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RTL 2 In erster Linie lustig

25.07.2007 ·  Der Fernsehsender RTL 2 erzürnte mit Sexreportagen die Moralisten und mit „Big Brother“ die Feingeister. Jetzt sucht man ein neues Profil, lustig soll es sein, aber auch seriös. Um dieses Image zu stärken, starten die Münchner in den kommenden Wochen eine Reihe neuer Formate.

Von Peer Schader
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Seit 2005 ist der einundvierzig Jahre alte Jochen Starke Chef beim ehemaligen Skandalkanal RTL 2, der mit Sexreportagen die Moralwächter erregte und mit „Big Brother“ das Feuilleton. Anstatt mit neuen Programmen war man zuletzt öfter in den Schlagzeilen, weil die Gesellschafter sich nicht so recht über den Kurs einigen können.

Die mit 35,1 Prozent beteiligte RTL Group würde den Sender gerne ganz übernehmen, die Mitgesellschafter - die Tele München Gruppe, Bauer und Burda - aber lehnen das ab. Starke besänftigt: „Dass unterschiedliche Gesellschafter auch unterschiedliche Wünsche haben können, steht außer Frage. Wenn diese Wünsche in Einklang mit den Zielen des Senders zu bringen sind, ist das in Ordnung.“

Programm für „echte Menschen“

Inzwischen hat sich RTL 2 aufs Nettigkeitsfernsehen besonnen, zeigt zudem hochwertige amerikanische Serien wie „Rom“ und will endgültig weg vom Trash-Image. Aber wohin will man?

Zu mehr Ausgewogenheit, sagt Axel Kühn, seit November vergangenen Jahres Programmchef beim Münchner Sender, der seinen Sitz in einem Neubauquader hinter den Bavaria-Studios im noblen Stadtteil Grünwald hat und dorthin mit seinem Programm für „echte Menschen“ mit „echten Problemen“ so gar nicht passt.

Der achtunddreißigjährige Kühn kam vom Produzenten Tresor TV („Popstars“) und soll RTL 2 wieder mehr Bedeutung bescheren. Ein bisschen hat es schon gewirkt: Die Marktanteile pendeln sich gerade bei etwas über sechs Prozent ein - das ist noch weit vom ehemaligen Rekord mit fast acht Prozent entfernt, aber bereits besser als im vergangenen Jahr.

Dauerbrenner „Frauentausch“

Dabei ist immer noch unklar, wofür RTL 2 jetzt eigentlich steht. Starke sagt: „Andere Sender haben vielleicht stärkere Programmmarken. RTL 2 hat jedoch eine hohe Kompetenz bei Dokutainment und Reality.“ Um dieses Image zu stärken, starten die Münchner in den kommenden Wochen eine Reihe neuer Formate.

Im „Club der Ex-Frauen“ sollen Claudia Effenberg, Giulia Siegel und Maja von Hohenzollern verlassenen Leidensgenossinnen helfen, sich an ihren Ex-Männern zu rächen. Die Dokusoap „Frauentausch“, ein Dauerbrenner, bekommt mit „Das Aschenputtel-Experiment“ einen Ableger, bei dem ein Teenie aus reichem Elternhaus das Leben mit einer Altersgenossin aus armen Verhältnissen tauscht.

In „Schwiegerschreck“ müssen Verliebte eine Woche bei ihrer künftigen Familie einziehen. Bei „Heirate mich!“ soll es zu Spontanhochzeiten kommen. Und in „Krieg am Gartenzaun“ geht ein ehemaliger Bundeswehrgeneral in deutsche Vorortsiedlungen, um Friedensverträge zwischen zerstrittenen Nachbarn auszuhandeln.

„Raus aus den Schulden“

„Viele der neuen Programme haben nicht mehr diese Gefühlsschwere, sondern sind in erster Linie lustig“, sagt Kühn. Zuletzt war es doch ziemlich trübe zugegangen bei RTL 2, in Sendungen wie „Engel im Einsatz“ mit Verona Pooth, die Menschen nach Schicksalsschlägen hilft, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen: Eine zweite Staffel ist in Planung.

Ob das aber reicht, um RTL 2 neu zu positionieren? Immerhin hat auch die Konkurrenz den Trend erkannt: RTL verlässt sich auf „Helfer mit Herz“ und die Finanz-Sendung „Raus aus den Schulden“, am Nachmittag startet in Kürze „Susan - Familienhilfe mit Herz“. Auch Sat.1 will vom Herbst an stärker mit Dokuserien experimentieren.

Jochen Starkes Sender fehlt also das Alleinstellungsmerkmal - und ein Gesicht. „Wir werden sicher die Personen stärker hervorheben müssen, die für die RTL-2-Programme stehen“, sagt Starke. Mit Pooth wird über weitere Sendungen verhandelt, Ex-“Big Brother“-Bewohner Jürgen Milski soll öfter moderieren, und am liebsten hätte Programmchef Kühn Multitalent Oli Petszokat zurück, der vor kurzem im zu Pro Sieben ging.

