Home
http://www.faz.net/-gsb-7092b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

RTL: „Günter Wallraff deckt auf“ Dieses Paket ist eine Bombe

Günter Wallraff ist mal wieder undercover unterwegs. Als Paketzusteller erlebt er sein blaues Wunder – Arbeitsverhältnisse „wie im Frühkapitalismus“.

© dpa Vergrößern Er weiß sich die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen, um skandalöse Arbeitsverhältnisse anzuprangern: Günter Wallraff, hier auf einer Buchvorstellung im Jahr 2009

Wenn demnächst der Paketbote klingelt, sollten wir ihm ins Gesicht schauen. Dann wäre Günter Wallraff wenigstens in einem Punkt widerlegt. „Einem Dienstboten schaut man nicht ins Gesicht“, sagte er nämlich zu seiner Undercover-Recherche bei dem Zustelldienst GLS, die RTL am Mittwochabend zeigte. Und erklärte damit, warum ihn in all den Wochen, in denen er Paketfahrer auf ihrer Tour begleitete, nicht erkannt wurde.

Michael Hanfeld Folgen:  

Und sagte damit zugleich, warum das System moderner Sklaverei, in dem Menschen bis zum Umfallen und zum finanziellen Ruin schuften, funktioniert: Es sieht keiner so genau hin, wenn es heißt, dass die Lieferung frei Haus kommt und also kostenlos sei. Wer denkt schon daran, dass das Paket jemand ausliefert, der 3,14 Euro brutto die Stunde verdient und zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag malocht?

Die Fahrer schreiben ein „Märchenbuch“

Der alte Mann kann es noch: Neunundsechzig Jahre ist Günter Wallraff inzwischen und sich längst noch nicht zu schade, sich krumm zu machen für die Offenlegung eines Skandals, von dem man zunächst denken mochte: So schlimm wird`s schon nicht sein, kein Vergleich jedenfalls zu dem, was Wallraff vor Jahrzehnten als Türke Ali erlebte, als der die gefährlichsten Dreckjobs in der Schwerindustrie erledigte.

Und doch kapitulierte der Marathon-Mann Wallraff vor der Strecke, welche die Paketfahrer täglich zurücklegen. Der Tag beginnt morgens um fünf und endet nicht vor sieben, acht Uhr abends. Dazwischen wird tonnenweise ein- und ausgeladen, ein- und ausgeladen, nicht für die kleinste Pause bleibt Zeit, das Fahrtenbuch – von den Fahrern „Märchenbuch“ genannt - wird geschönt, und zwischendurch kommen neue Befehle aus der Zentrale. Dabei braucht es „gar keinen Antreiber“, erkennt Wallraff, „es ist das System.“ Am Ende des Monats bleiben dem Fahrer, 1300, 1400 Euro brutto.

Und den Subunternehmern, die GLS beschäftigt, bleibt unter Umständen noch weniger als das. Sie stehen im Risiko, vor allem im finanziellen, und tragen die Verantwortung. Es sind ehemalige Fahrer, denen man, wie im Film geschildert wird, weisgemacht hat, dass sie das große Geld verdienen und die am Ende mit horrenden Schuldsummen dastehen. Ein Kommen und Gehen und Auspressen, solange, bis die Arbeitnehmer am Ende sind, so schildert es Wallraff: ein ausgeklügeltes System der Ausbeutung, begünstigt durch das Fehlen eines gesetzlichen Mindestlohns und gipfelnd in einem perversen „Bußgeldkatalog“, mit dem GLS angeblich seine Mitarbeiter – die streng genommen gar keine sind, sondern Angestellte der Subunternehmer – gängelt und einschüchtert.

