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RTL: „Günter Wallraff deckt auf“ Dieses Paket ist eine Bombe

 ·  Günter Wallraff ist mal wieder undercover unterwegs. Als Paketzusteller erlebt er sein blaues Wunder – Arbeitsverhältnisse „wie im Frühkapitalismus“.

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Wenn demnächst der Paketbote klingelt, sollten wir ihm ins Gesicht schauen. Dann wäre Günter Wallraff wenigstens in einem Punkt widerlegt. „Einem Dienstboten schaut man nicht ins Gesicht“, sagte er nämlich zu seiner Undercover-Recherche bei dem Zustelldienst GLS, die RTL am Mittwochabend zeigte. Und erklärte damit, warum ihn in all den Wochen, in denen er Paketfahrer auf ihrer Tour begleitete, nicht erkannt wurde.

Und sagte damit zugleich, warum das System moderner Sklaverei, in dem Menschen bis zum Umfallen und zum finanziellen Ruin schuften, funktioniert: Es sieht keiner so genau hin, wenn es heißt, dass die Lieferung frei Haus kommt und also kostenlos sei. Wer denkt schon daran, dass das Paket jemand ausliefert, der 3,14 Euro brutto die Stunde verdient und zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag malocht?

Die Fahrer schreiben ein „Märchenbuch“

Der alte Mann kann es noch: Neunundsechzig Jahre ist Günter Wallraff inzwischen und sich längst noch nicht zu schade, sich krumm zu machen für die Offenlegung eines Skandals, von dem man zunächst denken mochte: So schlimm wird`s schon nicht sein, kein Vergleich jedenfalls zu dem, was Wallraff vor Jahrzehnten als Türke Ali erlebte, als der die gefährlichsten Dreckjobs in der Schwerindustrie erledigte.

Und doch kapitulierte der Marathon-Mann Wallraff vor der Strecke, welche die Paketfahrer täglich zurücklegen. Der Tag beginnt morgens um fünf und endet nicht vor sieben, acht Uhr abends. Dazwischen wird tonnenweise ein- und ausgeladen, ein- und ausgeladen, nicht für die kleinste Pause bleibt Zeit, das Fahrtenbuch – von den Fahrern „Märchenbuch“ genannt - wird geschönt, und zwischendurch kommen neue Befehle aus der Zentrale. Dabei braucht es „gar keinen Antreiber“, erkennt Wallraff, „es ist das System.“ Am Ende des Monats bleiben dem Fahrer, 1300, 1400 Euro brutto.

Und den Subunternehmern, die GLS beschäftigt, bleibt unter Umständen noch weniger als das. Sie stehen im Risiko, vor allem im finanziellen, und tragen die Verantwortung. Es sind ehemalige Fahrer, denen man, wie im Film geschildert wird, weisgemacht hat, dass sie das große Geld verdienen und die am Ende mit horrenden Schuldsummen dastehen. Ein Kommen und Gehen und Auspressen, solange, bis die Arbeitnehmer am Ende sind, so schildert es Wallraff: ein ausgeklügeltes System der Ausbeutung, begünstigt durch das Fehlen eines gesetzlichen Mindestlohns und gipfelnd in einem perversen „Bußgeldkatalog“, mit dem GLS angeblich seine Mitarbeiter – die streng genommen gar keine sind, sondern Angestellte der Subunternehmer – gängelt und einschüchtert.

„Rechtskonforme Anstellungsverhältnisse“

An diesem Manchester-Kapitalismus anno 2012 ist nichts Gutes zu entdecken und so nimmt es nicht Wunder, dass Wallraff kein Interview mit der Geschäftsführung von GLS bekam und sich für diese Firma auch niemand in die anschließende Ausgabe von „Stern TV“ traute, in der Steffen Hallaschka (der Günther Jauch an diesem Platz Vergessen macht) Wallraffs Thema noch einmal vertiefte.

Einen dürren Satz gab GLS schriftlich zu Protokoll, der auch schon wieder aussagt, dass sich die Firma selbst offenbar gar nicht in der Verantwortung sieht. Ist dort doch davon die Rede, dass „die Transportunternehmen“ (also Subunternehmer) „bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS grundsätzlich zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet“ würden.

„Gemeinsam nach vorne gucken“

GLS also kniff vor der Kamera, dafür war jemand im „Stern TV“-Studio vom Konkurrenzunternehmen Hermes, das ebenfalls mit Subunternehmern arbeitet und bei dem, wie in einem Beitrag geschildert wurde, die Fahrer sogar selbst ihre Wagen stellen, es gleichwohl nicht ganz so darwinistisch zugehen soll wie bei GLS. Doch als der Hermes-Mann, der sich immerhin ins Fernsehen traute, dann mit einem Satz anfing, der da lautete, es gehe doch darum, „wie wir gemeinsam nach vorne gucken und Lösungen finden“, war Wallraffs Aufklärungstour perfekt: Die Ausbeuter bitten die Sklaven, doch bitte gemeinsam nach Verbesserungen auf dem untersten Deck der Galeere zu suchen. Falscher geht’s nicht.

Es ist nicht die erste Reportage über die Usancen im Zustellungsgewerbe, doch muss man Günter Wallraff anrechnen, dass er die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen versteht, die es braucht, um skandalöse Zustände wirklich in Angriff zu nehmen und nicht mit einem Schulterzucken zur Tagesordnung überzugehen. Da braucht es das manchmal etwas überhöht klingende Pathos gar nicht („ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es seit dem Frühkapitalismus nicht mehr“) oder die RTL-typische Angeberei (“seine Enthüllungen haben Deutschland verändert“), um die Botschaft an den Empfänger zu bringen. Dieses Paket ist angekommen.

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31.05.2012, 07:04 Uhr

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Von Mark Siemons

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