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„Winnetou“ bei RTL : Häuptling der Edlen und Wilden

Der Harte und der Zarte in wechselnden Rollen: Winnetou (Nik Xhelilaj) und Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring). Bild: RTL / Nikola Predovic, RatPack

Zu Weihnachten verschreibt sich RTL Karl May. Drei Filme erzählen die Geschichte von „Winnetou“ neu. Der Klassiker wird gegenwärtig und aktuell, aber nicht verhunzt. Das ist sehr ansehnlich.

          Old Shatterhand ist ein Immigrant. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft ist er über Ellis Island ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gekommen – wie so viele Glücksritter, Hungerleider und Halunken aus der Alten Welt. Mit dem Feuerross des weißen Mannes reitet er gen Westen. Als deutscher Facharbeiter will er bei einer der Eisenbahngesellschaften anheuern, die im Wettlauf mit der Konkurrenz Schienen von Küste zu Küste verlegt. Als er am Rande der Zivilisation, in der Westernstadt Roswell, allen Ernstes unter einem „Willkommen“-Plakat hindurchschreitet, um ans Kontor der „Central Pacific Railroad“ zu klopfen und zu sagen: „Guten Tag, mein Name ist Karl May, ich bin der neue Ingenieur“, glaubt sich der Mann, der seine Bestimmung und seinen wahren Namen noch finden muss, am Ziel. Nur man selbst fragt sich: Ob das wohl gutgeht?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Winnetou“ neu aufgelegt, ein halbes Jahrhundert nach den Kino-Filmen mit Pierre Brice und Lex Barker, die durch unzählige Fernsehwiederholungen längst Ewigkeitswert haben? In einer Zeit, die für Cowboys und Indianer wenig übrig hat und in der Karl-May-Bücher nicht mehr zur Standardausstattung von Kinderzimmern gehören? Dann auch noch Winnetou ausgerechnet bei RTL? Als Weihnachtsdreiteiler mit Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand und einem in Deutschland unbekannten albanischen Schauspieler namens Nik Xhelilaj als Häuptling der Apachen? Es gibt doch die Festspiele in Bad Segeberg. Man weiß überdies doch genau, dass der Indianerkitsch mit dem wahren Leben und Leiden der native americans fast nichts zu tun hat.

          Da hängt ein „Willkommen“-Schild

          Alles geschenkt. Der Produzent Christian Becker und der Regisseur Philipp Stölzl haben sich mit ihren drei abendfüllenden Winnetou-Filmen „Eine neue Welt“, „Das Geheimnis vom Silbersee“ und „Der letzte Kampf“ einen Jungentraum erfüllt. Mit den Drehbuchautoren Jan Berger und Alexander M. Rümelin haben sie Mitstreiter gefunden, die ihre Westerngeschichten lose genug an den Vorlagen entlang erzählen, um Raum für Neues, Heutiges zu schaffen – und sich gleichzeitig so eng an das Vertraute halten, dass ihre Skripte wie Verbeugungen vor Karl May und den bisherigen Adaptionen wirken. Nicht nah genug allerdings, um die Originaltitel der zugrunde liegenden Bücher verwenden zu dürfen.

          Der ältere Herr kommt uns doch bekannt vor: Gojko Mitic war der „Winnetou des Ostens“, jetzt spielt der den Häuptling Intschu Tschuna, begelitet vom neuen Winnetou (Nik Xhelilaj).
          Der ältere Herr kommt uns doch bekannt vor: Gojko Mitic war der „Winnetou des Ostens“, jetzt spielt der den Häuptling Intschu Tschuna, begelitet vom neuen Winnetou (Nik Xhelilaj). : Bild: RTL

          Die Ausstattung ist beeindruckend, gedreht wurde, wie es sich gehört, in Kroatien. Die felsige Landschaft um den Tulove Grede ist nun einmal das Apachenland der Deutschen, über das nun wieder Motive von Martin Böttchers bekannter „Winnetou“-Filmmusik wehen, frisch arrangiert von Heiko Maile. So gelingt tatsächlich, etwas von der charakteristischen Tonlage der alten Filme, die Pathos, Komik und Naivität modulierten, in die neuen zu übertragen. Die Versuchung, das Vorbild auf Teufel komm raus zu aktualisieren, hat zum Glück niemand verspürt. Die Filme haben dennoch genug von „Der mit dem Wolf tanzt“ gelernt, um den Häuptling nicht mehr in akzentfreiem Deutsch von sich in der dritten Person sprechen zu lassen, sondern mit Akzent oder in einer untertitelten Indianersprache, die Apache sein soll, aber wohl Lakota ist. Old Shatterhand ist kein überzeugter Christ mehr, sondern ein getaufter Rationalist, der sich schamanistischen Ritualen öffnet, ein Tischgebet spricht und mit Winnetou über Jesus redet als über einen, der keinen offensichtlichen Sieg davongetragen hat. „Was weiß ich schon“, lautet Old Shatterhands Glaubensbekenntnis. Das ist durchaus zeitgemäß.

          Die Neuinterpretation bietet alles auf, was ein lässig an ethnologischer und historischer Akkuratesse vorbeischießender Western braucht, um seine Story auszuschmücken: Schlägereien im Saloon, versoffene, abgrundtief hässliche und böse Bleichgesichter, edel dreinschauende oder zähnefletschend Verwünschungen ausstoßende Indianer in Phantasiekostümen. Winnetou selbst tritt bevorzugt ohne Oberbekleidung auf, also oberhalb des Gürtels in idealer Nacktheit. Es gibt eine Hure mit goldenem Herzen, schöne Squaws, allerlei skurrile Gestalten, die als Schurken am meisten Vergnügen bereiten.

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