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RTL-Serie „Prison Break“ : Wie Jack Bauer, nur ohne Handy

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Raus aus dem Knast: Michael (r.) und Lincoln Bild: RTL

Ein unschuldiger Mann wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung, sein Bruder will ihn befreien: Die neue RTL-Thrillerserie „Prison Break“ ist das spannendste Fernsehereignis seit dem Echtzeit-Reißer „24“.

          Michael Scofield ist kein Krimineller. Sein Bruder Lincoln Burrows auch nicht. Trotzdem sitzen beide im Knast. Das Leben ist nicht immer fair.

          Weil Lincoln ein Mord in die Schuhe geschoben wurde und er jetzt auf seine Hinrichtung wartet, überfällt Michael eine Bank. Sein Plan sieht vor, sich festnehmen zu lassen und ins gleiche Hochsicherheitsgefängnis zu kommen, um seinen Bruder zu befreien. Das klingt ungefähr so erfolgversprechend wie die Drohung „Ich halte jetzt so lange die Luft an, bis ihr meinen Bruder freilasst“, ist jedoch bis ins kleinste Detail ausgeklügelt. Michael ist Ingenieur und war um ein paar Ecken vor etlichen Jahren am Bau des Fox-River-Staatsgefängnisses beteiligt. Vor seinem Banküberfall ließ er sich die kompletten Bauzeichnungen auf den Oberkörper tätowieren, versteckt in allerlei Geschnörkel und zusammenhanglose Begriffe, die als Wegweiser durch die Schächte und Gänge des Gefängnisses und als Spickzettel für sein Vorhaben dienen.

          Undurchsichtige Verschwörung

          Die neue RTL-Thrillerserie „Prison Break“ ist das spannendste Fernsehereignis seit dem Echtzeit-Reißer „24“, zu dem es mehrere Parallelen gibt: die durchgehende Handlung ohne Verschnaufpause mit einem Cliffhanger am Ende jeder Folge und der daraus resultierende Suchtfaktor, die Umsetzung unmöglich erscheinender Vorhaben, eine undurchsichtige Verschwörung, Gewalt, die Inkaufnahme unangenehmer Entscheidungen, immer verbunden mit dem eindringlichen Satz: „Wir haben keine andere Wahl“, und das plötzliche Ableben diverser Charaktere. Natürlich gibt es auch Unterschiede: Michael Scofield darf im Knast im Gegensatz zu Jack Bauer kein Handy haben, das oft dessen einziges Werkzeug ist. Überhaupt ist interessant, wie viel „Prison Break“ von der Vielschichtigkeit, der Spannung, dem Tempo und der Atmosphäre von „24“ hat, ohne im Geringsten wie eine Kopie zu wirken.

          Einige Ideen übernimmt „Prison Break“ auch aus dem 1979er Film „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood, der auf wahren Begebenheiten basierte. Und obwohl die Serie netto etwa 15 Stunden länger ist, ist sie schneller und spannender, weil immer wieder etwas dazwischenkommt, das den Ausbruchsversuch verzögert oder erschwert. Zwischendurch gibt es dann immer noch genug Zeit, ein weiteres Manko des Films zu beheben: In „Flucht von Alcatraz“ erfährt der Zuschauer so gut wie nichts über die ausbruchswilligen Insassen, mit denen er mitfiebern und deren Erfolg er sich mehr als insgeheim wünschen soll. Weiß Gott, das könnten doch alles gefährliche Massenmörder sein, womit verdienen die Sympathie?

          Gute Jungs, böse Justiz

          „Prison Break“ umgeht dieses Problem schon in der Grundkonstellation: Die beiden Brüder im Mittelpunkt sind gute Jungs, die sich nur zu ihrem Recht verhelfen wollen, weil die Justiz versagt hat. Und selbst für die Sympathien, die man für einige ihrer Mitinsassen entwickelt, die ebenfalls ausbrechen wollen, erhält man nach und nach Rechtfertigungen. Da ist einer, der wegen schweren Raubs einsitzt, weil er Kleinkram stahl, unter dem sich zu seiner Unkenntnis etwas Wertvolles befand, einer, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, weil er Amtsmissbrauch aufdecken wollte und dann auf die schiefe Bahn geriet, einer, der von seinem Cousin an die Polizei verraten wurde, als er einen Lebensmittelladen überfiel, um Geld für einen Verlobungsring für seine Freundin zu erbeuten, auf die es der Cousin aber ebenfalls abgesehen hatte, und schließlich die milde alte Verbrecherlegende, die vor Jahrzehnten ein Flugzeug entführte und auf raffinierte Weise mit dem erpressten Lösegeld flüchten konnte, ohne dass jemand zu Schaden kam. Trotzdem sind die Bösen natürlich nicht nur die Knastaufseher, die ihre Gefangenen malträtieren, bestehlen und betrügen, sondern auch einige Häftlinge, allen voran der ekelhafte Rassist Theodore „T-Bag“ Bagwell (Robert Knepper), der mehr als an einem Ausbruch Folge für Folge daran zu arbeiten scheint, in die Liste der größten TV-Schurken aller Zeiten aufgenommen zu werden.

          Wentworth Miller, den man schon mal gesehen haben kann, aber wahrscheinlich nicht hat, spielt in seiner ersten Hauptrolle Michael Scofield, und auch der Rest des Ensembles kommt ohne große Stars aus, was der Authentizität der Serie eher nutzt. Allein Stacy Keach kann man als prominent bezeichnen. Er war vor zwanzig Jahren der brutale Privatdetektiv „Mike Hammer“, der damals die Produktion der Serie unterbrechen musste, weil er im wirklichen Leben im Gefängnis saß. Ausgerechnet er spielt in „Prison Break“ den gutmütigen Gefängnisdirektor.

          Durchgescheuerte Sofas

          Die Serie fesselt. Und so albern sich einige Stationen des Fluchtplans in einer sachlichen Beschreibung anhören, so plausibel wirken sie im Gesamtzusammenhang, oder zumindest so akzeptabel für den Zweck der Serie, ein Thriller zu sein, bei dessen Ansicht Sofas durchgescheuert werden. Auch bei „24“ musste man spätestens nach Staffel 3 zu dem Schluss kommen, dass Logik eine überholte Tugend ist, die zugunsten von Spannung gern eingetauscht werden darf.

          Wenn diese Ähnlichkeiten allerdings bedeuten, dass „Prison Break“ hierzulande ein ähnlicher Erfolg wie „24“ beschieden ist, stellt sich die Frage, warum der Marktführer etwas ins Programm nimmt, das schon für RTL-2-Verhältnisse als Flop gilt. Die Antwort ist simpel: Was soll er denn sonst senden? Die Eigenproduktionen will derzeit niemand sehen, und vor noch mehr „CSI“-Ausstrahlungen pro Woche hat womöglich sogar RTL Skrupel. Die Renaissance amerikanischer Serien hatte sich bei uns noch nicht herumgesprochen, als „24“ begann. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar groß, dass, wer „24“ nicht mochte, auch an „Prison Break“ keinen Gefallen finden wird, doch ebenso groß ist die, dass viele, die „24“ nie gesehen oder davon gehört haben, „Prison Break“ eine Chance geben werden.

          Solange niemand denkt, diese Serie hätte auch nur im Entferntesten irgendetwas mit dem Knast aus „Hinter Gittern“ zu tun.

          Jeden Donnerstag um 22.15 und 23.15 Uhr auf RTL.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 35

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