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Veröffentlicht: 16.06.2014, 23:31 Uhr

„RTL Aktuell Spezial“ „Schumacher ist sicher nicht in einem ganz top-fitten Zustand“

Wie macht man aus einer 30-Sekunden-Meldung über Michael Schumacher eine 30-Minuten-Sonderausgabe? RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel hat die maximale Kapitalisierung dieser Nachricht vorgeführt.

von Stefan Niggemeier
© AFP Michael Schumacher

„Wahnsinn“, twitterte die Redaktion von „RTL Exclusiv“ am frühen Montagabend, „Schumi schaut heute Abend das Deutschlandspiel um seinem Freund Lukas Podolski die Daumen zu drücken!“ Die vermeintliche Nachrichtensendung „RTL Aktuell“ spekulierte wenig später: „Vielleicht hat Schumacher im Koma tatsächlich das Fußball-Fieber erfasst.“

Wahrscheinlicher ist, dass bloß bei RTL sämtliche Sicherungen durchgebrannt sind, als am Montagmittag die Nachricht kam, dass der Formel-1-Rennfahrer nicht mehr im Koma liege. Der Sender nahm eine dreißigminütige Sonderausgabe von „RTL Aktuell“ ins Programm, um 20:15 Uhr, was er sonst nie tut, was aber an diesem Tag perfekt passte, damit sich nicht nur Schumi die Sendung noch nach dem Deutschlandspiel angucken konnte.

Wenn die einzig verlässliche Quelle nicht reicht

Dreißig Minuten für eine Nachricht, über die es kaum mehr als dreißig Sekunden zu erzählen gibt. Peter Kloeppel erklärte, dass Sabine Kehm, die Managerin, von der die Nachricht stammt, „die einzige Quelle für verlässliche Nachrichten über den Gesundheitszustand“ Michael Schumachers sei. Was natürlich für RTL nicht bedeutet, sich bloß auf diese einzige verlässliche Quelle zu verlassen. Nur wenige Sätze später raunte Kloeppel, dass es „Anzeichen für eine schrittweise Verbesserung seines Zustandes“ gebe, „die leise optimistisch stimmen“.

RTL-Reporterin Elke Büchter stand vor der Klinik in Lausanne, in der Schumacher nun abgeschirmt von der Öffentlichkeit behandelt wird, und wusste zu berichten, dass das eine Top-Adresse sei. Das könne man schon daraus schließen, dass Schumacher dort hingebracht wurde, denn man könne davon ausgehen, dass Schumachers Frau Corinna sich für ihren Mann „die allerbeste Versorgung ausgesucht hat“.

Von den Ärzten werde man „bedauerlicherweise“ wohl nicht erfahren, welche Fortschritte Schumacher macht, aber Büchter wagte eine eigene Diagnose: „Michael Schumacher ist sicher nicht in einem ganz top-fitten Zustand.“

Akribische Dokumentation des Nicht-Wissens

Büchter erklärte, die Gerüchte schössen jetzt schon „komplett ins Kraut“. Irgendjemand habe erzählt, dass Schumacher die ersten Schritte mache! „Äußerst unzuverlässige Quelle“, schüttelte Peter Kloeppel den Kopf; gut dass seine Nachrichten sowas nicht verbreiten.

RTL-Reporter Uli Klose hatte es derweil geschafft, der Kanzlerin in Brasilien die entscheidende Frage zum Thema zu stellen: „Wie froh macht Sie diese Nachricht?“

Der Sender ließ mehrere Ärzte zu Wort kommen, die allesamt sagten, man müsse vorsichtig sein mit Interpretationen der „Nicht mehr im Koma“-Nachricht, das könne vieles bedeuten, man wisse nichts. Akribisch dokumentierte RTL, was wir noch alles nicht wissen: Wie lange Schumacher in dieser Klinik bleibt, wie lange die Genesungsphase dauert, ob es Komplikationen geben wird.

Der RTL-Formel-1-Experte Felix Görner kam ins Studio, um zu sagen, was die Formel-1-Kollegen von Schumacher sind: erleichtert.

Ein Puzzle mit 1000 Teilen

Er fügte hinzu, die lästigen angeblichen Experten mit ihren dauernden Einschätzungen machten die Sache für die Familie nicht unbedingt einfacher. Das lasse sich jedoch „im Zeitalter des Internets und der freien Meinungsäußerung“ nicht verhindern. Als promovierter Sportjournalist war Görner aber natürlich in der Lage, auf der Grundlage vieler Quellen eine Einschätzung zu wagen: „Ich glaube, wir befinden uns in einem großen Puzzle Michael Schumacher, und das Puzzle hat vielleicht tausend Teile, und jeder Tag bringt in diesem Puzzle ein oder zwei Teile zurück, und ich glaube, das wird ein jahrelanger Weg zurück, aber ein hoffnungsvoller Weg.“

Unterlegt von Geigen wiederholte RTL Archivbilder von Schumacher beim Skifahren und erzählte noch einmal ausführlichst, was vor einem halben Jahr alles passiert ist oder sein könnte. „Jeder Komapatient ist anders“, sagte Peter Kloeppel, was sich verblüffenderweise als Anmoderation für einen Beitrag über einen anderen Komapatienten entpuppte, den RTL vor Monaten schon einmal gezeigt hatte.

RTL scheute sich nicht, Archivaufnahmen, in denen sich Michael und Corinna Schumacher umarmen, mit den Worten zu betexten: „Es sind Berührungen wie diese, die ihren Mann zurück ins Leben geführt haben; zarte Momente, die Corinna Schumacher die Ungewissheit überstehen lassen.“

„Dass wir alle heile nach Hause gehen“

Schumacher müsse nun dafür kämpfen, dass Corinnas sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht, hieß es, und dann sagte Frau Schumacher, aus irgendeinem anderen Zusammenhang gerissen, lachend in die Kamera: „Dass wir alle heile nach Hause gehen.“

Zum Schluss noch einmal eine Schaltung zur RTL-Reporterin, die sinnlos vor dieser Klinik in Lausanne herumstand, was nur einen Vorteil hatte: Dass sie erzählen konnte, wieviele andere Kollegen dort inzwischen auch standen. Sie hatte immerhin noch eine Information, die nicht von Sabine Kehm stammte und trotzdem keine total haltlose Spekulation war, was ihr sichtlich behagte: Die Klinik in Grenoble sei 170 Kilometer von Corinna Schumachers Wohnort entfernt, da brauche man, je nach Verkehrslage, bis zu zwei Stunden pro Weg. Nach Lausanne seien es nur noch 30 Kilometer, 30 Minuten, „das bringt eine wahnsinnige Erleichterung“, und das sei ja gut, damit sie sich mehr um die Kinder kümmern könne.

Wenn wenigstens nicht Peter Kloeppel im Studio gestanden hätte, sondern Frauke Ludowig oder irgendein anderer halbseidener Boulevardmensch! Aber RTL wollte beides: Die maximale Kapitalisierung dieser Nachricht und den seriösen Anstrich; das alberne Gerücht und die Distanzierung davon. Kloeppel verabschiedete sich mit den Hinweis, dass man seine Wünsche und Gedanken in einem „Online-Genesungsbuch“ bei rtl.de aufschreiben könne.

Quelle: FAZ.NET

 

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