„Hüllenlos - Auch nackt gut aussehen“

Auch weil das mit dem Sender identifizierbare Gesicht fehlt, setzt man in München auf Vielseitigkeit. Im neuen Automagazin „Grip“ darf Rennfahr-Moderator Matthias Malmedie bald testen, wie es sich anfühlt, mit einem getunten Porsche über die Autobahn zu rasen.

Ab Oktober läuft am Mittwochabend die amerikanische Erfolgsserie „Heroes“ und montags um 23 Uhr die Comedy „Balls of Steel“. „Wir wollen wieder ein bisschen frecher und mutiger werden“, verspricht Kühn.

Das ist auch dringend notwendig: Früher hat RTL 2 zu viel provoziert, heute wird zu viel gekuschelt, weshalb die Zuschauer etwa beim unfassbar langweiligen „Hüllenlos - Auch nackt gut aussehen“ konsequent weggeschaltet haben.

Schuldenprobleme lösen

Und dann ist da noch der verflixte Vorabend, an dem man während der Pause von „Big Brother“ vor allem mit hektischem Experimentieren auffiel. Kühn argumentiert: „Kontinuität kann man erst dann beweisen, wenn man das richtige Programm gefunden hat.

Bis dahin muss man sich ausprobieren.“ Mit der siebten Staffel „Big Brother“, die gerade zu Ende ging, hat das ganz gut geklappt - „deshalb wird das Format nächstes Jahr sicher wiederkommen“, kündigt Kühn an.

Start könnte schon im Januar sein, diesmal aber womöglich auf einem früheren Sendeplatz am Vorabend. Gehofft wird auch auf den Coaching-Talk „Der Requardt“, den RTL 2 von September an um 19 Uhr zeigt und in dem Anwalt Michael Requardt Familienstreitigkeiten und Schuldenprobleme lösen soll.

Eigenproduktionen nicht refinanzierbar

Um beim Marktanteil wieder aufzuholen, fehlen RTL 2 aber schlichtweg Events wie „Germany's Next Topmodel“ oder „Deutschland sucht den Superstar“. Das ist auch deshalb ärgerlich, weil es einst RTL 2 war, das „Popstars“ nach Deutschland holte und später an Pro Sieben abgab. „Im Nachhinein war das sicher die falsche Entscheidung“, sagt Starke, weil die Kollegen mit der Neuauflage der Castingshow Topquoten erzielten.

Eigenproduktionen im Stil der Shows von Stefan Raab sind für RTL 2 hingegen nicht refinanzierbar: „Wir können die großen Sender in einzelnen Punkten mal ärgern - es kann aber nicht die Taktik sein, sich da annähern zu wollen“, erklärt Kühn. „Aber ganz ehrlich: Wenn RTL nicht bei ,America's Got Talent' zugeschlagen hätte, hätte ich alles in Bewegung gesetzt, um da ranzukommen.“

Provokationen dosieren

Auch gegenüber den unmittelbaren Konkurrenten Vox und Kabel 1 ist RTL 2 noch nicht optimal in Stellung: Vox ist mit klarem Profil längst davongezogen, Kabel 1 experimentiert erfolgreich mit Dokusoaps wie „Männer allein daheim“.

Den Trend der Auswanderer-Reportagen hat RTL 2 schlicht verpasst. Und die Zeiten, in denen man sich durch Wildheit abheben konnte, sind definitiv vorbei. Das ist auch gut so, findet Kühn: „Wir freuen uns, wenn die Provokation so dosiert ist, dass man über uns spricht. Aber es hat ja keinen Sinn, vierundzwanzig Stunden am Tag zu provozieren.“

Gründlich misslungen

Das kann sich der Sender auch gar nicht leisten, weil es die Werbekunden abschrecken würde. Als einziges unter den großen privaten Vollprogrammen vermarktet sich RTL 2 nicht über die Werbezeitenverkäufer IP Deutschland und Seven One Media, sondern durch die Eigengründung El Cartel Media. Ex-Senderchef Josef Andorfer wollte RTL 2, damals mit deutlich höherem Marktanteil, im Werbemarkt besser aufstellen. Das ist gründlich misslungen.

„Wir haben nicht das erreicht, was wir uns vorgestellt haben“, gesteht Starke ein. Eine Rückkehr zu IP Deutschland ist aber offiziell tabu. Und sich den Spartensendern anzuschließen, die im Herbst gemeinsam auf Vermarktertour gehen, hält Starke für unrealistisch, weil sich RTL 2 womöglich im Preisniveau nach unten angleichen müsste: „Ich bin nicht glücklich über die derzeitige Marktsituation. Aber wir arbeiten hart daran, unsere ambitionierten Ziele zu erreichen.“

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