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Meinungsfreiheit : Wir sehen uns wieder nach dem nächsten Gemetzel

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Nach den Morden von Paris waren viele schnell mit „Je suis Charlie“-Solidaritätsadressen zur Hand. Doch was bleibt davon? Bild: dpa

Wissen Sie, wie viele Journalisten im letzten Jahr ermordet wurden? Und wie viele verhaftet und gefoltert? Wer die Meinungsfreiheit erhalten will, muss mehr tun, als die Toten von „Charlie Hebdo“ zu betrauern.

          Wir sehen uns wieder beim nächsten Gemetzel. Wir sehen uns wieder, wenn das nächste Mal Blut geflossen und es ganz einfach ist, sich zu solidarisieren. All die Aufmerksamkeit und die Anteilnahme nach den Morden von Paris werden sich verlieren, bis wir uns beim nächsten Anschlag abermals alle unterhaken und versichern, die Meinungsfreiheit liege jedem anderen unserer Rechte zugrunde und müsse geschützt werden. Doch wo sind all diese Menschen vorher gewesen?

          Mich hat der prophetische Ausspruch des ermordeten Chefredakteurs von „Charlie“ tief beeindruckt: „Ich habe keine Angst vor Vergeltung. Ich habe keine Kinder, ich habe keine Frau, ich habe kein Auto und keine Schulden. Es mag sich ein wenig pompös anhören, aber ich sterbe lieber stehend als auf Knien zu leben.“ Das klingt wie die Erklärung eines Mönchskriegers, eines Kriegsfreiwilligen, der weiß, dass jede seiner Entscheidungen seine Nächsten teuer zu stehen kommen kann. Aber Charb, Stéphane Charbonnier, war Karikaturist und Chefredakteur einer Satirezeitschrift. Gleichwohl scheinen seine Worte die eines Soldaten zu sein, der in die Schlacht zieht, oder die eines Arztes, der zu einem Einsatz in ein verseuchtes Gebiet aufbricht.

          Längst im Gange

          Erpressung und Angst sind die Mittel, mit denen die Meinungsfreiheit zerstört wird. Und machen wir uns nichts vor: Ihre Zerstörung ist längst im Gange. Ich glaube den Romantikern nicht, die sagen: „Nun, da ihre Botschaft überall angekommen ist, haben diese Journalisten gesiegt.“ Nein, nein und nochmals nein. Das Leben ist zu kostbar, um es für die Meinungsfreiheit zu opfern. Das Risiko wurde unterschätzt.

          Der Personenschutz von Charbonnier war kein wirklicher Schutz. Man hatte nur geringe Vorsichtsmaßnahmen getroffen – ein Fahrer und ein bewaffneter Begleiter. Und der Schutz der Redaktion oblag einer Funkstreife, die gelegentlich vorbeikam und das Gebäude im Auge behielt, was wenig effektiv ist. Ähnlich erging es seinerzeit Salman Rushdie, der immer wieder zu hören bekam: „Du solltest Blumen auf Chomeinis Grab legen, denn ohne ihn wärst du längst nicht so berühmt.“ Wird jemand nicht gerade konkret bedroht, gibt es quasi nie echte Solidarität, es wird vielmehr unterstellt, da habe jemand einen cleveren Weg gefunden, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten.

          Was Meinungsfreiheit heißt

          Die Meinungsfreiheit wurde nicht nur erkämpft, damit sie in Zeitschriften und Gerichtssälen zum Tragen kommt. Sie ist kein juristischer Papierkram. Sie ist eine Errungenschaft, ein Prinzip, sie garantiert, was die westliche Welt – bei allen Widersprüchen und fortschreitenden Beschneidungen dieses Rechts – erst zu einer freien Welt macht: einer Welt, in der Millionen Menschen Zuflucht suchen. Meinungsfreiheit heißt, man braucht nicht zu überlegen, ob man etwas sagen darf oder nicht.

          „Charlie Hebdo“ hat jeden auf den Arm genommen, der sich selbst zu ernst genommen hat. Jeden, der einen Glauben instrumentalisiert hat. Diese Satirezeitschrift stellt sich gegen alle. Diskutiert man nun darüber, was politisch korrekt ist oder ob blasphemische Satire verboten werden sollte, dann ist das eine Niederlage. Denn das Problem besteht ja nicht darin, was man sagt, sondern darin, dass man dadurch zur Zielscheibe wird. Einer leicht zu treffenden Zielscheibe.

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