Home
http://www.faz.net/-gqz-uru6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

RTL-Serie „Prison Break“ Wie Jack Bauer, nur ohne Handy

Ein unschuldiger Mann wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung, sein Bruder will ihn befreien: Die neue RTL-Thrillerserie „Prison Break“ ist das spannendste Fernsehereignis seit dem Echtzeit-Reißer „24“.

© RTL Vergrößern Raus aus dem Knast: Michael (r.) und Lincoln

Michael Scofield ist kein Krimineller. Sein Bruder Lincoln Burrows auch nicht. Trotzdem sitzen beide im Knast. Das Leben ist nicht immer fair.

Weil Lincoln ein Mord in die Schuhe geschoben wurde und er jetzt auf seine Hinrichtung wartet, überfällt Michael eine Bank. Sein Plan sieht vor, sich festnehmen zu lassen und ins gleiche Hochsicherheitsgefängnis zu kommen, um seinen Bruder zu befreien. Das klingt ungefähr so erfolgversprechend wie die Drohung „Ich halte jetzt so lange die Luft an, bis ihr meinen Bruder freilasst“, ist jedoch bis ins kleinste Detail ausgeklügelt. Michael ist Ingenieur und war um ein paar Ecken vor etlichen Jahren am Bau des Fox-River-Staatsgefängnisses beteiligt. Vor seinem Banküberfall ließ er sich die kompletten Bauzeichnungen auf den Oberkörper tätowieren, versteckt in allerlei Geschnörkel und zusammenhanglose Begriffe, die als Wegweiser durch die Schächte und Gänge des Gefängnisses und als Spickzettel für sein Vorhaben dienen.

Mehr zum Thema

Undurchsichtige Verschwörung

Die neue RTL-Thrillerserie „Prison Break“ ist das spannendste Fernsehereignis seit dem Echtzeit-Reißer „24“, zu dem es mehrere Parallelen gibt: die durchgehende Handlung ohne Verschnaufpause mit einem Cliffhanger am Ende jeder Folge und der daraus resultierende Suchtfaktor, die Umsetzung unmöglich erscheinender Vorhaben, eine undurchsichtige Verschwörung, Gewalt, die Inkaufnahme unangenehmer Entscheidungen, immer verbunden mit dem eindringlichen Satz: „Wir haben keine andere Wahl“, und das plötzliche Ableben diverser Charaktere. Natürlich gibt es auch Unterschiede: Michael Scofield darf im Knast im Gegensatz zu Jack Bauer kein Handy haben, das oft dessen einziges Werkzeug ist. Überhaupt ist interessant, wie viel „Prison Break“ von der Vielschichtigkeit, der Spannung, dem Tempo und der Atmosphäre von „24“ hat, ohne im Geringsten wie eine Kopie zu wirken.

Einige Ideen übernimmt „Prison Break“ auch aus dem 1979er Film „Flucht von Alcatraz“ mit Clint Eastwood, der auf wahren Begebenheiten basierte. Und obwohl die Serie netto etwa 15 Stunden länger ist, ist sie schneller und spannender, weil immer wieder etwas dazwischenkommt, das den Ausbruchsversuch verzögert oder erschwert. Zwischendurch gibt es dann immer noch genug Zeit, ein weiteres Manko des Films zu beheben: In „Flucht von Alcatraz“ erfährt der Zuschauer so gut wie nichts über die ausbruchswilligen Insassen, mit denen er mitfiebern und deren Erfolg er sich mehr als insgeheim wünschen soll. Weiß Gott, das könnten doch alles gefährliche Massenmörder sein, womit verdienen die Sympathie?

Gute Jungs, böse Justiz

„Prison Break“ umgeht dieses Problem schon in der Grundkonstellation: Die beiden Brüder im Mittelpunkt sind gute Jungs, die sich nur zu ihrem Recht verhelfen wollen, weil die Justiz versagt hat. Und selbst für die Sympathien, die man für einige ihrer Mitinsassen entwickelt, die ebenfalls ausbrechen wollen, erhält man nach und nach Rechtfertigungen. Da ist einer, der wegen schweren Raubs einsitzt, weil er Kleinkram stahl, unter dem sich zu seiner Unkenntnis etwas Wertvolles befand, einer, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, weil er Amtsmissbrauch aufdecken wollte und dann auf die schiefe Bahn geriet, einer, der von seinem Cousin an die Polizei verraten wurde, als er einen Lebensmittelladen überfiel, um Geld für einen Verlobungsring für seine Freundin zu erbeuten, auf die es der Cousin aber ebenfalls abgesehen hatte, und schließlich die milde alte Verbrecherlegende, die vor Jahrzehnten ein Flugzeug entführte und auf raffinierte Weise mit dem erpressten Lösegeld flüchten konnte, ohne dass jemand zu Schaden kam. Trotzdem sind die Bösen natürlich nicht nur die Knastaufseher, die ihre Gefangenen malträtieren, bestehlen und betrügen, sondern auch einige Häftlinge, allen voran der ekelhafte Rassist Theodore „T-Bag“ Bagwell (Robert Knepper), der mehr als an einem Ausbruch Folge für Folge daran zu arbeiten scheint, in die Liste der größten TV-Schurken aller Zeiten aufgenommen zu werden.

