Home
http://www.faz.net/-gsb-6v9i1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rommel-Dokumentation im ZDF Sein Name sei Sand

Ein ZDF-Film über Erwin Rommel ist überraschend sachlich und ausgewogen geworden. Zwei historische Schulen kommen zu Wort und erläutern die Bildung einer Legende.

© ZDF und Süddeutsche Zeitung Vergrößern Erwin Rommel (re.) mit seinem Stabschef Hans Speidel (li.) in der Normandie kurz vor der alliierten Landung

Erwin Rommel in Nordafrika. Sandstürme, und der Sand dabei so fein, dass er in die Uhren der Soldaten des Afrika-Korps eindringt. Es wird erzählt, dass Rommel damals mit Stammesältesten zusammenkam. Man sagte ihm: Dass du zu uns gekommen bist, war dir vorherbestimmt. „Raml“ - das Arabische kennt den Vokal „o“ nicht - heißt in unserer Sprache „der Sand“. Im Nachlass des Feldmarschalls fand man drei Glasfläschchen, gefüllt mit Sand in verschiedenen Farben. Er war der Mann, wohl der einzige unter den Militärführern der Wehrmacht, um den sich Mythen kristallisieren konnten.

Lorenz Jäger Folgen:    

Dass Mythen unkritisch wiederholt werden, kann man nicht erwarten. Der Film von Christian Frey nähert sich der Realität, vermeidet dabei aber auch den Fehler mancher Fernsehaufklärung über die NS-Zeit, den einer Entheroisierung um jeden Preis. Er ist unerwartet sachhaltig, konzis, mit einer differenzierten Darstellung des Mannes, seiner persönlichen und militärischen Fähigkeiten, er kann den Zuschauer überzeugen. Nur die Wochenschaubilder vom Einzug in Benghasi, wo eine jubelnde italienische Bevölkerung Rommel empfing, sind doch nicht zumutbar, lassen sich aber im Netz finden.

Mehr zum Thema

In den 45 Minuten dieser Dokumentation ließ sich die Karriere Rommels im Ersten Weltkrieg nicht mehr unterbringen, das Gewicht liegt auf dem Afrikafeldzug, der Abwehr in der Normandie und der Frage, wieweit Rommel mit dem 20. Juli sympathisierte. Gerade beim letzten Punkt ist dieser Film insofern besonders gut, als er zwei verschiedene Deutungen zu Wort kommen lässt - die des Historikers Sönke Neitzel (der Rommel seit dem Sommer 1944 in einer geistigen Nähe zum Widerstand sieht) und die entgegengesetzte von Ralf Georg Reuth, Verfasser einer Rommel-Biographie, der hier drei Fragezeichen setzt.

Selbstmord oder Volksgerichtshof

Im Herbst 1944 kam es durch die Aussage Hans Speidels gegenüber der Gestapo (die Speidel seinerseits aber nach dem Krieg vehement bestritt) zu einem konkreteren Verdacht gegen den Feldmarschall. Immerhin hatte er schon am 15. Juli Hitler eine Denkschrift zukommen lassen und darin aus einer sehr pessimistischen Lageanalyse ein Ende der Kampfhandlungen im Westen als mögliche Lösung angedeutet. Neitzel sagt, dies habe man als Ultimatum auffassen können. Zudem berichtet Rommels Sohn Manfred, sein Vater habe vom damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister erfahren, dass Juden in großer Zahl durch Gas getötet wurden.

Im Herbst 1944 schloss sich das „Ehrengericht“ der Wehrmacht unter dem Vorsitz Gerd von Rundstedts der Auffassung an, dass Rommel sträflich gehandelt habe. Im diesem Gremium war auch Heinrich Kirchheim vertreten, der Rommel aus Afrika kannte und dort schwer mit ihm zusammengestoßen war, weil er Rommels Vorgehen beim ersten, sehr verlustreichen Sturm auf Tobruk für abenteuerlich gehalten hatte und deshalb der „Feigheit“ geziehen worden war. Nun stellte das Regime den ungemein populären General vor die Alternative, entweder Selbstmord zu begehen oder sich einem Verfahren vor Freislers Volksgerichtshof zu stellen. Er müsse dann mit Sippenhaft für seine Familie rechnen. Rommel nahm die Giftkapsel. Bei der groß inszenierten Beerdigungsfeier sprach dann ausgerechnet Gerd von Rundstedt zum Lob des Helden.

Geheimnisse des Dritten Reiches. Teil 3: Rommel - Mythos und Wahrheit läuft um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dokumentation zur Finanzkrise Des Kaisers neue Kleider

Gut sieben Jahre ist es her, seitdem die globale Finanzkrise ihren Lauf nahm. Regisseur Michael Winterbottom will mit Russell Brand ergründen, warum sie begann und bis heute spürbar ist. Mehr Von Felix-Emeric Tota

28.10.2014, 15:49 Uhr | Feuilleton
In Frankreichs erstem befreiten Café

70 Jahre nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 wird des D-Days gedacht. Das Café Gondrée in Bénouville soll das erste Gebäude gewesen sein, das die Alliierten befreiten. Für die Besucher ist der Besuch etwas ganz Besonderes. Mehr

05.06.2014, 14:06 Uhr | Politik
Gewichtheber Gerd Bonk Opfer des DDR-Systems

Gewichtheber Gerd Bonk war einst einer der stärksten Männer der Welt – und ein anerkanntes DDR-Dopingopfer. Nun ist er gestorben. Sein Schicksal ist ein Verweis auf die katastrophale Situation der Geschädigten. Mehr Von Thomas Purschke

21.10.2014, 17:01 Uhr | Sport
Immer dahin, wo es kachelt

Storm Chasing ist in Nordamerika eine Aktivität zwischen Sport und Wissenschaft. Aber auch hierzulande fühlen sich Menschen von Unwettern angezogen. Und auch Deutschland ist Tornadoland. Mehr Von Andreas Frey

27.08.2014, 07:54 Uhr | Aktuell
Täglich von 18 Uhr an Kurzfilme auf FAZ.NET

Beim State-Filmfestival geht es um das Thema Zeit. Bis Montag zeigen wir jeweils einen Tag lang einen ausgewählten Kurzfilm. Den Anfang macht On/Off des französischen Regisseurs Thierry Lorenzi. Mehr Von Marco Dettweiler

30.10.2014, 10:29 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.11.2011, 16:33 Uhr

Warhol mit Zeitungsbeilage

Von Patrick Bahners

Wie kann man Leser noch schockieren, die man an optische Sensationen gewöhnt hat? Mit der Mittwochsausgabe dieser Woche gelang der „New York Times“ das Kunststück: Die Zeitung wurde in eine Anzeige verpackt. Mehr