„Rechtskonforme Anstellungsverhältnisse“

An diesem Manchester-Kapitalismus anno 2012 ist nichts Gutes zu entdecken und so nimmt es nicht Wunder, dass Wallraff kein Interview mit der Geschäftsführung von GLS bekam und sich für diese Firma auch niemand in die anschließende Ausgabe von „Stern TV“ traute, in der Steffen Hallaschka (der Günther Jauch an diesem Platz Vergessen macht) Wallraffs Thema noch einmal vertiefte.

Einen dürren Satz gab GLS schriftlich zu Protokoll, der auch schon wieder aussagt, dass sich die Firma selbst offenbar gar nicht in der Verantwortung sieht. Ist dort doch davon die Rede, dass „die Transportunternehmen“ (also Subunternehmer) „bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS grundsätzlich zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet“ würden.

„Gemeinsam nach vorne gucken“

GLS also kniff vor der Kamera, dafür war jemand im „Stern TV“-Studio vom Konkurrenzunternehmen Hermes, das ebenfalls mit Subunternehmern arbeitet und bei dem, wie in einem Beitrag geschildert wurde, die Fahrer sogar selbst ihre Wagen stellen, es gleichwohl nicht ganz so darwinistisch zugehen soll wie bei GLS. Doch als der Hermes-Mann, der sich immerhin ins Fernsehen traute, dann mit einem Satz anfing, der da lautete, es gehe doch darum, „wie wir gemeinsam nach vorne gucken und Lösungen finden“, war Wallraffs Aufklärungstour perfekt: Die Ausbeuter bitten die Sklaven, doch bitte gemeinsam nach Verbesserungen auf dem untersten Deck der Galeere zu suchen. Falscher geht’s nicht.

Es ist nicht die erste Reportage über die Usancen im Zustellungsgewerbe, doch muss man Günter Wallraff anrechnen, dass er die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen versteht, die es braucht, um skandalöse Zustände wirklich in Angriff zu nehmen und nicht mit einem Schulterzucken zur Tagesordnung überzugehen. Da braucht es das manchmal etwas überhöht klingende Pathos gar nicht („ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr“) oder die RTL-typische Angeberei (“seine Enthüllungen haben Deutschland verändert“), um die Botschaft an den Empfänger zu bringen. Dieses Paket ist angekommen.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Hart aber Fair Oh, oh, Amazon

Frank Plasberg diskutiert über den Online-Handel - und Amazon wird zum Sündenbock. Vielleicht hätte Plasberg auch einen Kunden in seine Talkrunde einladen sollen. Mehr Von Patrick Bernau

09.12.2014, 03:57 Uhr | Wirtschaft
Paketdienste im Test Ein Sturz aus zwei Meter Höhe

Rund drei Mal so viele Pakete wie sonst sind vor Weihnachten unterwegs. Doch nicht immer kommt die Ware unbeschädigt beim Empfänger an. Wie sicher sind Pakete? Ein Test zeigt, wie mit der Ware umgegangen wird. Mehr

08.12.2014, 15:41 Uhr | Wirtschaft
Ferrari California T Das erste Apple-Auto

Der California T von Ferrari ist das erste Auto, das die Inhalte des iPhones auf dem Bordmonitor spiegelt. Wir haben getestet, ob das wirklich so eine Sensation ist. Mehr Von Michael Spehr

10.12.2014, 09:33 Uhr | Technik-Motor
Peking Marathon mit Gasmaske

Obwohl in der chinesischen Hauptstadt lebensgefährlicher Smog herrscht, haben mehr als 20.000 Teilnehmer beim Peking Marathon mitgemacht. Viele von ihnen liefen mit Gasmaske. Mehr

20.10.2014, 09:35 Uhr | Sport
Luftkissenschutz Im Airbag ist noch jede Menge Luft

Der Luftkissenschutz für Fahrer und Beifahrer ist inzwischen fast lückenlos. Nun rückt die Sicherheit der Fondpassagiere in den Fokus der Entwicklungsingenieure. Mehr Von Hans W. Mayer

20.12.2014, 12:00 Uhr | Technik-Motor
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.05.2012, 07:04 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 3 3