Wentworth Miller, den man schon mal gesehen haben kann, aber wahrscheinlich nicht hat, spielt in seiner ersten Hauptrolle Michael Scofield, und auch der Rest des Ensembles kommt ohne große Stars aus, was der Authentizität der Serie eher nutzt. Allein Stacy Keach kann man als prominent bezeichnen. Er war vor zwanzig Jahren der brutale Privatdetektiv „Mike Hammer“, der damals die Produktion der Serie unterbrechen musste, weil er im wirklichen Leben im Gefängnis saß. Ausgerechnet er spielt in „Prison Break“ den gutmütigen Gefängnisdirektor.

Durchgescheuerte Sofas

Die Serie fesselt. Und so albern sich einige Stationen des Fluchtplans in einer sachlichen Beschreibung anhören, so plausibel wirken sie im Gesamtzusammenhang, oder zumindest so akzeptabel für den Zweck der Serie, ein Thriller zu sein, bei dessen Ansicht Sofas durchgescheuert werden. Auch bei „24“ musste man spätestens nach Staffel 3 zu dem Schluss kommen, dass Logik eine überholte Tugend ist, die zugunsten von Spannung gern eingetauscht werden darf.

Wenn diese Ähnlichkeiten allerdings bedeuten, dass „Prison Break“ hierzulande ein ähnlicher Erfolg wie „24“ beschieden ist, stellt sich die Frage, warum der Marktführer etwas ins Programm nimmt, das schon für RTL-2-Verhältnisse als Flop gilt. Die Antwort ist simpel: Was soll er denn sonst senden? Die Eigenproduktionen will derzeit niemand sehen, und vor noch mehr „CSI“-Ausstrahlungen pro Woche hat womöglich sogar RTL Skrupel. Die Renaissance amerikanischer Serien hatte sich bei uns noch nicht herumgesprochen, als „24“ begann. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar groß, dass, wer „24“ nicht mochte, auch an „Prison Break“ keinen Gefallen finden wird, doch ebenso groß ist die, dass viele, die „24“ nie gesehen oder davon gehört haben, „Prison Break“ eine Chance geben werden.

Solange niemand denkt, diese Serie hätte auch nur im Entferntesten irgendetwas mit dem Knast aus „Hinter Gittern“ zu tun.

Jeden Donnerstag um 22.15 und 23.15 Uhr auf RTL.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 35

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Attentat auf Abraham Lincoln Der Tod eines Erlösers

Abraham Lincoln gilt den Amerikanern als einer der bedeutendsten ihrer Präsidenten. Sein größter Triumph - der Sieg des Nordens über den Süden im Bürgerkrieg - wurde ihm auch zum Verhängnis. Aus Rache erschoss der Fanatiker John Wilkes Booth ihn vor 150 Jahren. Mehr

14.04.2015, 09:52 Uhr | Politik
Trauma der Gaza-Kinder Sechs Jahre alt, drei Jahre Krieg erlebt

Der elfjährige Muntasser hat während des Gazakriegs im Juli 2014 miterlebt, wie sein Bruder und drei Cousins bei einem israelischen Raketenangriff getötet wurden. Dieses Trauma hat er bis heute nicht überwunden. Freiwillige von ausländischen Nichtregierungsorganisationen versuchen, traumatisierten Kindern wie Muntasser zu helfen. Mehr

01.02.2015, 13:20 Uhr | Gesellschaft
Indonesien Todeskandidaten sagen Angehörigen Lebewohl

Auf der indonesischen Gefängnisinsel Nusakambangan haben sich an diesem Montag die Todeskandidaten von ihren Angehörigen verabschiedet – unter ihnen auch die Familien der Australier Sukumaran und Chan. Chan hatte zuvor noch seine Verlobte geheiratet. Mehr

27.04.2015, 16:35 Uhr | Politik
Proteste aus Canberra Zwei Australier vor der Hinrichtung in Indonesien

Die beiden verurteilten australischen Drogenschmuggler sind von ihrem Gefängnis auf Bali auf eine Gefängnisinsel gebracht worden, wo ihnen gemeinsam mit anderen verurteilten Ausländern die Hinrichtung bevorsteht. Mehr

04.03.2015, 17:19 Uhr | Politik
From Dusk till Dawn Große Explosionen machen wir selbst

Sein Kinofilm From Dusk till Dawn ist legendär. Nun macht Robert Rodriguez daraus eine Fernsehserie. Zu Besuch bei einem, der sein eigener Herr ist. Mehr Von Nina Rehfeld, Austin

18.04.2015, 21:27 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.06.2007, 15:00 Uhr

Die letzte Lektion der Odenwaldschule

Von Melanie Mühl

Die Mauern der Odenwaldschule bröckelten schon lange, doch sie blieben stehen. Jetzt ist die Schule pleite und schließt. Endlich wurden die Opfer des Missbrauchsskandals gehört. Mehr 2 3