Ob er durch seine aufbrausende Art nicht auch Anteil an diesem Ende gehabt habe, wollte Nommsen wissen. Assauer überlegt ein wenig und sagt dann, keineswegs im Rechtfertigungston, sondern eher melancholisch über sein gesamtes Wirken: „Ich denke, es war alles richtig gewesen.“ Und ganz gegen Ende auf die Frage, wie er sich die kommende Zeit vorstelle, ganz knapp: „Man muss durch.“
In gewisser Weise repräsentativ
In der Essener „Memory Clinic“ hat man vor zwei Jahren bei Rudi Assauer die Demenz-Erkrankung Alzheimer diagnostiziert. Seit dem Beginn dieser Woche ist dies auch ein öffentlicher Befund. Der Patient und sein Umfeld haben ganz bewusst - und ganz bewusst zum jetzigen Zeitpunkt - den Schritt in die Öffentlichkeit gewählt.
Gerade ist das vom Journalisten Patrick Strasser geschriebene Assauer-Buch „Wie ausgewechselt - Verblassende Erinnerungen an mein Leben“ erschienen, am kommenden Dienstagabend um 23.15 Uhr sendet das ZDF die Langzeit-Reportage „Und jetzt auf einmal ist alles vorbei“ von Stephanie Schmidt. Die Teilnahme an „Volle Kanne“ soll Assauers einziger Live-Auftritt bleiben, die ungewöhnliche Stunde (morgens um kurz nach neun Uhr) verdankte sich offenbar seiner Vorliebe just für dieses Format.
Begleitet wurde Assauer von seiner Tochter Bettina, bei der er zumindest vorübergehend wohnt, von seiner langjährigen Sekretärin und Mitarbeiterin Sabine Söldner und von seinem Freund, dem Sportreporter Werner Hansch. Diese drei stehen für jenes „stabile soziale Umfeld“, das Hans-Georg Nehen, der Leiter der „Memory Clinic“, in der Sendung als eine besonders wichtige Voraussetzung für die adäquate Betreuung von Alzheimer-Patienten bezeichnete.
Schon die vergangenen Tage haben gezeigt, dass die Kunde von Assauers Erkrankung nicht nur ein großes Medienecho erzeugte, sondern vor allem auch bei vielen jüngeren wie älteren Bürgern auf enorme Resonanz stieß. Die breite Prominenz, die Rudi Assauer besitzt, und das Macho-Image des erst Siebenundsechzigjährigen machen seinen jetzigen Zustand in gewisser Weise repräsentativ: In ihm spiegeln sich Siege und Niederlagen, Sorgen und Ängste der immer älter werdenden Gesellschaft.
Merkwürdig
Franz Müller (Franzy)
- 03.02.2012, 22:20 Uhr